Archiv für Oktober 19th, 2017

Weinstein und #metoo in deutschen Medien: Das Schweigen der Männer

Es gibt ein paar beeindruckende Ausnahmen. Alan Posener in der „Welt“ zum Beispiel oder Christian Gesellmann auf „Krautreporter“. Dort streiten Männer gegen die Bagatellisierung sexueller Übergriffe gegen Frauen, verdeutlichen, warum der Skandal um den Filmproduzenten Harvey Weinstein nicht nur mit Hollywood, nicht nur mit den USA zu tun hat, sondern auch Mechanismen beschreibt, die in unserer Gesellschaft allgegenwärtig sind.

#metoo - Politically Correct - Die BILDblog-Kolumne

Aber wer die Meinungsartikel zum Thema liest, insbesondere die, die um die Bewegung um das Hashtag #metoo geschrieben wurden, der liest vor allem Beiträge, die von Frauen geschrieben sind. Auf den ersten Blick erscheint das sinnvoll, geht es bei dem Thema doch um eines, bei dem Frauen um Sichtbarkeit ihrer Situation kämpfen. Doch müssten nicht eigentlich genau deshalb vor allem Journalisten-Männer in die Bresche springen? Gerade weil Frauen die Opfer des Missstandes sind, müsste die journalistische Debatte doch so laufen, dass es nicht zum Frauen-Thema gemacht wird, dass es nicht vor allem Frauen sind, die hier Veränderungen fordern. Wenn es vor allem Frauen sind, die diese Debatte führen müssen, bleibt der Eindruck der Befindlichkeit.

All das, was Theaterautor, Blogger und Marketingexperte Johannes Kram schon so gemacht hat, würde nicht in diese Box passen. Deswegen hier unvollständig und im Schnelldurchlauf: Nicht nur, aber auch wegen seiner Medien-Kampagne ist Guildo Horn zum „Eurovision Song Contest“ gekommen. Den sogenannten „Waldschlösschen-Appell“ gegen Homophobie in Medien hat er initiiert. Sein „Nollendorfblog“ bekam eine Nominierung für den „Grimme Online Award“. Und mit „Seite Eins — Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone“ hat er Boulevard-Kritik auf die Bühne gebracht. Dafür ein herzliches Dankeschön vom BILDblog.

Ich als Schwuler kenne das aus der leidigen Diskussion um die rechtliche Gleichstellung Homosexueller. Auch hier waren es — im Gegensatz zu den Debatten in anderen Ländern — vor allem Lesben und Schwule, die das Thema nach vorne bringen mussten. Auch wenn die allermeisten heterosexuellen Journalistinnen und Journalisten die Ehe für alle wohl unterstützen, haben sie sie nie richtig zum Thema gemacht. Sie empfanden sie als und erklärten sie für überfällig, aber auch als und für zweitrangig, beschrieben sie mehrheitlich als eine Angelegenheit, die vor allem Lesben und Schwule anging. Ich bin mir sicher, dass die Ehe für alle in Deutschland schon bedeutend früher eingeführt worden wäre, wenn — wie etwa in England, Frankreich oder den USA — mehr Journalistinnen und Journalisten hier ebenfalls ein Gespür dafür entwickelt hätten, dass die Ehe für alle auch wirklich alle angeht, dass es sich um einen Emanzipationsschritt für die gesamte Gesellschaft handelt, dass es kein Minderheiten-, sondern ein Menschenrechtsthema ist.

Deutsche Medien neigen oft dazu, gesellschaftliche Konfliktthemen den „Betroffenen“ aufzubürden, was dazu führt, dass diese vor allem als Bittsteller wahrgenommen werden. Warum waren es fast immer Lesben und Schwule, die in Talkshows erklären mussten, warum sie nicht diskriminiert werden wollen? Warum saßen da nicht in erster Linie heterosexuelle Eltern, Unternehmer, Lehrer, Politiker und so weiter, um zu verdeutlichen, wie sehr die ganze Gesellschaft von Vielfalt profitiert und davon, dass es allen gut geht?

Und warum kommen jetzt so wenige Redaktionen auf die Idee, Männer mit einer Herausforderung zu konfrontieren, die ohne Männer nicht bewältigt werden kann? Die letzten Diskussionen in Deutschland über Sexismus und sexuelle Gewalt sind weitgehend ohne einen gesamtgesellschaftlichen Erkenntnisgewinn versandet. Der #aufschrei nach der Brüderle-Debatte wurde zwar gehört, aber nicht verstanden. Seitdem sich jedes genauere Hinschauen auch noch verstärkt gegen den latenten Vorwurf einer angeblichen Political Correctness wehren muss, ist es teilweise sogar noch schwieriger geworden, eine solche Debatte jenseits der bekannten Reflexe zu führen. Diesmal könnte es anders sein. Gefragt wären dafür: Männer.

Verantwortungsvoll rassistisch

Manchmal ist es ganz wesentlich, wer etwas in welcher Situation gesagt hat, wenn man den Inhalt einer Aussage bewerten will.

Am Bonner Landgericht läuft aktuell ein Prozess, in dem es um eine Vergewaltigung auf einem Campingplatz geht. Der Fall hatte vor einigen Monaten überregional für Aufsehen gesorgt. Und um es von Anfang an klar zu sagen: Sollte der Angeklagte aus Ghana — entgegen seiner Unschuldsbeteuerung — die Tat begangen haben, muss er dafür natürlich verurteilt werden.

Am Montag vergangener Woche sagte unter anderem die Kripobeamtin aus, die nach der Tat mit dem Vergewaltigungsopfer gesprochen hatte. Einen Tag später veröffentlichte das Kölner Boulevardblatt „Express“ einen größeren Artikel, in dessen Überschrift die Redaktion auch ein Zitat eingebaut hatte:

Ausriss aus dem Express - Vergewaltigungsprozess: Polizisten als Zeugen - Opfer ergab sich schwarzem Monster

Im Text taucht das „schwarze Monster“-Zitat noch einmal auf. Und auch dort wird nicht eindeutig klar, von wem es stammt:

In Wahrheit habe sie [das Opfer] unter Schock gestanden. „Trotz Todesangst um sich und ihren Freund“ habe die 23-Jährige geistesgegenwärtig reagiert, als sie sich entschied, sich nicht zu wehren. So ergab sie sich dem „schwarzen Monster“, ihren Freund beschwor sie noch beim Verlassen des Zeltes, das Schweizer Messer stecken zu lassen und die Polizei zu rufen.

Auf Nachfrage schreibt uns die Redaktion, dass das Zitat von der Polizistin stamme. Allerdings handele es sich dabei nicht um deren eigene Worte, sondern um „die Reaktion des Opfers“, die die Beamtin in ihrer Aussage lediglich wiedergegeben habe. Warum macht der „Express“ in seinem Artikel nicht eindeutig klar, wer da redet? Und wer wen zitiert?

Der „Express“ erklärt zur „schwarzen Monster“-Aussage an sich:

Wer derart Erschreckendes [wie das Opfer] erlebt hat, wird sich kaum in dieser Schocksituation auf politisch Korrektes besinnen. Wenn Sie sich in die Tiefen des Falles einarbeiten, können Sie sicherlich nachvollziehen, dass die Äußerung keineswegs in einem rassistischen Zusammenhang zu sehen ist, sondern aus dem Effekt heraus getan wurde.

D’accord.

Nur war schon die Aussage der Kripobeamtin vor Gericht nicht mehr „aus dem Effekt heraus“. Und der anonyme Autor des „Express“-Artikels hat seinen Text erst recht nicht mehr „aus dem Effekt heraus“ aufgeschrieben. Und dennoch hat das Blatt das „schwarze Monster“ sowohl in der Titelzeile als auch im Artikel einfach so übernommen. Keine Distanzierung, keine Bemerkung zur Wortwahl (und wäre es nur eine wie in der Stellungnahme uns gegenüber), als handele es sich um eine ganz normale Aussage. Dabei ist sie, wie sie im „Express“ daherkommt, gleich doppelt problematisch. Schon das „Monster“ entmenschlicht eine Person, die zweifelsohne etwas Schreckliches getan haben soll, aber noch immer ein Mensch ist. Das „schwarze Monster“, die Betonung der Hautfarbe des Angeklagten, ist Rassismus und ein rassistisches Klischee. Dass die Haut des mutmaßlichen Täters schwarz ist, hat nichts mit der ihm angelasteten Tat zu tun. Der „Express“ hätte problemlos ohne das „schwarze Monster“ auskommen können.

Das sieht die Redaktion anders:

Wie Sie wissen, steht der EXPRESS für unabhängige Berichterstattung, Toleranz, Vielfalt und soziale Verantwortung. Die Redaktion hält sich an den Pressekodex und achtet dessen Vorgaben. In diesem Fall sehen wir den Schockausruf des Opfers nicht als rassistisch an, sondern als Ausruf der Verzweiflung. Die Verbreitung des Zitats ist in diesem Fall aus unserer Sicht zulässig, um den kompletten Horror des Erlebten zu beschreiben. Aus unserer Sicht gibt es zwei Möglichkeiten: Sie berichten authentisch über diesen wohl in seiner Brutalität einzigartigen Fall, der ein hohes Interesse in der Bevölkerung hervorruft, oder sie vermelden kühl Anklage und Urteil. Sich auf diesem Weg von klaren Zitaten eines Dritten, die in einer Gerichtsverhandlung fallen, zu distanzieren, diese politisch korrekt zu biegen und zu verfälschen, würde die Glaubhaftigkeit der Presse eher untergraben.

Das „schwarze Monster“ kann aus Sicht des „Express“ also nicht nur in den Artikel, es muss hinein, wenn man verantwortungsvoll berichten will. Und augenscheinlich auch noch in die Überschrift. Um es noch mal klar zu sagen: Uns geht es nicht darum, etwas „politisch korrekt zu biegen und zu verfälschen“, sondern um einen bewussten Umgang mit Sprache und die fahrlässige Reproduktion rassistischer Äußerungen.

Der „Express“-Text landete mitsamt der „schwarzen Monster“-Aussage noch bei Express.de, auf der Internetseite der „Kölnischen Rundschau“, die ebenfalls zum „DuMont“-Verlag gehört, und durch eine Kooperation auch bei „Focus Online“.

Unter dem dazugehörigen Post auf der Facebook-Seite von „Focus Online“ griffen mehrere Kommentatoren das Zitat der Polizistin auf:

“Schwarzes Monster“ (O-Ton). Merkel ich mir, wunderbar zutreffend und nicht zensierbar.

Soll sie sich doch bei merkel bedanken, dass schwarze Monster konnte nur durch merkels gechicke her kommen. Lasst euch trösten! Es kommt jeder mal dran, denn die Grenzen sind immer noch offen, und 200000 Menschen reisen nun legal ein Plus Familiennachzug.

Was ein Monster typisch mal wieder ein Ausländer die jagt auf unsere Frauen machen. Wer hat denn überhaupt rein gelassen 😠

Dieses Monster sollte man ohne Fallschirm über seiner Heimat abwerfen! Die Grenzen müssen endlich wieder gesichert werden, sonst bekommen wir noch mehr von diesen Monstern inns Land.

Aus Ghana. Gehört Ghana jetzt auch zum syrischen Kriegsgebiet, oder warum war dieses Monster überhaupt in Deutschland?

Warum wird denn hier der Täter noch in Schutz genommen. Zeigt uns dieses Monster

Was für ein Monster, und sowas sollen wir hier aufnehmen und beherbergen?! Dieser Mann ist eine tickende Zeitbombe!

Mit Dank an @pfuideifipegida für den Hinweis!

Rechte Reden, Lauschrausch, Irreführung mit Algen

1. „Blut und Feuer um dich – das ist Krieg“
(spiegel.de, Markus Becker)
Zum Tod der maltesischen Journalistin Daphne Caruana Galizia, die durch eine Autobombe umgebracht wurde, schreibt Markus Becker bei „Spiegel Online“: „Der Mord an einer regierungskritischen Bloggerin auf Malta erschüttert das Land, EU-Politiker reagieren entsetzt. Ändert sich jetzt etwas an den Verhältnissen in dem Inselstaat? Vermutlich nicht.“ Ein kompromittiertes Rechtssystem und Polizisten, die sich über Caruanas Tod freuen, geben wenig Grund zur Hoffnung. Mehr zu dem Fall: Süddeutsche.de mit „Tod einer unermüdlichen Journalistin“ und „Zapp“ mit dem Videobeitrag (4:43 Minuten) „‚Malta Files‘: Autobombe tötet Journalistin“.

2. Sie reden doch die ganze Zeit
(zeit.de, Mely Kiyak)
Nach dem Eklat bei der Frankfurter Buchmesse (nein, nicht dem zwischen Roberto Blanco und seiner Tochter Patricia, über den „Bild“ berichtet hat, sondern dem mit den rechtsextremen Verlagen) widmet sich Mely Kiyak in ihrer Kolumne „Deutschstunde“ den Klassikerfragen „Wie umgehen mit Rechten?“ und „Dürfen sie reden, müssen sie reden, können sie reden?“ Der Witz dabei sei, „dass sie permanent reden“ würden: „Die rechtsextremen Netzwerke sind politisch, gesellschaftlich und finanziell enorm einflussreich. Es handelt sich nicht um Benachteiligte. Wer rechtsextrem ist, hat beste Chancen, gehört zu werden.“

3. Fahndungsfotos noch online: Google vs. Medien
(ndr.de, Sabine Schaper, Video, 3:50 Minuten)
Um einen mutmaßlichen Sexualstraftäter zu fassen, hatte das Bundeskriminalamt auch Fotos eines missbrauchten Mädchens veröffentlicht. Viele Redaktionen halfen dem BKA bei der Öffentlichkeitsfahndung, indem sie die Aufnahmen in ihre Onlineartikel einbanden. Nun ist der — inzwischen geständige — Täter geschnappt, und das BKA bittet, die Fotos des Mädchens zu löschen. „Zapp“ zeigt, dass einige Bilder durch den sogenannten Google Cache noch immer zu finden sind. Laut Google müssten die Redaktionen aktiv werden, damit die Fotos verschwinden. Doch deren Löschanträge wurden von Google teilweise abgelehnt. Für alle, die sich das Video gerade nicht angucken können oder wollen: Hier gibt es auch einen Artikel zum Thema.

4. „Vertrauliche Quellen sind eingeschüchtert“
(deutschlandfunk.de, Sebastian Wellendorf, Audio, 5:12 Minuten)
Im Zuge von Telefonüberwachungen gegen das Umfeld von Fußball-Oberligist BSG Chemie Leipzig wurden auch Berufsgeheimnisträger abgehört. Soll heißen: Unter anderem wurden Journalisten bei ihrer Recherche von Polizisten belauscht. Alexandra Gerlach erzählt im Gespräch mit Sebastian Wellendorf vom Ausmaß der Abhöraktion und den Fehlern, die die sächsische Justiz zugegeben hat. Dazu auch: Süddeutsche.de mit „Lauschrausch“.

5. ExxonMobil: Mit den Algen spielen
(klima-luegendetektor.de)
In Werbeanzeigen, unter anderem erschienen in der „Berliner Zeitung“, will sich der Ölkonzern „ExxonMobil“ einen grünen Anstrich geben — mit Algen, die in Zukunft Treibstoff produzieren „könnten“. „Der Klima-Lügendetektor“ erinnert sich an eine ganz ähnliche, sechs Jahre alte „ExxonMobil“-Kampagne: „Was das ganze nun mit dem Klimaschutz zu tun hat? Nichts! Das erklärte zumindest im Jahr 2011 die Advertising Standards Authority ASA, die Werbeaufsichtsbehörde in Großbritanien. So wie jetzt in Deutschland hatte ExxonMobil damals auch mit seinen Algen im Vereinigten Königreich für den Klimaschutz geworben und als Lösung gefeiert, was die Werbeaufsicht als irreführend einstufte und verbot.“

6. Luftnummer (II)
(noemix.twoday.net, Michael Nöhrig)
„Auto 20 Meter in die Luft geschleudert“! „Pkw 20 Meter hochgeschleudert“! „Laut Augenzeugen wurde das Fahrzeug eines 29-jährigen Klagenfurters nach einem Crash 20 Meter in die Luft katapultiert und fiel danach wie ein Stein auf die Fahrbahn zurück“! Michael Nöhrig hat sich die Flugbahn, die in diesen Meldungen österreichischer Medien versprochen wird, mal angeschaut.