Archiv für September 21st, 2017

RTL  

Journalisten ohne Klasse dringen in Klasse ein

Manchmal kann man gar nicht glauben, welche moralischen Grenzen Journalisten überschreiten, um an Informationen zu einem Mordfall, an Fotos von Verstorbenen, einen O-Ton ihrer Angehörigen oder Videoaufnahmen vom Tatort zu kommen. Im baden-württembergischen Villingendorf, einem kleinen Ort mit rund 3300 Einwohnern, konnte man dieses Grenzenüberschreiten in der zurückliegenden Woche gut beobachten.

Am vergangenen Donnerstag sind in Villingendorf drei Menschen getötet worden. Ein sechsjähriger Junge, eine 29-jährige Frau und ein 34-jähriger Mann starben, nachdem mit einem Sturmgewehr auf sie geschossen wurde. Sie feierten gerade eine kleine Einschulungsparty für den Jungen, als sie angegriffen wurden. Der 40-jährige Tatverdächtige ist am Dienstagnachmittag von der Polizei gefasst worden. Viele Redaktionen hatten Mitarbeiter in den Ort geschickt. Für RTL soll ein freies Produktionsteam nach Villingendorf gefahren sein.

Über dieses Team schrieb die „Neue Rottweiler Zeitung“ („NRWZ“) vorgestern:

Ein Team des Fernsehsenders RTL hat sich an dem Fall fest gebissen. Wie Leser der NRWZ berichtet haben, waren die TV-Journalisten in den vergangenen Tagen in Rottweil und Villingendorf unterwegs. Ihr Ziel, so heißt es: O-Töne aus dem Umfeld der Opferfamilie zu bekommen, beispielsweise. So forschen sie nach Informationen der NRWZ gezielt auch nach Adressen von Mitschülern des getöteten Jungen an der GWRS Villingendorf. Nach Adressen von Erstklässlern.

Allein das klingt schon sehr eklig. Laut Peter Arnegger, der den Artikel der „NRWZ“ geschrieben hat, am Donnerstag der erste Journalist am Tatort und in den vergangenen Tagen sehr nah am Geschehen und an den Leuten in Villingendorf war, war damit aber noch lange nicht Schluss. Dasselbe Fernsehteam soll auch in die Schule des Sechsjährigen eingedrungen sein und versucht haben, Lehrer vor deren Schulklassen — wohlgemerkt: Erstklässler! — zu interviewen:

Gestern dann der vorläufige Höhepunkt: Wie die NRWZ verschiedentlich erfahren hat, war das RTL-Team in der Schule selbst. Offenbar ohne sich anzukündigen, sind die TV-Leute in zwei Klassenräume eingedrungen, um die Lehrer vor der versammelten Klasse zu interviewen. Zunächst haben die Reporter die Klasse verwechselt — und wurden vom überraschten Lehrer hochkant raus geworfen.

Dann fanden sie den richtigen Klassenraum. Die Klassenlehrerin — die in diesen Stunden eigentlich auch den kleinen Jungen unterrichten sollte, der am Donnerstag von seinem Vater getötet worden ist — reagierte dem Vernehmen nach geistesgegenwärtig. Sie schmiss die TV-Journalisten nicht nur raus, sie verwies sie auch der Schule.

Die Gemeinde Villingendorf hielt es daraufhin sogar für nötig, einen Aushang an der Schule anzubringen, in der sie die Journalisten bat, die Grundschüler in Ruhe zu lassen:

Foto von einem Aushang an der Grundschule - Aus gegebenem Anlass bitten wir von Filmaufnahmen auf dem Schulgelände Abstand zu nehmen. Des Weiteren bitte wir es zu unterlassen, die Schülerinnen und Schüler zu dem tragischen Vorfall zu interviewen. Für Fragen steht Ihnen die Gemeindeverwaltung Villingendorf zur Verfügung.
(Foto: Benno Schlagenhauf)

Laut Peter Arnegger seien selbst gestern noch zwei Polizisten am Schulhof gewesen, um die Kinder zu beschützen. Nicht vor dem Tatverdächtigen, der zu dem Zeitpunkt schon längst gefasst war, sondern vor den Journalisten.

Foto eines Polizeiautos, das vor der Grundschule in Villingendorf steht
(Foto: Peter Arnegger)

BILDblog macht keinen Verlust mehr – und ist Julian Reichelts Geld los

Heute kam die erste Abrechnung zu unserer Steady-Kampagne, in der wir vor Kurzem um Eure Hilfe gebeten haben. Damit gilt der August 2017 nun auch offiziell als einer der wenigen Monate in über 13 Jahren BILDblog, in dem wir nicht rote Zahlen geschrieben haben. Und das dank Euch! Juhu, wir sind sehr glücklich! Mögen noch viele weitere dieser Monate kommen.

Wir haben inzwischen unser drittes Steady-Ziel erreicht, wodurch es bald einen exklusiven BILDblog-Newsletter für alle Unterstützerinnen und Unterstützer geben wird (mehr dazu in Kürze hier im Blog). Und das nächste Ziel steht auch schon fest: Das BILDblog soll werbefrei werden — und damit zu einem komplett durch die Leserschaft finanzierten Projekt (auch dazu mehr in Kürze hier im Blog).

Wer uns helfen will, das BILDblog werbefrei zu machen, kann hier klicken:

Unterstütze uns auf Steady

Da jeder, der möchte, uns bei Steady unterstützen kann, kann uns auch Julian Reichelt bei Steady unterstützen. Das hat der „Bild“-Oberchef am 24. August auch getan:

Screenshot eines Tweets von Bild-Oberchef Julian Reichelt, in dem er schreibt 120 Euro, BILDblog, sind zwei BILD Plus Abos. Jetzt will ich ein Jahr lang aber auch Geschichten für mein Geld, nicht immer nur Genörgel. Dazu ein Screenshot von der Steady-Seite, der zeigt, dass Reichelt ein Jahrespaket mit zehn Euro pro Monat abgeschlossen hat

Da wir aber bei jeder Unterstützung selbst entscheiden können, ob wir sie annehmen oder nicht und was wir mit ihr anfangen, wollten wir die 120 Euro von Julian Reichelt gern wieder loswerden. Deswegen haben wir heute erstmal die „Betterplace“-Kampagne der Leute von „StopBildSexism“ vollgemacht …

Screenshot der Betterplace-Kampagne mit der Spende in Höhe von 50 Euro

… und das restliche Geld an den Rechtshilfefonds für Verfolgte in der Türkei (PDF) des „KulturForums TürkeiDeutschland“ geschickt, mit dem der Verein auch Journalisten unterstützt, die in der Türkei in Haft sitzen:

Screenshot der Überweisung - Empfänger Kulturforum TürkeiDeutschland eV - Verwendungszweck Rechtshilfefonds - Summe 70 Euro

„Bild“-Falle für Altmaier, Mediale Lobbyschlacht, Radio Vatikan

1. Wie „Bild“ Peter Altmaier zum Feind der Demokratie machte
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Seit der Frage „Haben Sie endlich aufgehört, Ihren Partner zu schlagen?“ sollte eigentlich jedem bekannt sein, dass es Fragen gibt, die sich nicht mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten lassen. Die „Bild“-Zeitung hat dem Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) eine ähnliche Frage zur AfD vorgelegt, bei der er nur verlieren konnte. Altmaier hat sich auf das falsche Spiel eingelassen, und die „Bild“-Zeitung freut sich nun diebisch, das Ganze zum vermeintlichen Skandal hochjazzen zu können. Und Medien und Politiker springen begeistert auf den Zug auf.

2. Kampf um die Zukunft von ARD und ZDF
(ndr.de, Daniel Bouhs, Video, 5:15 Minuten)
Die Fronten zwischen Zeitungsverlegern und Öffentlich-Rechtlichen scheinen verhärtet, der Tonfall wird immer ruppiger. So auch auf dem Jahreskongress der deutschen Zeitungsverleger, wo laut gegen öffentlich-rechtliche Angebote lobbyiert wurde. Daniel Bouhs berichtet über die Lobby-Schlacht, bei der es insbesondere um zwei Streitpunkte ginge: Wie lange dürfen Beiträge im Netz bleiben („Depublikation“)? Und wie viel Text dürfen die Sender neben Audio und Video veröffentlichen („Presseähnlichkeit“)?

3. ARD macht weiter mit dem faktenfinder
(faktenfinder.tagesschau.de)
Die ARD-Intendanten haben bei ihrer Sitzung in Köln dem Vorschlag des NDR zugestimmt, den „ARD-Faktenfinder“ für zunächst zwei Jahre fortzuführen. Die „Faktenfinder“-Artikel würden verlässlich zu den meistgelesenen auf tagesschau.de gehören, so der Chefredakteur von „ARD-aktuell“ Kai Gniffke.

4. Der Papst und die Medien
(de.ejo-online.eu, Johanna Mack)
Das „European Journalism Observatory“ (EJO) hat mit dem Leiter der deutschen Redaktion von Radio Vatikan, Pater Bernd Hagenkord gesprochen. Im Interview erklärt der kirchliche Medienmann, was dieser Papst anders mache, warum die katholische Kirche in den Medien so einen schweren Stand habe und wie der Vatikan seine eigenen Medien organisiert.

5. Demmel: „Nichts ist so linear wie Nachrichtenfernsehen“
(dwdl.de, Alexander Krei)
Dieses Jahr wird der Sender n-tv 25 Jahre alt. Die letzten zehn Jahre war Hans Demmel Geschäftsführer des Senders. Im Interview mit „DWDL“ spricht er über neue und alte Herausforderungen, das Dilemma des Wahlkampfs und die Emotionalisierung von News. Außerdem erklärt er die Merkwürdigkeit, warum der Onlineauftritt von n-tv.de von einer externen Firma namens „Nachrichtenmanufaktur“ hergestellt wird.

6. Die AfD versteht Googles Benimmregeln nicht
(zeit.de, Patrick Beuth)
Weil Google sich weigert, gewisse Anti-Merkel-Anzeigen der AfD zu schalten, spricht deren Kreativ-Chef von „Sabotage“. Dabei hätte er nur das Kleingedruckte lesen sollen, findet Patrick Beuth bei „Zeit Online“.