Archiv für September 14th, 2017

„Bild“ liefert wieder Futter für rechte Hetzer

Acht Afghanen wurden am Dienstagabend von Düsseldorf aus nach Kabul abgeschoben. Es war die erste Sammelabschiebung nach Afghanistan seit vier Monaten. Die acht Männer waren in Deutschland alle straffällig geworden, einige von ihnen mit abscheulichen Taten wie Vergewaltigung oder Kindesmissbrauch.

Die Düsseldorf-Ausgabe der „Bild“-Zeitung titelte gestern groß:

Ausriss Titelseite Bild-Düsseldorf - Gestern, 19:36 Uhr, startete die Boeing 737 von Düsseldorf nach Kabul - Abschiebe-Flieger voller Sex-Täter!

Und auch Bild.de schrieb von einem „FLIEGER VOLLER SEX-TÄTER“:

Screenshot Bild.de - Flieger voller Sex-Täter! Verbrecher nach Afghanistan abgeschoben

Das ist natürlich maßlos übertrieben und vermittelt ein ziemlich falsches Bild. Eine Boeing 737, mit der die Abschiebung durchgeführt wurde, bietet — je nach Ausführung — Plätze für bis zu 230 Menschen. Acht davon waren durch abgeschobene Personen besetzt. In Düsseldorf startete am Dienstagabend kein „FLIEGER VOLLER SEX-TÄTER!“

Angesprochen auf die Diskrepanz zwischen der reißerischen Überschrift und den Fakten, reagierte „Bild“-Oberchef Julian Reichelt bei Twitter:

Tatsächlich lautet die „Zeile“ bei Bild.de nun anders:

Screenshot Bild.de - Kriminelle aus Deutschland abgeschoben - Hier kommen die Verbrecher in Afghanistan an

In der Düsseldorfer Print-Ausgabe ließ sich der Unsinn vom „ABSCHIEBE-FLIEGER VOLLER SEX-TÄTER“ hingegen nicht mehr anpassen. Und auch nicht auf den rechten und ganz rechten Facebook-Seiten, die die „Bild“-Schlagzeile liebend gern verbreiteten:

Screenshot Facebook-Seite Deutsches Volk bewaffne dich mit Wissen mit Bild.de-Post
Screenshot Facebook-Seite Ich will mein Land zurück mit Bild.de-Post
Screenshot Facebook-Seite Büdingen wehrt sich Asylflut stoppen mit Bild.de-Post
Screenshot Facebook-Seite Deutschland zuerst Gruppe Nordrhein-Westfalen mit Bild.de-Post
Screenshot Facebook-Seite Deutsch sein ist kein Verbrechen mit Bild.de-Post
Screenshot Facebook-Seite Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland Gemeinschaft mit Bild.de-Post

In den Kommentaren unter diesen Postings wird die Sprache der „Bild“-Schlagzeile aufgegriffen und weitergehetzt. So richtig rund ging es aber vor allem auf der „Bild“-eigenen Facebookseite. Der dortige Post wurde inzwischen (Stand: 14. September, 22:48 Uhr) über 26.000 Mal geliked, mehr als 1800 Mal geteilt, über 2800 Mal wurde kommentiert:

Screenshot Facebook-Seite von Bild.de mit Abschiebe-Flieger-Posting

Im Vergleich zu anderen „Bild“-Beiträgen in dem Sozialen Netzwerk ist dieser irre erfolgreich.

Von Julian Reichelts Ankündigung bei Twitter, die „Zeile“ des Artikels anzupassen, ist bei Facebook leider nichts zu sehen. Dafür hätte die Redaktion den Selbstläufer auch löschen müssen. Mit ihm wären immerhin Kommentare wie diese verschwunden:

Es gibt ein Land da wird das Körperteil abgehackt welches die Straftat begangen hat … das wäre doch mal was…aber dafür haben wir zu wenig Pfleger…

Alles Sex Täter?? Naja dann lasst die Maschine abstürzen

Viel zu wenig abgeschoben .Das ganze Dreckspack gehört ohne wenn und aber in die schlimmsten Regionen der Erde gebracht und abgeschlachtet. Das sind keine Menschen aber au h kein Vieh, das ist Abschaum

Dazu auch:

Bild  

Bei „Bild“ gibt es Uralt-Nachrichten statt Transparenz

So sah die „Bild“-Titelseite am vergangenen Donnerstag aus:

Ausriss Bild-E-Paper-Titelseite vom 7. September - Oben rechts neben dem Bild-Logo prangt eine große weiße Fläche ohne Überschrift, ohne Artikel, ohne Foto

Also, natürlich nicht genau so. Dort, wo die weiß-graue Fläche zu sehen ist, befand sich eigentlich mal der Teaser zu einem Artikel über einen Rechtsstreit zwischen dem Model Alessandra Meyer-Wölden und ihrem früheren Ehemann Oliver Pocher. Doch irgendeiner der Beteiligten muss sich erfolgreich gegen den „Bild“-Aufmacher vom 7. September gewehrt haben. Jedenfalls ersetzte die Redaktion in der E-Paper-Variante die große Schlagzeile sowie die Fotos von Meyer-Wölden und Pocher durch den nichtssagenden Platzhalter. Außerdem ist die komplette Seite 4 der Ausgabe verschwunden, wo sich neben der Meyer-Wölden-Pocher-Geschichte noch ein Artikel über Sabia Boulahrouz‘ „neue Bleibe“ und ein wenig „Mini-Klatsch“ befand.

Nun soll es ja selbst bei „Bild“ mal vorkommen, dass in der Berichterstattung etwas unsauber abläuft oder schiefgeht. Als selbstbewusste Redaktion könnte man zu der freien Fläche stehen. Abhaken und weitermachen. Nicht so bei „Bild“. Ruft man nun das offizielle E-Paper vom vergangenen Donnerstag auf, erscheint diese Titelseite:

Ausriss Bild-E-Paper-Titelseite vom 7. September, die allerdings die Titelseite vom 31. August zeigt - Aufmachergeschichte Harvard-Experte verrät die sieben besten Abnehm-Regeln

Doch Oliver Bierhoff „macht Bayern“ auf den folgenden Seiten gar nicht „Druck“, die „Wussow-Kinder“ streiten dort nicht „ums Erbe“, und auch „die 7 besten Abnehm-Regeln“ vom „Harvard-Experten“ findet man beim Durchblättern nirgendwo. Denn das ist die Seite 1 vom vorletzten Donnerstag, 31. August, die die Redaktion einfach an die Stelle der Leerflächen-Titelseite vom 7. September geklatscht hat. „Bild“ bietet lieber Uralt-Nachrichten statt ein bisschen Transparenz.

Die bigotten Hüter des Persönlichkeitsrechts

Vor einer Woche hat Bild.de einen für Bild.de bemerkenswerten Satz geschrieben:

BILD zeigt das Gesicht des blonden Mädchens nicht, das Original-Foto ist nach wie vor auf Sarahs Facebook-Seite zu sehen.

In dem Artikel, aus dem dieser Satz stammt, ging es um ein Foto, das Sängerin Sarah Lombardi auf ihrer Facebook-Seite gepostet hat. Es zeigt ihren zweijährigen Sohn, von hinten aufgenommen, der zu einem etwa ähnlich alten Mädchen schaut, das Mädchen guckt zurück. Sarah Lombardi hat dazu „Casanova“ geschrieben.

Es folgte viel Empörung in den Kommentaren, wobei der Tenor meist der gleiche war: „Das eigene Kind schützen, aber ein anderes Kind zur Schau stellen — geht gar nicht!“ Die Bild.de-Redaktion berichtete über all das, legte ein Emoji über das Gesicht des Mädchens und schützte dadurch deren Rechte. Nicht die schlechteste Entscheidung, die die „Bild“-Medien in letzter Zeit getroffen haben.

Aber ganz gewiss keine aus Überzeugung.

Heute berichtet „Bild“ in der Bundesausgabe über einen tragischen Unfall an einem Vulkankrater in der Nähe von Neapel. Ein Elfjähriger ist dort in ein Loch gefallen, aus dem heiße Gase aufsteigen. Der Junge starb noch am Unfallort. Und auch seine beiden Eltern, die versuchten, ihren Sohn zu retten, kamen ums Leben.

Die „Bild“-Mitarbeiter, die vor sieben Tagen noch betonten, dass sie „das Gesicht des blonden Mädchens“ nicht zeigen, drucken heute in Millionenauflage Fotos von der 42-jährigen Mutter, von dem 45-jährigen Vater und auch von dem elfjährigen Kind — alle ohne Verpixelungen:

Ausriss Bild-Zeitung - Überschrift des Artikels - Drei Tote in Italien - Familien von Vulkan-Loch verschluckt - dazu die Fotos der Verstorbenen
(Die Unkenntlichmachungen bei der Mutter, dem Vater und dem elfjährigen Jungen stammen von uns, die Unkenntlichmachung bei dem zweiten Kind im obersten Foto stammt von „Bild“.)

Die Art und Weise, wie „Bild“ in diesem Fall berichtet, ist wahrlich kein Einzelfall. So gut wie jeden Tag findet man in dem Blatt — ob nun in der Bundesausgabe oder in einer der 24 Regionalausgaben — Fotos verstorbener Menschen, ohne Unkenntlichmachung, ohne Rücksichtnahme auf Persönlichkeitsrechte, ohne Interesse daran, was all das mit Angehörigen und Freunden macht.

Mit Dank an @DPRuettler für den Hinweis!

Hessische Depesche, Inszenierte Scheiße, „Bilds“ Abschiebefeier

1. Netzwerk in Unruhe
(journalist-magazin.de, Lars Radau)
Im umstrittenen, rechtslastigen „Depeschen“-Netzwerk mit Ausgaben für Hessen, Sachsen, Bayern und das Gebiet um die Saar rumore es gewaltig: Zuständigkeiten würden wechseln, Fake-Autoren verschwinden, und eine dubiose Firma hätte die Mehrheit übernommen. Lars Radau hat näher hingeschaut.

2. Wirkt der Kampf gegen Fake News auf Facebook überhaupt?
(wired.de, Benedikt Plass-Fleßenkämper)
Im Kampf gegen die sogenannten „Fake News“ hat Facebook externe Faktenprüfer mit der Begutachtung beauftragt. Falsche Inhalte sollen von den Prüfern mit Fake-News-Markierungen gekennzeichnet werden (in Deutschland erledigt dies das Portal „Correctiv“.) Nun hat eine neue Studie der Yale University ergeben, dass diese Markierungen praktisch keinen Einfluss hätten. Die Fake-News-Initiative habe ganz im Gegenteil eine negative Auswirkung, denn sie führe zu einem höheren Vertrauen der Nutzer in unmarkierte Inhalte.

3. Lokaljournalismus, diese inszenierte Scheiße
(der-freigeber.de, Jens Brehl)
Der freie Journalist Jens Brehl schreibt sich den Frust von der Seele. Während manche Journalisten sich die Mühe machen würden, Pressetermine von Unternehmen wahrzunehmen und danach aus eigener Perspektive zu berichten, würden sich einige Kollegen die Arbeit leicht machen und ungeprüft PR-Texte übernehmen: „Mich widert diese Praxis zunehmend an. Mit einher schwingt mein Groll, wenn ich bei einer Veranstaltung Stunden verbringe, Interviews führe, Vorträge komplett verfolge und hinterher andere Medien in ihrem Bericht nicht erwähnen, dass sie gerade einmal eine halbe Stunde oder eben gar nicht vor Ort waren.“

4. Auf welche Medien verlinken die Parteien?
(faktenfinder.tagesschau.de, Fiete Stegers)
Auf welche Medien verlinken die Parteien? Der „Faktenfinder“ der „Tagesschau“ hat die von den Facebook-Seiten der sieben Parteien AfD, CDU, CSU, FDP, Grüne, Linke und SPD veröffentlichten Einträge analysiert und sich die Posts von jeweils fünf Spitzenpolitikern je Partei angeschaut. Die Auswertung zeige, dass „Welt“, „Spiegel“ und „Focus“ bei den Parteien vorn liegen. Auch die „Junge Freiheit“ sei unter den ersten zehn Medien — dank der AfD.

5. Hetze klickt sich gut
(taz.de, Anna Böcker)
Gestern gab es wieder Abschiebungen nach Afghanistan, acht Personen sind nach Kabul ausgeflogen worden. Bei „Bild“ konnte man von einem „Abschiebe-Flieger voller Sex-Täter“ lesen. Anna Böcker kommentiert in der „taz“: „Bei der Bild wird aus einer Handvoll Straftäter ein Flugzeug voller „Sex-Täter“. In den Kommentaren wird lamentiert, dass zu wenige Flüchtlinge abgeschoben würden. Das nennt man dann wohl gelungene Leser-Blatt-Bindung.“

6. Deutscher Yellowpress-Verlag muss Millionen an Rebel Wilson zahlen
(spiegel.de)
Der Medienkonzern „Bauer“ wurde in Australien zu einer Entschädigungssumme von drei Millionen Euro verdonnert. Dies sei die größte Entschädigungszahlung, die in der Rechtsgeschichte Australiens jemals verfügt wurde. Der Hintergrund: Australische Yellow-Press-Gazetten aus dem Hause „Bauer“ hatten verleumderische Artikel über die australische Schauspielerin, Drehbuchautorin und Filmproduzentin Rebel Wilson veröffentlicht.