Archiv für März 22nd, 2013

Implosion in der Gerüchteküche

Sie hatten sich immerhin die Mühe gemacht, das Ganze als Frage zu formulieren:

Disko statt Dynamo — Flog der Stürmer aus dem Kader, weil er vorm Köln-Spiel Party machte?

Flog der Stürmer aus dem Kader, weil er vorm Köln-Spiel Party machte?

Andererseits ließ der Text, der da am Mittwoch in der Dresdner Regionalausgabe von „Bild“ erschien, aber eigentlich keine großen Zweifel, dass der Dynamo-Stürmer Lynel Kitambala bei der Partie gegen des 1. FC Köln nicht aufgestellt worden war, weil er am Wochenende vor dem Spiel eine Disko besucht hatte:

Wurde der Angreifer etwa aus disziplinarischen Gründen nicht berücksichtigt?

„Nein“, dementiert [Trainer Peter] Pacult. „Ich gehe davon aus, dass er nächste Wocje wieder dabei ist.“

Merkwürdig jedoch: Nach dem Spiel machten Gerüchte von einem nächtlichen Disko-Ausflug Kitambalas die Runde. Der bis Saisonende vom französischen Top-Klub Saint-Etienne ausgeliehene Angreifer soll von Freitag auf Samstag im „Kraftwerk Mitte“ in Dresden Party gemacht haben.

Eine Disko-Besucherin bestätigt das gegenüber BILD: „Ja, Kitambala hat bis tief in die Nacht im VIP-Bereich gefeiert.“

Nachdem auch andere Medien über den angeblichen Disko-Ausflug Kitambalas berichtet hatten, veröffentlichte Dynamo Dresden eine „Richtigstellung“:

Mit Verwunderung und großem Ärger haben die SG Dynamo Dresden und Lynel Kitambala am Mittwoch drei Medienberichte über einen angeblichen Disko-Besuch des Stürmers in der Nacht von Freitag zu Samstag zur Kenntnis genommen. […]

Die SG Dynamo Dresden stellt dazu fest:

  • Die öffentlichen Mutmaßungen und Behauptungen, dass Lynel Kitambala in der Nacht von Freitag zu Samstag im „Kraftwerk Mitte Party gemacht“ hat, sind falsch.
  • Lynel Kitambala hat gegenüber den Verantwortlichen der SG Dynamo Dresden versichert, dass er die Diskothek an dem besagten Tag nicht besucht hat.
  • Die SGD stellt außerdem fest, dass Lynel Kitambala in der Nacht von Freitag zu Samstag weder im „Kraftwerk Mitte“ noch in einem VIP-Bereich einer anderen Dresdner Diskothek zu Gast war.
  • Es gibt zwischen diesem angeblichen Disko-Besuch und der Nichtnominierung von Lynel Kitambala für das Spiel gegen den 1. FC Köln keinen Zusammenhang, da Kitambala – wie bereits festgestellt – nicht in der Diskothek anwesend war und da Peter Pacult diese Information vor dem Spiel gegen Köln überhaupt nicht hatte, sondern erst von den Mutmaßungen der Zeitungen am Mittwoch Kenntnis von dem Gerücht erhalten hat.
  • Die Veranstalter des „Kraftwerk Mitte“ haben gegenüber der SG Dynamo Dresden eindeutig und schriftlich bestätigt, dass Lynel Kitambala definitiv nicht in der besagten Nacht im „Kraftwerk Mitte“ zugegen war.
  • Die SG Dynamo Dresden stellt darüber hinaus fest, dass eine andere Person im „Kraftwerk Mitte“ im VIP-Bereich zu Gast war, mit der Lynel Kitambala von der erwähnten Besucherin offenbar verwechselt worden ist.
  • Grundlage der genannten Artikel war folglich eine auf einer Verwechslung beruhende und keine stichhaltige Recherche seitens der veröffentlichenden Medien.

Die SG Dynamo Dresden kritisiert diese unsorgfältige Berichterstattung. In einer Phase, in der genug tatsächliche Probleme bestehen, ist eine auf Schlagzeilen ausgerichtete und nicht den Fakten entsprechende Berichterstattung im Hinblick auf eine positive Entwicklung des Vereins in der näheren Zukunft außerordentlich kontraproduktiv. Ein Zeichen von Stil wäre es, wenn die betreffenden Autoren und Zeitungen nicht nur eine Richtigstellung abdrucken, sondern auch – mit Blick auf die persönlichen Folgen solcher Falschberichterstattung für den Betroffenen – Worte des Bedauerns finden würden.

Worte des Bedauerns waren es nicht unbedingt, aber so ein bisschen reagierte Bild.de immerhin — und lackierte den Artikel einfach komplett um. Der Text, dessen URL zuvor auf „kitambala-disko-statt-dynamo-dresden-29580420.bild.html“ geendet hatte, steht nun unter „kitambala-bestreitet-disko-besuch-29580420.bild.html“:

Wirbel um Lynel Kitambala! Nach der überraschenden Verbannung auf die Tribüne vorm Spiel gegen den 1. FC Köln (0:2) machten Gerüchte über einen angeblichen Disko-Besuch des Angreifers in der Nacht vom Freitag auf Samstag berichtet.

Von dem verunglückten Satzbau mal ab: Wer hatte noch mal maßgeblich zur Verbreitung dieser „Gerüchte“ beigetragen?

Mit großem Dank an Rico K.!

Die mysteriöse SMS von Augsburg

Am Dienstag berichtete „Bild“ in der Münchener Regionalausgabe über einen Mordprozess vor dem Landgericht Augsburg. Dem Angeklagten wird vorgeworfen, seine Freundin ermordet zu haben, nachdem die per SMS mit ihm Schluss gemacht hatte.

Münchner Koch tötet Freundin ...vorher drohte er der Augsburgerin mit dieser SMS

Es ist ein bisschen rätselhaft, warum „Bild“ auf dem Screenshot in der Printausgabe den Namen verpixelt hat. Bei Bild.de ist er jedenfalls zu lesen: Es ist der Vorname des Opfers.

Damit wirft der Screenshot von dem „ziemlich fehlerhaften SMS- Austausch“ allerdings neue Fragen auf: Bei einem iPhone sind nämlich die eigenen Nachrichten blau unterlegt und rechtsbündig ausgerichtet, die Empfangenen sind grau und linksbündig. Damit hätte der Besitzer des Telefons die untere Nachricht geschrieben und an „Diana“ gesendet. Was so gar keinen Sinn ergibt.

Wegen des laufenden Strafverfahrens konnte sich das Gericht uns gegenüber nicht dazu äußern, ob der Screenshot echt sei. Nach unseren Informationen ist der Wortlaut des SMS-Verkehrs im Prozess bisher aber noch nicht öffentlich geworden, „Bild“-Reporter Jörg Völkerling kann ihn also allenfalls aus anderen Quellen haben — falls es überhaupt der Original-Wortlaut ist.

Es spricht also vieles dafür, dass der angebliche Screenshot ein Fake ist, den „Bild“ zu Illustrationszwecken rekonstruiert hat (was schon etwas unlauter ist, wenn man es nicht dazuschreibt), und dabei dann auch noch ziemlich dämlich vorgegangen ist.

Mit Dank an Nikolai und Erik W.

Hipster, Zensur, Augsburger Allgemeine

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Landgericht: Beschlagnahme in AZ-Redaktion war rechtswidrig“
(augsburger-allgemeine.de, Sascha Borowski)
Das Landgericht Augsburg hält einen durch das Amtsgericht Augsburg erwirkten Durchsuchungs- und Beschlagnahmebeschluss bei der „Augsburger Allgemeinen“ für rechtswidrig.

2. „Justiz beurteilt ‘Blick’-Methoden“
(tagesanzeiger.ch, Daniel Ryser)
Ein Polizist ist angeklagt wegen Verletzung des Amtsgeheimnisses, ein Journalist und ein Privatdetektiv wegen der Anstiftung dazu. Siehe dazu auch „Der ‘Blick’ von innen“ (dasmagazin.ch, Februar 2013).

3. „Umgang mit dem Wort Autismus in Medien“
(torbenfriedrich.de)
„Harlem Shake“, steht auf Zeit.de, sei „die Antwort auf den sexuellen Autismus unserer Gegenwart“.

4. „Sie zerstören alles“
(freitag.de, Agnes Szabó)
„Tausende Fernsehjournalisten landeten auf der Straße, weil die Kultursendungen gestrichen wurden“, berichtet die kürzlich nach Berlin gezogene Agnes Szabó aus Ungarn: „Meine Arbeit ist unmöglich geworden. Es gibt keine Kulturredaktion mehr in der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalt, die Fidesz-Politik zerstört alles, was nicht denkt wie sie.“

5. „Staatliche und nicht-staatliche Zensur“
(metronaut.de, John F. Nebel)
John F. Nebel macht sich Gedanken über den Begriff „Zensur“ und verlinkt auf weitere Beiträge dazu: „Ich kann verstehen, dass Leute eine Art Hausrecht in ihrem Blog ausüben wollen, dass sie keine Lust auf themenfremde Kommentare, Beleidigungen oder Verschwörungstheorien haben und das Trolle einfach nerven. Doch überall, wo intransparent Information unterdrückt wird, ist der Fluss der Information gestört und für Außenstehende nicht mehr nachvollziehbar.“

6. „Das inflationäre Männlein“
(taz.de, Enrico Ippolito)
Der „Hipster“ als Sündenbock: „Die Journalisten und Journalistinnen – auch dieser Zeitung – verwenden den Begriff inflationär, weil sie glauben, die Menschen dort draußen wüssten schon, was oder wer gemeint sei. Wissen sie aber nicht.“