Archiv für Februar 26th, 2013

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Beim Abschreiben erwischt

Die neue niedersächsische Landesregierung möchte das sogenannte Sitzenbleiben, also die Wiederholung eines Schuljahrs wegen schlechter Leistungen, abschaffen. So stand es vor einer Woche in „Bild“.

Dekoriert war die Meldung mit einer Galerie berühmter Sitzenbleiber. Auf der Liste befanden sich unter anderem der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann, der frühere Reichskanzler Otto von Bismarck, der Ex-Fußballprofi Mehmet Scholl und Johannes B. Kerner — also Menschen, die sonst nicht allzu viel gemein haben.

Diese und ähnliche Listen, die sitzengebliebenen Kindern womöglich als Trost dienen sollen, finden sich immer wieder in den Medien, wenn es um schlechte Schulleistungen geht.

Auch diese beiden sind häufig dabei — auch bei „Bild“:

Klaus Wowereit, Guido Westerwelle

Allein: Weder Klaus Wowereit noch Guido Westerwelle haben je eine „Ehrenrunde“ gedreht.

Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin erklärte uns auf Anfrage, dass der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit mit 6 Jahren und 9 Monaten eingeschult worden sei und seine Schullaufbahn nach den regulären 13 Jahren mit dem Abitur abgeschlossen habe. Auch Guido Westerwelle, der sein Abitur mit nicht einmal 19 Jahren abgelegt hat, ist ganz normal 13 Jahre zur Schule gegangen, wie uns aus seinem Umfeld bestätigt wurde.

Aber woher stammen dann die Geschichten von den beiden vermeintlichen prominenten Sitzenbleibern? Die Suche nach dem Ursprung dieser Gerüchte gleicht einem Ausflug ins Spiegellabyrinth: Irgendjemand muss mal eine Liste veröffentlicht haben, von der seitdem alle anderen abschreiben. Bei t-online.de, das in der Wikipedia teilweise als Quelle fürs Sitzenbleiben angegeben ist, wird eine 2008 veröffentlichte Bildergalerie offenbar ständig überarbeitet (der im Oktober 2012 verstorbene Dirk Bach wird dort als „der erst kürzlich verstorbene Dirk Bach“ anmoderiert).

Die Namen Wowereit und Westerwelle finden sich etwa beim „Westen“ (Juli 2011), in aktuellen Texten bei den „Lübecker Nachrichten“ und auf n-tv.de.

Westerwelle gilt bei der „Berliner Zeitung“ und wdr2.de als Sitzenbleiber, Wowereit bei der „Welt“ und gemeinsam schmücken sie eine Klickstrecke bei „Spiegel Online“.

Beim Presse- und Informationsamt des Landes Berlin konnte sich niemand so recht erklären, wie Klaus Wowereit auf diesen Listen gelandet sei. Man wolle jetzt aber gegen dieses Gerücht vorgehen. In der Online-Version des „Bild“-Artikels fehlt Wowereit inzwischen. Offenbar ein erster Erfolg auf einem langen Weg.

Mit großem Dank an Markus B.

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Eine Herzensangelegenheit des Hauses

Bevorzugt nach der Ausstrahlung eines TV-Films (gefühlt: nach jedem verdammten „Tatort“), manchmal aber schon davor, beantwortet „Bild“ die drängende Frage, wer denn die manchmal „geheimnisvolle“, häufig „tote“, aber immer „schöne“ junge Frau da auf dem Bildschirm gewesen sei. Mal gibt es dazu ein Interview, mal nur ein großes Foto mit einem Hinweis auf den aktuellen Beziehungsstatus der Abgebildeten.

Heute schwärmt die Zeitung von „Kino-Darling“ Jennifer Ulrich, die eine „Mega-Rolle“ habe:

Das heißt: Mehr noch schwärmt „Bild“ von dem Film, in dem Jennifer Ulrich diese Mega-Rolle spielt:

Dieser Film wird jedes Zuschauer-Herz höherschlagen lassen!

Sat.1 zeigt heute um 20.15 Uhr die Dahinschmelz-Komödie „Herztöne“, produziert von der Hit-Schmiede „Teamworx“.

Es sei „der Film zum Bestseller“, erklärt „Bild“.

Oder genauer:

Bezaubernder Bestseller: "Herztöne" von Katja Kessler

Bei all dem Alliterationsamok und dem Komposita-Overkill war in „Bild“ offenbar kein Platz mehr, um zu erklären, wer diese Katja Kessler eigentlich ist, die diesen „bezaubernden Bestseller“ da geschrieben hat: Langzeit-Kolumnistin und Chefredakteursgattin.

Die Elle machen

Stefan Reisinger, Stürmer von Fortuna Düsseldorf, hat sich beim Spiel gegen Schalke 04 verletzt.

Nicht die einzige Verletzung bei der Fortuna, wie Bild.de weiß:

Die Liste der Verletzungen bei Fortuna ist diese Saison ellenlang. Und die Liste mit den daraus resultierenden Ausfallzeiten noch viel länger.

Und tatsächlich:

Ein Auszug: Bruno Soares (Hüftbeuger) 7 Monate, Stelios Malezas (Oberschenkel) 4 Monate, Jens Langeneke (Knie) 3 Monate, Mathis Bolly (Rücken) 6 Wochen, Bruno Soares (Hüftbeuger) 7 Monate, Stelios Malezas (Oberschenkel) 4 Monate, Jens Langeneke (Knie) 3 Monate, Mathis Bolly (Rücken) 6 Wochen, Ronny Garbuschewski (Adduktoren) 6 Wochen, Leon Balogun (leichter Faserriss) 4 Wochen

Allerdings wäre die Liste natürlich etwas kürzer, wenn man die ersten vier von sechs Namen nicht doppelt aufführen würde. (Was in der gedruckten „Bild“ übrigens auch geklappt hat.)

Mit Dank an Niko.

Hubert Spiegel, Ralph Grosse-Bley, NSU

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Über Gebühr: Streit um den neuen Rundfunkbeitrag“
(ndr.de, Video, 44:12 Minuten)
Ein Beitrag über die berechtigte und unberechtigte Kritik am Rundfunkbeitrag. Siehe dazu auch den Text von Stefan Niggemeier.

2. „‚Der Biber ist der neue Hauptfeind‘ – Botho Strauß in der Uckermark“
(blogs.nmz.de/badblog, Moritz Eggert, Video, 9:26 Minuten)
Moritz Eggert liest das FAZ-Stück „Der alte Junge“, für das FAZ-Redakteur Hubert Spiegel den Schriftsteller Botho Strauß in der Uckermark besucht hatte.

3. „NSU-Morde: Auch die Medien waren auf dem rechten Auge blind“
(derblindefleck.de, Miriam Bunjes)
Miriam Bunjes erinnert daran, dass bei den Morden des NSU nicht nur die Ermittlungsbehörden auf der falschen Fährte waren, sondern auch die Medien: „Es gab gar nicht wenige Stimmen, die – so laut sie konnten – über einen rechtsextremen Hintergrund sprachen. Und man konnte sie hören, wenn man es wollte – ohne geheime Verfassungsschutzquellen, monatelanges Aktenstudium und ein riesiges Recherchebudget.“

4. „Wie verlässlich sind Pressefreiheits-Rankings?“
(de.ejo-online.eu, Stephan Russ-Mohl)
Medienwissenschaftler hinterfragen Rankings zur Pressefreiheit: „Mit keinem noch so ausgefeilten Fragebogen dürfte sich empirisch zweifelsfrei erheben lassen, ob in Finnland tatsächlich mehr Pressefreiheit ‚gelebt‘ wird als in Österreich oder der Schweiz. Mit noch viel weniger Aussicht auf Wahrhaftigkeit lassen sich solche Rangunterschiede im letzten Drittel des Index feststellen. Aussagekraft hat indes gewiss, ob sich ein Land im ersten oder im letzten Drittel oder im Mittelfeld befindet.“

5. „Nun denn Adieu, Herr Grosse-Bley“
(edito-online.ch)
Die Zeitschrift „Edito + Klartext“ schreibt an Ralph Grosse-Bley, der kürzlich als „Blick“-Chefredakteur abgetreten ist: „Wenn wir richtig gezählt haben, gab es in Ihrer Amtszeit 22 Beschwerden gegen ‚Blick‘ beim Presserat, bei 12 hiess der Rat die Beschwerde gegen ‚Blick‘ ganz oder teilweise gut.“

6. „‚Die Aufgabe des Journalisten ist, Geld für seinen Eigentümer zu verdienen'“
(djv.de)
Aussagen von Alexey Wolin, dem nach Protesten entlassenen stellvertretenden Minister für Kommunikation und Massenmedien in Russland.