Archiv für Januar 10th, 2013

Bild  

Hilfe, „Bild“, ich bin zu doof für die GEZ!

SO WIRD ABGEZOCKT! Riesen Abbuchungs-Chaos bei der neuen Rundfunkgebühr

In ihrem Kampf gegen den neuen Rundfunkbeitrag hat die „Bild“-Zeitung heute eindrucksvoll nachgeladen. Ein „Riesen Abbuchungs-Chaos“ hat sie aufgedeckt, wobei „Riesen“ sich bislang in einer Fallzahl von 4 (vier) ausdrückt.

Dann gehen wir die Fälle mal schnell durch. Da ist zunächst ein Fotograf aus Hamburg, dessen Namen die „Bild“-Zeitung — vermutlich zum Schutz vor den öffentlich-rechtlichen Gebührenhäschern — als „Ronald S.“ anonymisiert hat. Sowas ist bekanntlich nicht ihre größte Stärke.

Könnte also sein, dass die „Bild“ zur Recherche ihres ersten Skandalfalls nicht weiter suchen musste als bis zu ihrem eigenen Fotografen. „Ronald S.“ sagt jedenfalls, der neue Rundfunkbeitrag sei plötzlich schon am Anfang des Quartals abgebucht worden und nicht mehr in der Mitte, was ihn zu einem ungefragten zinslosen Darlehensgeber mache. FDP-„Bild“-Mann Burkhardt Müller-Sönksen findet das auch.

Die ARD hat eine zumindest sehr plausibel klingende andere Erklärung für die Buchung: Roland S. habe zwei Beitragskonten, eines privat, eines dienstlich. Von beiden werde, wie bisher, abgebucht — zu unterschiedlichen Zeitpunkten im Quartal. „Beide Zahlungsmodalitäten sind exakt gleich geblieben“, sagt die ARD, „und wurden so ausgeführt, wie der Beitragszahler es zuvor angegeben hatte.“

„Riesen Abbuchungs-Chaos“-Fall 2 und 3 sind Rentner, die der GEZ kurz vor Jahresende Änderungen mitgeteilt hatten, die aber kurz nach Neujahr nicht umgesetzt worden waren. Die ARD sagt: „Sie stellen zeitliche Überschneidungen zwischen der Mitteilung des Beitragszahlers und einer bereits regulär ausgelösten Buchung dar.“

Und Fall 4 ist eine Frau, die feststellen musste, dass ihr Rundfunkbeitrag wieder, wie bisher von ihr gewünscht, für ein Jahr abgebucht wurde, was sie aus einem unerklärlichen und unerklärten Grund schockierte:

Redakteurin Vivien D. (31) aus Hamburg: „Ich war total entsetzt, als ich die Abbuchung auf dem Kontoauszug entdeckt habe – 215,76 Euro für ein ganzes Jahr. Die GEZ hätte mich fragen müssen, ob eine Jahresabbuchung für mich auch nach der Gebührenumstellung weiterhin okay ist.“

Wir hätten einen gewissen Verdacht, bei welcher Zeitung die Redakteurin Vivien D. arbeitet und wie ihr Nachname und ihr zweiter Vorname lauten. Aber vielleicht sollte jemand so Dusseliges wirklich lieber im Schutz der Anonymität bleiben.

Native Ads, neuer TV-Journalismus und Zensur

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

Bis zum 11. Januar gibt es hier ein ungewöhnliches Experiment: BILDblog und die Deutsche Journalistenschule organisieren die Urlaubsvertretung von Ronnie Grob – Schüler der 50sten und 51sten Lehrredaktion der DJS werden in den nächsten Tagen täglich sechs besondere Links auswählen und im BILDblog und auf djs-online.de vorstellen. Heute ausgewählt von Michel Penke und Aimen Abdulaziz.

1. Gemeinnützigkeit als ruinöses Geschäftsprinzip
(Vocer, Peter Littger)
Peter Littger, Berater bei der Innovation Media Consulting Group in London, und dort verantwortlich für die Entwicklung neuer Redaktionsmodelle, kritisiert in seinem Beitrag Verlage und Redaktionen, sie würden „in vollem Tempo auf das unlösbare Problem zusteuern, die Gehalts- und Kostenstrukturen gewinnorientierter Unternehmen mit dem Geschäftsauftrag öffentlicher Institutionen und ehrenamtlicher Vereine zu verbinden, also ohne ausreichende Einnahmen“, und fordert sie auf, sich endlich der ökonomischen Realität anzupassen. Fünf Reformschläge für das Jahr 2013 gibt er ihnen mit auf den Weg.

2. Medienkonsum im Wandel: Das Bedürfnis nach der gedruckten Zeitung ist nicht angeboren
(netzwertig, Martin Weigert)
Ein Frühstückstisch ganz ohne Zeitungen in Papierform? Für viele Menschen unvorstellbar. Alles halb so wild, findet Martin Weigert und erinnert daran, dass der Wunsch nach einer Papier-Zeitung „kein angeborenes Bedürfnis“ des Menschen darstellt. Außerdem sei der Mensch anpassungsfähig, und so preist er, ehemals auch ein Anhänger der gedruckten Zeitung, die Bequemlichkeiten des Online-Konsums an: „Die Rückkehr zur Tageszeitung wäre als Schritt für mich heute vergleichbar mit der Wiedereinführung der Dampflok oder des Zeppelins.“

3. Bloß nicht wehtun!
(taz, Daniel Bouhs)
Daniel Bröckerhoff ist narzisstisch, berechenbar unvorhersehbar — und eine neue Form des TV-Journalisten. Experimente, ob in Form oder Inhalt, sind sein Ding. Ob er an der Seite von Occupy-Aktivisten als Hausbesetzer in der EZB sein Nachtlager aufschlägt oder im Biedermeieranzug in der Fußgängerzone Jugendliche um ihre illegal kopierte Musik erleichtert, Bröckerhoff liebt das Närrische. An seiner Seite: die Kamera und der allgegenwärtige User. Denn um am menschlichen Datenpuls zu bleiben, genügt es nicht die Kommentarleiste zu harken. Das Publikum will umworben, befragt und verführt werden. Immer. Jetzt. Und nachts um halb zwei.

4. Native ads – Rettung oder Ausverkauf des Journalismus?
(120 Sekunden, Martin Giesler)
Werbung ist ätzend. Stört. Wird weggescrollt. Doch was, wenn man sie nicht mehr erkennt? Wenn sie mit dem Artikeltext verschwimmt, wenn die Coca-Cola-Website sich als Infontainment-Portal verkleidet? Die Native Ad(vertisement) — der letzte Schrei der Werbebranche — ist auf ihrem Siegeszug nun auch in Deutschland angelangt. Journalismus wird PR wird Journalismus. Über fließende Grenzen und grenzwertige Fließtexte bloggt Martin Giesler.

5. Gegen Zensur und Medienkontrolle
(Dradio Wissen, Podcast)
In China grassiert die Zensur. Das ist kein Geheimnis. Die Chinesische Mauer 2.0 schützt vor staatszersetzender Lektüre, die Zensur- und Propagandaministerien halten die Presse an der kurzen Leine. Man weiß das in China. Man hat sich daran gewöhnt. Umso überraschender ist deswegen die harsche Kritik von chinesischen Journalisten im Zuge einer radikalen Zensur der überregionalen Nanfang Zhoumo. Aufklärung soll her. Selbst die Absetzung des verantwortlichen Propagandachefs ist kein Tabu mehr. Über das neue Selbstbewusstsein der chinesischen Presse berichtet das Deutschland-Radio.

6. Wie Meedia seine Geschichte nicht totrecherchieren wollte
(Stefan Plöchinger)
Wenn Medien, über die Mediendienste berichten, antworten: Stefan Plöchinger, Chefredakteur von Süddeutsche.de reagiert auf Vorwürfe des Mediendienst „Meedia“ und wirft ihm unsauberes Arbeiten vor. „Meedia“ selber reagiert angefressen.