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Im Luftraum ist hinten noch Platz

Vor gut einem Jahr sind sich im Luftraum über Frankfurt zwei Flugzeuge ungewöhnlich nahe gekommen. Der Vorfall wurde daraufhin von der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) überprüft, vergangene Woche hat sie ihren Untersuchungsbericht veröffentlicht.

"Bild" fasst ihn in der Frankfurter Regionalausgabe so zusammen:

Nur 30 Meter fehlten zur Flugzeug-Katastrophe

Online widmete Bild.de dem "Schockbericht" gleich zwei Artikel, beide mit derselben Grafik illustriert:

Nur 30 Meter fehlten zur Flugzeug-Katastrophe über Hessen!

Die Grafik zeigt die gefährliche Situation: Der Lufthansa-Airboss vorweg, der Aeroflot A 320 dahinter. Der Abstand: an einer Stelle gerade mal 30 Meter.

In den Artikeln selbst klingt das schon ein wenig anders:

Es war laut Flugsicherung der "gefährlichste Zwischenfall im deutschen Luftraum" seit langem, der sich am 13. Dezember 2011 um 14.27 Uhr und 55 Sekunden rund 1500 Meter über Raunheim abspielte …(…)

Die beiden Flugzeuge kommen sich immer näher, über Raunheim beträgt der Abstand der A320 zur gefährlichen "Wirbelschleppe" des riesigen Airboss gerade noch 30 Meter.

Genau: Der Abstand zur Wirbelschleppe betrug 30 Meter. Der Abstand zwischen den beiden Flugzeugen aber war laut Untersuchungsbericht erheblich größer. Vertikal waren die Maschinen nämlich knapp 61 Meter voneinander entfernt.

Ach so, und dann waren da noch 1.796 horizontale Meter zwischen den beiden Flugzeugen, die "Bild" ganz unterschlägt. Nach der Art, wie das Blatt rechnet, lägen Zugspitze und Mount Everest bloß läppische sechs Kilometer voneinander entfernt.

Die BFU betonte uns gegenüber auf Anfrage, unmittelbare Kollisionsgefahr habe zu keiner Zeit bestanden. Das steht auch explizit in dem Untersuchungsbericht. Doch darüber verliert der "Bild"-Redakteur (der den Airbus übrigens nach "Bild"-Art konsequent "Airboss" nennt) kein Wort.

Die Grafik, mit denen "Bild" und Bild.de die "gefährliche Situation", diese Beinahe-"Flugzeug-Katastrophe" illustrieren, müsste also eigentlich in etwa so aussehen:

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

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Prostatakrebs schlägt Ian McKellen nieder

In der vergangenen Woche machte die Nachricht Schlagzeilen, dass der britische Schauspieler Ian McKellen Prostatakrebs hat. Er hatte in einem Interview mit der Boulevardzeitung "Daily Mirror" darüber gesprochen.

Es gab dann einige Verwirrung, weil McKellens Manager die Nachricht von der Krebserkrankung erst dementierte, bevor sie McKellen bestätigte:

There have been new reports in the press of the old news that I have early prostate cancer.  This was diagnosed six or seven years ago.  There is no cause for alarm.  I am examined regularly and the cancer is contained. I've not needed any treatment.

(Es gibt neue Berichte in der Presse über die alte Nachricht, dass ich Prostatakrebs in einem frühen Stadium habe. Das ist vor sechs oder sieben Jahren diagnostiziert worden. Es gibt keinen Anlass zur Beunruhigung, und der Krebs breitet sich nicht aus. Ich musste nicht behandelt werden.)

Tatsächlich scheint McKellen auch vorher schon aus der Krebserkrankung kein Geheimnis gemacht zu haben. Sie wurde zum Beispiel beiläufig in einem "Guardian"-Artikel über ihn im August 2011 erwähnt.

Medien in aller Welt behandelten die Sache dennoch als spektakuläre Enthüllung, die sie mal der "Daily Mail" und mal der "Sun" zuschrieben. Am verwirrtesten aber war die deutsche "Welt", die in ihrer Online-Ausgabe nicht nur — vermutlich aus Gründen der Dramatik — so tat, als sei der Krebs bei McKellen gerade erst festgestellt worden. Sie schrieb außerdem:

Der 73-Jährige sagte während der London-Premiere seines neuen Films "Der Hobbit" merklich niedergeschlagen: "Wenn du eine solche Nachricht bekommst, dann schluckst du erstmal."

Ach? Auf der London-Premiere, die zu dem Zeitpunkt, als die "Welt" den Artikel veröffentlichte, noch nicht einmal stattgefunden hatte? Die Information, dass McKellen dabei "merklich niedergeschlagen" wirkte, muss entsprechend eine Erfindung der "Welt" sein. McKellen hatte sich in einem Interview Tage vorher geäußert.

In dem Artikel der "Sun", auf den sich die "Welt" beruft (was ohnehin vielleicht nicht die beste Idee ist), steht all das nicht falsch.

Nachtrag, 21:00 Uhr. Die "Welt" hat ihren Artikel nun umgearbeitet und etwas hinzugefügt, was man leicht mit einer transparenten Korrektur verwechseln könnte:

Liebe Leser, aufgrund der geänderten Nachrichtenlage und mehreren Leserhinweisen haben wir die Originalversion des Artikels überarbeitet und angepasst.

Das ist grob irreführend. Die Fehler, die die "Welt" gemacht hat, waren keiner anderen "Nachrichtenlage" geschuldet, sondern ausschließlich der eigenen Unfähigkeit oder dem eigenen Unwillen, korrekt zu berichten.

Amoklauf, Kristall und der ewige Israeli

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1.  Lieber Spiegel Online
(Realitätsfilter, hawkeye)
Mehrere Blogger kritisieren mangelnde Recherche bei einem Spiegel Online-Text, der den Amoklauf von Newtown mit Autismus in Verbindung bringt. "Dank Artikeln wie diesem werde ich wohl in nächster Zeit wieder etwas vorsichtiger sein müssen, den Begriff Asperger irgendwo fallen zu lassen", schreibt Hawkeye. Auch Sabine Kiefner beschwert sich: "Ich brauche keine Sensationsberichterstattung, die mich zu einer potentiellen Massenmörderin macht!"

2. How the NRA Twitter Handles A Mass Shooting: Silence
(Buzzfeed, Adam Kaczynski)
Wie reagiert die amerikanische Waffenlobby auf Amokläufe? Buzzfeed hat den Twitteraccount der Schusswaffenvereinigung NRA verfolgt.

3. Ein heftiges Heft
(Freitag, René Martens)
René Martens erinnert an die Springer-Illustrierte Kristall, die 1966 eingestellt wurde: "Am Beispiel Kristall lässt sich der Einfluss von NS-Eliten auf den westdeutschen Journalismus der sechziger Jahre anschaulich beschreiben. Wer genauer hinsieht, erkennt einen auffälligen Widerspruch zu der von Axel Springer gepflegten Selbstdarstellung."

4. Fall Mollath: Alles nur heiße Luft?
(Internet-Law, Thomas Stadler)
Der Fall Mollath ist derzeit eines der Lieblingsthemen deutscher Journalisten. Thomas Stadler arbeitet sich an der aktuellen Presseberichterstattung ab. Sein Urteil: "Das was der Spiegel und leider auch die ZEIT hier anbieten, ist kein Qualitäts– sondern emotionaler Tendenzjournalismus."

5. Die Informationsfreiheit und der "Erfolg einer Entscheidung"
(telepolis, Peter Mühlbauer)
Das Bundeskanzleramt weigert sich, Akten herauszugeben, die die Beziehung von Kanzleramtsstaatsminister von Klaeden zu seinem Bruder, einem Springer-Lobbyisten, betreffen. Das könnte die Entscheidung über das Leistungsschutzrecht beeinflussen.

6. Der ewige Israeli
(taz, Philip Meinhold)
"Haben Sie vom Nahostkonflikt keine Ahnung, aber eine Meinung zu bieten? Wollen Sie als mutig gelten?” Philip Meinhold gibt zehn Tipps für einen israelkritischen Text.

Bis zum 11. Januar gibt es bei "6 vor 9" ein ungewöhnliches Experiment: BILDblog und die Deutsche Journalistenschule organisieren die Urlaubsvertretung von Ronnie Grob — Schüler der 50sten und 51sten Lehrredaktion der DJS werden in den nächsten Tagen täglich sechs besondere Links auswählen und im BILDblog und auf djs-online.de vorstellen. Heute ausgewählt von Maximilian Zierer und Lisa Altmeier.

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