Archiv für Dezember 11th, 2012

The internet is for porn

Wenn Bild.de über die Porno-Plattform YouPorn berichtet, ist immer ein gewisser Elternstolz dabei. Denn es waren die Redakteure des Schmuddelportals, die YouPorn kurz nach Gründung so eindringlich beschrieben, dass die Server der Schmuddelseite für mehrere Tage nicht erreichbar waren.

Und so überrascht es nicht, dass die Bild.de-Redakteure etwas aus dem Häuschen sind, nachdem der Betreiber von YouPorn und zahlreichen weiteren pornografischen Webseiten wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung verhaftet wurde. So schreiben sie:

Seine Seiten generieren monatlich rund 16 Milliarden Klicks – fast dreimal so viel wie Wikipedia!

Es stimmt zwar, dass die „Financial Times Deutschland“ vom Betreiber im Oktober diese Zahl erfahren hatte — eine Zahl, die man dem Unternehmer glauben kann oder auch nicht. Der Vergleich mit Wikipedia ist jedoch offensichtlich falsch, wie man ohne weiteres in den öffentlichen Zugriffsstatistiken der Wikipedia nachschlagen kann: Selbst ohne Mobilnutzer kommt die Enzyklopädie auf 16,9 Milliarden Pageviews pro Monat und schlägt damit knapp die angeblichen Abrufszahlen des Porno-Netzwerks.

Doch nicht genug der Superlative. Im Infokasten behauptet Bild.de:

YouPorn.com gilt mit 60 Millionen Klicks am Tag als weltweit populärste Porno-Seite im Internet.

Das mag sich gut anhören, mehr aber auch nicht. YouPorn ist noch nicht einmal die populärste Porno-Webseite im Firmenverbund des YouPorn-Betreibers. Zu dem gehört nämlich zum Beispiel auch die Plattform Pornhub, die beim Statistik-Dienstleister Alexa.com auf Platz 70 geführt wird. YouPorn kommt hier gerade einmal auf Platz 104.

Jetzt wird es für die Bild.de-Redakteure richtig schwer, ihre Statistik-Erektion zu verbergen:

Die Videos, die weltweit über YouPorn abgerufen werden, verbrauchen tagtäglich ca. 1 Billionen Byte und damit mehr Bandbreite als sämtliche sonstige Internetseiten zusammengenommen.

Mehr Bandbreite als alle anderen Internetseiten zusammen? Dies wäre nun wirklich ein enormer Vorsprung. Und es ist enormer Blödsinn. Eine Billion (sic!) Bytes sind gerade einmal ein Terabyte — ein lächerlicher Wert, der YouPorn nicht Mal einen Platz unter den 1.000 trafficreichsten Seiten sichern würde. Laut einer Schätzung der Seite ExtremeTech kam YouPorn bereits im April 2012 auf 950 Terabyte pro Tag — also knapp eine Billiarde Bytes. Und selbst das reichte nicht für Platz 1 auf der Traffic-Rangliste der Porno-Seiten.

Größe ist halt doch nicht alles.

Mit Dank an Karsten H., Nils V., Jörn H. und Alex.

Update 20:23 Uhr: In der ersten Version des Artikels haben wir den vollen Namen des Verhafteten Betreibers von YouPorn genannt. Wir haben ihn nun entfernt.

Bild  

Ja, wo laufen sie denn?

„Bild“ klang gestern fast besorgt:

Warum laufen Lanz die Zuschauer weg?

Eine Frage, die „Bild“ so ähnlich auch kennt, hat die Zeitung mit ihren Lesern doch das gleiche Problem.

Und in der Zeitung gibt es nicht mal Showacts:

Richtig wach wurden die Zuschauer offenbar nur bei den Showeinlagen.

Wurde bei Gottschalk eher abgeschaltet, wenn irgendjemand gesungen hat -so ist das bei Lanz umgekehrt

Der Quotenverlauf zeigt: Je weniger Lanz redete, umso mehr guckten zu!

Bei den Auftritten von Pink, den „Fantastischen 4″ oder Rihanna zeigte die Quotenkurve prompt nach oben.

Diese Behauptung ließ sich dann bei näherer Überprüfung doch nicht aufrechterhalten, wie „Bild“ heute zugeben musste:

Korrektur zu "Wetten, dass ..?": BILD berichtete gestern über den Quotenverlauf der "Wetten dass ..?"-Sendung von Markus Lanz. In unserem Artikel heißt es: "Je weniger Lanz redete, umso mehr guckten zu." Das ist nicht richtig. Bei den meisten Musik-Acts war die Quote niedriger als beim Talk des Moderators. Das ergab die exakte Minutenauswertung der Sendung.

Das Diagram auf der Titelseite, das einen beschleunigten Zuschauerschwund suggeriert, war übrigens auch falsch: Online ist es treffender.

Ebenfalls auf dünnem Eis bewegt sich „Bild“ mit der Geschichte der Sängerin Pink, die vor ihrem Auftritt bei „Wetten dass ..?“ einem „Bettler“ bzw. einem „Obdachlosen“ ihr „letztes Kleingeld“ gegeben habe:

Pink schenkt diesem Bettler ihr Kleingeld<br />
Freiburg - Sie ist ein Weltstar mit Herz. Bei "Wetten, dass ..?" gab US-Sängerin Pink (33) die coole Rockröhre. Doch den besten Auftritt hatte sie vier Stunden vor der Show. In der City sah Pink einen Bettler mit vier Schäferhunden (Emma, Fee, Uschi und Herrmann), drückte ihm spontan ihr letztes Kleingeld (15 Euro) in die Hand. Zu BILD sagte der Mann später: "Sie war wundervoll. Ich wusste nicht, dass sie ein Weltstar ist. Sie hat das überhaupt nicht raushängen lassen."

Die „Badische Zeitung“ bemerkte dazu gestern in ihrer Online-Ausgabe:

Erst als ein Reporter der Bild-Zeitung am Sonntag bei [Schäfer Hans Kletschkus] auftauchte und nachfragte, erfuhr er davon [dass Pink ein Foto von ihm auf Twitter verbreitet hatte]. Die Bild-Zeitung machte daraus die Story des armen Freiburger Obdachlosen, dem Pink einen zehn Euro-Schein und einen fünf Euro-Schein in den Hut legte. Auf dem Fotos sieht man zwar die Scheine, aber wer sie in den Hut legte? Ob Weltstar Pink das war, kann Hans Kletschkus nicht sagen. Eines ist sicher: Obdachlos ist er auf jeden Fall nicht, auch wenn er zurzeit im Wohnwagen unterwegs ist.

Mit Dank auch an Andreas.

WAZ, Thomas Tuchel, Fritz Wolf

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Es gilt das gesprochene Wort – nur nicht bei WAZ, DerWesten & Co.?“
(pottblog.de, Jens)
Jens prüft, ob Peer Steinbrück in seiner Rede am Bundesparteitag der SPD von sich selbst als „wohlhabender Sozialdemokrat“ gesprochen hat, wie man durch die Lektüre von Zeitungen den Eindruck haben muss.

2. „Franz Josef Wagners Weisheiten (13)“
(mediensalat.info, Ralf Marder)
Franz Josef Wagner schreibt über Schnee: „Vor fast drei Jahren war lt. Wagner die Durchschnitts-Schneeflocke also 5mm groß und heute hat sich die Größe um das Fünfzigfache verringert.“

3. „Medienkritiker: Verlage machen öffentlich-rechtlichen Sendern das Leben schwer“
(dradio.de, Brigitte Baetz, Audio, 4:56 Minuten)
Fritz Wolf spricht im Deutschlandfunk zur „Bild“-Schlagzeile „Das alles von unseren Gebühren!“.

4. „Tuchel: ‘Respektlos gegenüber Stevens’“
(sky.de, Video, 1:46 Minuten)
Fußball: Mainz-05-Trainer Thomas Tuchel nimmt Stellung zur Frage, was an den Gerüchten über einen Wechsel zu Schalke 04 dran ist.

5. „Die Datenbank ist die neue Zeitung“
(blog-cj.de, Christian Jakubetz)
Die neue Zeitung im digitalen Zeitalter heiße „Datenbank“ und das neue Geschäftsmodell heiße „Zugriff“, verkündet Christian Jakubetz: „Zugriff auf Datenbanken, bezahlt in Form einer Flatrate.“

6. „Ein Vorschlag zur Güte“
(schmalenstroer.net, Michael Schmalenstroer)
Michael Schmalenstroer wird ab sofort Werbung als Flattr-Button missbrauchen: „Gefällt mir ein Artikel, dann klicke ich auf die Werbung und werde deren Inhalte natürlich auch weiterhin ignorieren.“