Archiv für November, 2012

Turbulenzen-Turbulenzen

Ein Flugzeug der italienischen Fluggesellschaft Neos ist auf dem Weg von Havanna nach Mailand in heftige Turbulenzen geraten und hat ordentlich an Höhe verloren.

Wie viel, ist nicht ganz klar: Die für gewöhnlich gut informierte Website „The Aviation Herald“ schreibt von „etwa 1.000 Fuß“, was rund 305 Metern entspräche. Die Nachrichtenagentur Associated Press hatte zunächst von „3.000 Metern (10.000 Fuß)“ geschrieben, war aber auf „1.000 Meter (3.300 Fuß)“ umgeschwenkt, nachdem der „Corriere della Serra“ einen Vertreter der Airline mit den Worten zitiert hatte, dass die Maschine erst 500 Meter in die Höhe gestiegen und dann auf 500 Meter unter der ursprünglichen Flughöhe abgesackt sei — die Maschine also insgesamt 1.000 Meter abgesackt sei.

Bild.de entschied sich ebenfalls für die 1.000-Meter-Variante, hat aber bei der Art des Flugzeugs völlig den Faden verloren: Zunächst schrieb die Seite, es habe sich um eine „Boeing 731″ gehandelt. Ein Maschine solchen Typs hat Boeing allerdings nie gebaut, die Flugnummer lautete „NO731″.

Bild.de hat sich also korrigiert und schreibt jetzt von einer ”Boeing 737*)“:

*)In einer früheren Version des Artikels war irrtümlicherweise eine Boeing 731 genannt. Wir bitten, das Versehen zu entschuldigen

Nur: Eine Boeing 737 kann maximal bis zu 215 Passagiere aufnehmen, an Bord waren aber 268, drei Piloten und sieben Besatzungsmitglieder.

Tatsächlich hat es sich laut „Aviation Herald“ und dpa um eine 767-300 gehandelt.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

Nachtrag, 16.10 Uhr: Das ging schnell: Im Artikel ist jetzt von einer „Boeing 767-300*)“ die Rede, in den Bildunterschriften steht immer noch „Boeing 731 sackte 1000″.

Hinweis/Korrektur, 21. November: In der ursprünglichen Fassung dieses Artikels hatten wir im zweiten Absatz geschrieben, dass 1.000 Fuß „rund 330 Metern entspräche“. Das war ein Denkfehler. Richtig sind 305 Meter, wie jetzt oben stehen.

Retweet, RSS, Reinhard Schulze

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „‘Krone’ fälscht Foto von Millionengewinner“
(kobuk.at, Philipp Schmidt)
Die „Kronen Zeitung“ nimmt ein Reuters-Foto als Grundlage, tauscht den Kopf aus: „Dass es sich um eine Fotomontage handelt, druckte die Krone am rechten Bildrand sehr klein ab.“

2. „Mitgegangen, mitgefangen“
(nzz.ch, Rainer Stadler)
Der zu Unrecht wegen sexuellem Missbrauch von Kindern beschuldigte Lord McAlpine will „gegen jene vorgehen, welche die Falschmeldung des öffentlichen Rundfunks über Twitter weiterverbreiteten und dabei überdies den Namen des Politikers kenntlich machten“. „Die BBC-Affäre sollte dazu anregen, auch den Retweet-Knopf vorsichtiger zu betätigen. Wer schwere Vorwürfe weiterverbreitet, macht sich zum Komplizen. Es gilt die unspektakuläre Regel: erst denken, dann zwitschern.“

3. „RSS für das persönliche Wissensmanagement nutzen“
(blogwerk.com, Claudio Schwarz)
Eine kurze Anleitung zur Verwendung von RSS.

4. „‘Medien sind Geiseln von Ausnahmefällen’“
(medienwoche.ch, Felicie Notter)
Ein Interview mit dem Islamwissenschaftler Reinhard Schulze über Medien und Journalismus: „Ich hatte eine Erfahrung mit dem ‘Blick’, die war nicht so positiv. Es ging um eine Aussage, die sich auf eine Stelle im Koran bezog. Ich wurde dermassen falsch zitiert, dass ich mich selbst als jemanden, der die islamische Gewalt im Grunde befürwortet, wiederfand. Die Medien reduzieren ohnehin schon stark, aber das empfand ich als eine Katastrophe. Seither lehne ich alles ab, was für mich Skandalpresse ist, dazu gehört auch ’20 Minuten’.“

5. „Auf nach Europa“
(ardmediathek.de, Video, 28:43 Minuten)
Henryk M. Broder und Hamed Abdel-Samad auf der Suche nach der „Seele Europas“.

6. „Ultimative Chartshow auf RTL präsentiert die 50 erfolgreichsten ultimativen Chartshows auf RTL“
(eine-zeitung.net)

Brust? Raus!

„Bild“ hätte Griechenland ja am liebsten aus der Euro-Zone raus. Das geht nicht spurlos an den Mitarbeitern vorbei: In der Bildunterschrift zum großen Brust-Artikel aus der „Bild am Sonntag“ gehört Griechenland jetzt nicht mal mehr zu Europa.

Insgesamt tragen zehn Millionen Frauen auf der Welt schönheitsoperierte Brüste. Weit vorn liegen dabei die USA, Europa und Griechenland. Je nach Art der Operation kostet eine Brust- OP zwischen 4500 und 7500 Euro *

Mit Dank an Tobias N.

Kruschel, Frank Stronach, Bewerbungen

6 vor 9

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1. „Die grosse Glitzer-Show“
(nzz.ch, Michael Furger)
Erfundene Zitate, Blumen ans Krankenbett, inszenierte Schnappschüsse – ein Artikel über People-Journalismus in der Schweiz.

2. „Plagiate gibt es nicht nur in China oder: Warum selbst entwickeln, wenn man etwas auch einfach kopieren kann“
(lerg.de)
Die „Schwäbische Kinderpost“ kopiert das Konzept von „Kruschel – Deine Zeitung“. Andreas Lerg schreibt: „Die Schwäbische Post scheint hier sämtliche Standesregeln und Gesetze wie das Urheberrecht einfach zu ignorieren. Zuerst holt man sich nicht nur Inspirationen und Informationen, sondern auch ‘Daten und Dateien’, wie wir lesen und dann wird das Ganze nicht lizenziert sondern schamlos kopiert.“

3. „Frank Stronach: Die Freiheit, die er meint“
(datum.at, Stefan Kaltenbrunner)
Obwohl Frank Stronach „ausdrücklich“ festhält, „dass er die Freiheit des Journalismus respektiert“, fordert er totale Kontrolle über ein Gespräch mit der Zeitschrift „Datum“, die in der Folge darauf verzichtet: „Natürlich steht es jedem frei, sich interviewen zu lassen, ein Gespräch kann auch an Bedingungen geknüpft werden. Wie Medien und Journalisten mit solchen Einschränkungen umgehen, können und müssen sie selbst entscheiden. Deshalb ist es umso erstaunlicher, dass zahlreiche heimische Medien, die mit Stronach in den vergangenen Monaten gesprochen haben, diese Erklärung anscheinend unterzeichnet haben.“ Siehe dazu auch „Über Interview-Autorisierung sollte grundsätzlich diskutiert werden“ (derstandard.at, Daniela Kraus).

4. „Thilo S.: Klarstellung“
(blogs.taz.de/hausblog, Deniz Yücel)
Eine Klarstellung von Deniz Yücel zu seiner eigenen Kolumne vom 6. November, in der er unter anderem über „die oberkruden Ansichten des leider erfolgreichen Buchautors Thilo S.“ schreibt.

5. „Wieso wir Leserclubs brauchen“
(ploechinger.tumblr.com)
Stefan Plöchinger schlägt vor, das Wort Paywall zu streichen und stattdessen von Leserclubs zu reden. Zeitungs- und Zeitschriftenleser würden für einen guten Service zahlen, nicht für einzelne Artikel. Allerdings gibt es ein Problem mit der Boulevardisierung, „die viele Seiten jetzt zehn bis 15 Jahre lang getragen hat“: Wenn die meisten einfach aufgesexte News auf Agenturbasis machen und sonst wenig bieten, wo ist dann der berühmte Unique Content?“ Siehe dazu auch „Zeitungssterben: Meine (sprichwörtlichen) 5 Cent“ (gutjahr.biz), „Warum gerade linke Zeitungen so große Probleme haben“ (carta.info, Wolfgang Michal) und „Mein Lob der Tageszeitung!“ (dirkvongehlen.de).

6. „Wer blickt durch auf dem Stellenmarkt?“
(faz-community.faz.net, Hans Ulrich Gumbrecht)
Selbst- und Fremdbild bei Bewerbungen: „Die Welt, die man live erlebt, ist jener der Bewerbungsmappen krass entgegengesetzt und kippt zwischen Castingshow und Familientherapie.“

Licht aus, Photoshop an!

Gestern Morgen kam es in München zum „schlimmsten Stromausfall seit 20 Jahren“.

Gestern Abend war dann Frankfurt dran:

Nach Mega-Stromausfall in München: Jetzt Frankfurt! 27 Minuten Licht aus!

Ganz so schlimm, wie es auf dem Startseitenteaser von Bild.de aussah, war der Stromausfall aber wohl doch nicht:

Mitten im Feierabend-Verkehr sind am Donnerstag in Frankfurt weite Teile der Straßenbeleuchtung ausgefallen! Zwischen 18 und 18.27 Uhr wurde es zappenduster.

Doch warum ist das Hochhaus auf dem Teaserbild dann so dunkel? Ist es ja gar nicht. Eigentlich:

Für 27 Minuten fiel in Frankfurt die Straßenbeleuchtung aus

Bild.de hat das Licht offensichtlich für die Startseite per Bildbearbeitung nachträglich heruntergedimmt.

Via frischmil.ch, mit Dank an Johannes H.

Nachtrag, 19. November: Unser Leser Moritz P. aus Frankfurt schreibt uns, dass die abgebildete Lampe immer noch dunkel sei, da sie „schon eine Weile kaputt“ sei. Die andere Straßenbeleuchtung drum herum funktioniere tadellos.

Torschusspanik

Zlatan Ibrahimovic, Fußballer in der schwedischen Nationalmannschaft, hat der Fußballwelt am Mittwoch einen kollektiven Dauerorgasmus verpasst. Im Spiel gegen England verwandelte er, nachdem er schon drei Tore geschossen hatte, zur Krönung noch einen unglaublichen Fallrückzieher aus 25 Metern Tor-Entfernung. Noch im selben Augenblick war klar: Dieser Treffer wird in die Geschichte eingehen.

Fans und Medien sind seitdem völlig aus dem Häuschen. Die deutsche Presse kniete geschlossen nieder, betete das Zlatanunser und kürte den Treffer nicht nur zum Tor des Tages, sondern auch wahlweise zum Tor des Jahres, des Jahrzehnts, des Jahrhunderts oder des Jahrtausends. Um es auf den Punkt zu bringen: ein unvergleichliches Ereignis.

Nur die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ will den einmaligen Charakter des Treffers nicht so recht anerkennen. Dort erinnert sich Sportredakteur Uwe Marx nämlich heute daran …

(…) dass es mal einen Spieler gab, der nicht nur aus fünfundzwanzig, sondern gleich aus vierzig Metern per Fallrückzieher traf. Es war auch ein Schwede, Rade Prica, der mal bei Hansa Rostock gespielt hat. Er hatte im Spiel für Rosenborg BK gegen den FC Basel tatsächlich mal die Unverfrorenheit, es aus noch größerer Entfernung als Ibrahimovic zu versuchen – und zu treffen.

Der Haken an der Sache ist allerdings: Wir haben keinerlei Hinweis darauf gefunden, dass es diesen Treffer jemals gegeben hat. Fraglich ist sogar, ob die Mannschaften Rosenborg BK und FC Basel überhaupt je gegeneinander gespielt haben. Und auch Rade Prica hat in seiner Karriere zwar schon gegen so manchen Verein auf dem Platz gestanden, der FC Basel war jedoch nie dabei.

Wie kommt Uwe Marx also darauf? Höchstwahrscheinlich stützt er seine Aussage auf folgendes Video:

Und das zeigt nicht etwa ein einen realen Treffer, sondern einen Ausschnitt aus dem Videospiel (!) „Pro Evolution Soccer“.

Damit wäre der Favorit für den „Tor des Jahres“ schon mal klar.

Mit Dank an Patrick S. und Ole S.

Nachtrag, 13.07 Uhr: FAZ.net hat den angesprochenen Absatz gelöscht und folgende Korrektur veröffentlicht:

Der Text wurde nachträglich korrigiert. In einer ersten Fassung wollten wir die Leistung Ibrahimovics schmälern mit dem Verweis auf ein Fallrückziehertor von Rade Prica. Der Schwede soll nach unserer Darstellung einmal aus 40 Metern mit dieser Art des Kunstschusses  in einem Spiel von Rosenborg Trondheim gegen den FC Basel getroffen haben. Offenkundig  sind wir dabei einer Täuschung erlegen. Prica traf so elegant lediglich in einem auf Youtube verbreiteten Video, das eine Szene aus einem Spielkonsole-Duell wiedergab. Wir bitten deshalb um die Nominierung dieses Treffers für das Tor des Jahrhunderts im Bereich Spielekonsole und bitten zugleich um Nachsicht für den Fehler.

Nachtrag, 26. November: Auf Papier hat sich die FAZ (am 19. November) für folgende Korrektur — und ein Passiv an entscheidender Stelle entschieden:

Eines schon mal vorneweg: Das Fallrückzieher-Tor von Zlatan Ibrahimovic ist der spektakulärste Treffer, der in dieser Kategorie je dokumentiert wurde. Ibrahimovic hatte im Länderspiel der Schweden nicht nur alle vier Treffer zum 4:2 erzielt, sondern auch den sensationellen Schlusspunkt gesetzt, als er akrobatisch aus 25 Metern getroffen hatte. Dass wir Rade Prica in einer Partie von Rosenborg Trondheim gegen den FC Basel einen noch spektakuläreren Treffer zugetraut haben, hätte eingefleischte Anhänger von Hansa Rostock wohl sofort stutzig gemacht. In Diensten von Hansa hatte Prica einst manche Chance ausgelassen. Was also für die computeranimierte Version eines realen Tores gehalten wurde, war in Wirklichkeit doch nur ein Kunstschuss aus der virtuellen Welt, entstanden auf dem Videokonsolenspiel „Pro Evolution Soccer 2011″. Auch schön zwar, aber eben nur dank besonderer Fingerfertigkeit und nicht wegen einer bemerkenswerten Körperbeherrschung entstanden. Wir ziehen das Büßerhemd über, bewundern Ibrahimovic uneingeschränkt und trauen Prica weiterhin alles zu. Auch in der Realität.

Reality-TV, Absolute Mehrheit, Bürgerpflicht

6 vor 9

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1. „Reality-TV: Was für Opfer!“
(dastandard.at, Olja Alvir)
Hinter den Kulissen des österreichischen Reality-Fernsehens: „Bei besonders fürchterlichen, idiotischen und peinlichen Kommentaren und Szenen spürt man die Begeisterung und Erleichterung der Crew. Produktionsleiterin und Kameramann tauschen dann vielsagende Blicke aus: Das wird grandios! Nur noch richtig zusammenschneiden, spöttisch kommentieren, mit zweideutiger Musik unterlegen. ‘Ganz toll hast du das gemacht!’, lobt die Leiterin und Regisseurin dann K. und uns.“

2. „Politik für alle“
(freitag.de, Jana Hensel)
Mit der neuen Pro7-Talkshow „Absolute Mehrheit“ kündige sich – endlich – ein Epochenwechsel an, glaubt Jana Hensel. Zu oft werde über Politik in „einer Sprache geredet, die an Briefe vom Finanzamt erinnern“.

3. „Falsches Moralisieren über den Tod der ‘Frankfurter Rundschau’“
(hogenkamp.com)
Peter Hogenkamp erinnert daran, dass die meisten Leute Zeitungen abonniert haben, weil sie sich davon einen Nutzen versprechen, und nicht, weil „sie das als ihre Bürgerpflicht empfinden“. Siehe dazu auch „‘Kein Redakteur möchte nur Gratis-Inhalte schreiben’“ (kress.de, Christine Lübbers) und „Der zeitungsfressende Chefredaktor“ (blog.persoenlich.com, Benedict Neff).

4. „Über Veränderungen im Rezensionsjournalismus der Tageszeitungen“
(funkkorrespondenz.kim-info.de, René Martens)
„Medien werden, um es bewusst pauschal zu formulieren, immer wichtiger“, schreibt René Martens: „Politische Skandale und Krisen werden oft quasi automatisch ein Thema für den Medienjournalismus, weil es sich aufdrängt, auch zu analysieren, wie die Kollegen über diese Themen berichten, wie sie sich an Inszenierungen beteiligen, wie sie sich instrumentalisieren lassen.“

5. „Stray penises and politicos“
(davidsimon.com, englisch)
Anlässlich der aktuellen Berichterstattung über David Petraeus erinnert sich David Simon daran, wie er aufhörte, als Journalist über das Sexualleben anderer zu schreiben: „I told myself that I wasn’t in journalism to chase something so ordinary, so adolescent as other people’s sexuality, that I wouldn’t play this game, that there were better reasons to be a reporter, and there were better things for readers to consume.“

6. „Neues TV-Format: extra 3 hilft!“
(ndr.de, Video, 2:46 Minuten)

Frankfurter Rundschau, Brigitte, Luxusreisen

6 vor 9

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1. „Einfach, aber effektvoll“
(berliner-zeitung.de, Ulrike Simon)
Die Trennung zwischen Werbung und Inhalten im Verlag Gruner + Jahr. „In der aktuellen Brigitte schreibt eine namentlich genannte Ressortleiterin der Zeitschrift über ihr ‘perfektes Wohlfühl-Wochenende’ im ‘Romantik-Hotel Lindslerhof’ im Saarland. Der Direktor des Hotels bestätigt: Die Kosten für den Aufenthalt hat das Hotel übernommen. Er nennt die PR-Agentur mitsamt der Telefonnummer ihrer Chefin, die den Vorgang ebenfalls bestätigt.“

2. „Luxusreisen für Journalisten“
(ndr.de, Video, 6:10 Minuten)
Medien, die von der „Welt am Sonntag“ als Teilnehmer von Luxusreisen auf Kosten von ThyssenKrupp identifiziert werden, berichten nicht über die Debatte dazu. Autor Jörg Eigendorf: „Es wird totgeschwiegen.“

3. „‘Frankfurter Rundschau’: 1/5 der 500 Beschäftigten sind in der Redaktion“
(neunetz.com, Marcel Weiss)
Marcel Weiss kommentiert den Insolvenzantrag der „Frankfurter Rundschau“: „Die Frage lautet nun, ob zwingend 400 Personen beschäftigt werden müssen, um 100 Stellen in einer Redaktion unterstützen zu können. Wahrscheinlich nicht. Das Verhältnis ist geprägt vom Arbeitsaufwand, um Nachrichten auf Papier zu drucken und dieses Papier dann in der Bundesrepublik zu verbreiten.“

4. „Zeitungskrise? Zeitungsende!“
(blog-cj.de, Christian Jakubetz)
Für Christian Jakubetz sind Tageszeitungen – „man muss das in den Endzeittagen der FR und wohl auch der FTD nochmal festhalten – eine sterbende Gattung. (…) Mach’s gut, Tageszeitung, Ende und aus. Es war trotzdem schön mit dir.“

5. „Papier ist geduldig“
(coffeeandtv.de, Lukas Heinser)
Lukas Heinser stellt fest, dass er kaum noch Geld ausgibt für Printprodukte: „Ich liebe gut gemachte Zeitungen, trotzdem lese ich sie nicht.“

6. „Meine Frustration mit Paid Content am Beispiel des NewScientist“
(blicklog.com, Dirk Elsner, 9. November)
Dirk Elsner will den „New Scientist“ online erwerben: „Ich wollte ein Heft kaufen und mich weder registrieren, noch ein Vorteilsabo oder 6 Monatsabo erwerben. Warum muss ich mich registrieren, wenn ich doch ohnehin ein Zahlverfahren wie Paypal nutzen kann?“

Diagnose: untervögelt

Heute werden wir mal ein bisschen intimer. Also, liebe Leser: Haben Sie eigentlich genug Sex?

Wir fragen deshalb, weil Bild.de neulich folgende Schreckensnachricht aufgedeckt hat:

Es kommt vor, dass man länger keinen Sex hat – und es einem gar nicht auffällt.

Ob Sie selbst zur Genug-Sex-Fraktion gehören oder ob Sie es doch „mal wieder so richtig nötig haben“ (Bild.de), können Sie im selben Artikel schnell mal überprüfen. Dort wurden nämlich (mit Unterstützung der „B.Z.“) „13 Anzeichen für einen akuten Sex-Mangel“ zusammengestellt.

Darunter finden sich dann so originelle Punkte wie:

Sie ordnen Ihre Pornosammlung nach cineastischen Gesichtspunkten.

Oder:

Sie fahren häufiger Fahrrad als sonst, weil sich das so schön anfühlt.

Nun ja.

Interessant ist jedoch, dass gerade die Leute von Bild.de von Zeit zu Zeit genau jene Symptome zeigen, die in dem Artikel beschrieben werden. Hier eine kleine Gegenüberstellung.

Sex-Mangel-Anzeichen Nr. 4: Sie finden sogar Zeichentrickfiguren erregend.

Bild.de vom 17. Dezember 2009:

Blauhaarige Beauty in sexy Dessous - Marge Simpson strippt für Playboy
Im Innenteil des Magazins sollen heiße Dessous-Bilder von der Hausfrau und dreifachen Mutter mit der blauen Turmfrisur befinden. Sicher ist: Die gelbhäutige Lady wird einfach nicht älter!

Bild.de vom 3. und 23. Dezember 2007:

Sexy Kalender 2008 - Superheldinnen im Nackteinsatz
Werfen Sie einen Blick unter die Kampfanzüge weiblicher Comic-Legenden wie Lara Croft oder Superwoman – ganz exklusiv, versteht sich. So verführerisch haben wir die Starlets noch nie gesehen.

Sex-Mangel-Anzeichen-Nr. 5: Sie kichern jedes Mal, wenn jemand Penis sagt.

Bild.de vom 8. November 2012:

Krasser Penis-Versprecher bei Anne Will
Der „köstliche Versprecher“ (O-Ton des Bild.de-Videos): In der Talkshow hatte ein Gast „Phallussieg“ statt „Pyrrhussieg“ gesagt. Hihi.

Sex-Mangel-Anzeichen-Nr. 1: Sie nennen Sex Geschlechtsverkehr oder sprechen vom Kopulieren.

Bild.de vom 18. Oktober 2011:

Anschließend kopulieren Gastgeber und Gäste mit den schönen Sammlerinnen, bis der Papst die ausdauerndsten Herren mit Ehrenpreisen belohnt.

Bild.de vom 3. Juni 2010 und 11. Mai 2011:

 Kopulieren setzt Endorphine frei, also Glückshormone.

Bild.de vom 16. November 2009:

Die Prostituierten suchen quasi im Konzertsaal ihre Freier, um dann in den oberen Etagen, wahrscheinlich weit weniger taktvoll, zu kopulieren.

Sex-Mangel-Anzeichen Nr. 7: Sie sehen im Supermarkt keine Gurken, sondern pflanzliche Sextoys.

Bild.de vom 4. März 2008:

Kennen Sie dieses Kribbeln an der Gemüsetheke? Diesen winzigen Moment der Verlegenheit beim Anblick von Stangen-Sellerie, Kürbis, Aubergine? So manches erinnert in seiner Form doch stark an das beste Stück des Mannes.

Bild.de vom 17. August 2010:
Schniedlwurzel - BILD-Leser Dirk Philippi (39, Saarwellingen) zog diese Karotte aus der Erde

Fragt sich also, wer es hier tatsächlich „mal wieder so richtig nötig“ hat.

Wechseln will gelernt sein

Dies ist die Geschichte von Peter Müller („Name geändert“). Seine private Krankenversicherung hatte die monatliche Prämie um 33 Prozent erhöht, er konnte den Monatsbeitrag von 550 Euro nicht mehr berappen. Dann lernte er Versicherungsmakler Javier Garcia aus Bad Oeynhausen kennen:

Der 40-Jährige verkauft ebenfalls Krankenversicherungen. Er gehört aber nach Müllers Meinung zum Kreis derjenigen Branchenvertreter, die anders als etliche Kollegen ihr Gewissen nicht zugunsten des Girokontos geopfert haben.

Peter Müller ist leider kein Einzelfall: Auch Michael Firsching hatte Ärger mit seiner privaten Krankenversicherung, der DKV. Sein Monatsbeitrag war auf 600 Euro gestiegen, die DKV wollte ihm keinen Tarifwechsel gestatten. Firsching schaltet den Versicherungsmakler Javier Garcia aus Bad Oeynhausen ein:

Und der entdeckt gleich zwei DKV-Tarife, die Firschings Wünschen entsprechen und deutlich günstiger sind.

Dies ist aber auch die Geschichte von Michael Hogrefe („Name geändert“). Er erfuhr, dass er bei seiner privaten Krankenversicherung, der Gothaer, ab Januar rund 100 Euro mehr zahlen soll, 1022 Euro statt bisher 921 Euro. Ende Oktober schaltete Hogrefe den Versicherungsmakler Javier Garcia ein:

Der soll für ihn nun einen günstigeren Tarif bei der Gothaer finden. Bei der Suche erfuhr der Makler, wie sich der Tarif seines Kunden entwickelt – und fand entsprechende Alternativen.

Im Grunde ist es also die Geschichte des Versicherungsmaklers Javier Garcia — und die von „Spiegel Online“. Dreimal hat das Nachrichtenportal über Garcia berichtet, im November 2011, im Juni 2012 und jetzt am Dienstag. Jedes mal hatte sich Garcia in der scheinbar ausweglosen Situation eines privat Krankenversicherten als Retter in der Not erwiesen und beim dritten Mal verlinkte „Spiegel Online“ sogar seine Website.

Wir haben ob dieser Häufung bei „Spiegel Online“ nachgefragt, ob es einen besonderen Grund gebe, warum immer wieder Javier Garcia zu Wort komme, wenn es um private Krankenversicherungen geht. Chefredakteur Rüdiger Ditz erklärte uns, dass Herr Garcia die Autoren mit seinen Kunden in Kontakt bringe, die dann als Fallbeispiele für aktuelle Entwicklungen herangezogen werden können. Man werde sich aber in Zukunft bemühen, auch andere Ansprechpartner zu Wort kommen zu lassen.

Der Link auf Garcias Website gehe „gar nicht“ und wurde gestern bereits entfernt.

Mit Dank an Klaus und Rolf.

Nachtrag, 15.03 Uhr: Unsere Leser haben etwas entdeckt, was uns selbst entgangen war: Schon im bzw. neben dem ersten Artikel über Garcia tauchte ein Link auf dessen Website auf:

Nach unserem Hinweis hat „Spiegel Online“ auch diesen Link entfernt.

Nachtrag, 16. November: Der Verband der Privaten Krankenversicherungen (PKV) hat noch ein anderes, grundsätzliches Problem mit Garcias Expertenrolle:

Nach Meinung des PKV-Verbands mache sich Spiegel-Online zum unkritischen Sprachrohr eines Maklers, der damit sein Geld verdient, Privatversicherte gegen Honorar in andere Tarife zu lotsen und womöglich durch die Verunsicherung der Kunden mit Hilfe einiger Medien eine steigende Nachfrage nach seiner Hilfe provozieren möchte.

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