Archiv für November 5th, 2012

Bild.de  etc.

Das hässliche Gesicht des Journalismus

Stellen Sie sich bitte folgendes vor:

Der Chinese Jian Feng und seine Frau sind glücklich verheiratet. Dann bringt die Frau ein „unglaublich hässliches“ Baby zur Welt, das weder ihr noch ihrem Gatten ähnlich sieht. Jian Feng wähnt sich hintergangen, doch ein DNA-Test ergibt, dass er eindeutig der Vater des Kindes ist. Schließlich gesteht ihm seine Frau, dass sie, bevor sie ihn kennenlernte, umfangreich schönheitsoperiert worden war. Jian Feng reicht die Scheidung ein, verklagt seine frischgebackene Ex-Frau und bekommt 100.000 Euro zugesprochen.

Diese unglaubwürdige „Fake!“ schreiende kuriose Geschichte erzählt Bild.de seit gestern:

Kuriose Geschichte aus Asien: Der Chinese Jian Feng hat seine Frau verklagt, weil sie ein „unglaublich hässliches“ Baby zur Welt gebracht hat.

Vor Gericht hat er jetzt sogar gewonnen! Dem Mann wurden knapp 100 000 Euro zugesprochen, berichtet die Zeitung „The Irish Times“.

Das behaupten viele Medien, nur: im Archiv der „Irish Times“ gibt es keinen Hinweis darauf, dass die Zeitung oder deren Website jemals über den Fall geschrieben hätten.

Allerdings gibt es einen Artikel im „Irish Examiner“ vom 31. Oktober.

Und von dort aus geht die große Quellen-Odyssee erst richtig los:

Wie planetivy.com berichtet, hat sich der Mann aus dem Norden Chinas von seiner Frau scheiden lassen und sie anschließend, offenbar, verklagt, weil sie hässlich war — und er gewann.

(Übersetzung von uns.)

„Planet Ivy“, ein Webmagazin für bunte Meldungen, hatte am 24. Oktober über den Fall berichtet und sich dabei auf interaksyon.com als Quelle berufen.

Dort war in der Tat ein Artikel über den Fall erschienen — allerdings bereits am 15. Mai 2012, was „Planet Ivy“ irgendwie zu erwähnen vergessen hatte.

(Bei der „Huffington Post“ und dem britischen Boulevardblatt „Daily Mail“ gilt übrigens der Fernsehsender Fox31 aus Denver als Primärquelle, der die Geschichte zwei Tage nach „Planet Ivy“ aufgeschrieben hatte.)

Andererseits war die Meldung auch im Mai schon nicht mehr ganz frisch gewesen: interaksyon.com, das Online-Nachrichtenportal des philippinischen Senders TV5, berief sich auf eine Veröffentlichung der mazedonischen (!) Nachrichtenagentur MINA vom 28. Februar 2012.

In Wirklichkeit ist die Geschichte aber noch viel, viel älter: Die älteste von uns gefundene Fassung stammt von der Website der pakistanischen „Daily Times“ und datiert vom 26. Mai 2004. Jian Fengs Geschichte war schon damals kein Stück glaubwürdiger oder von Quellen untermauerter als sie es heute ist.

Aber wer ist dann die (stets namenlose) Frau auf den Vorher-Nachher-Bildern, die die Artikel bei Bild.de, dem „Irish Examiner“ und in diversen anderen Medien zieren?

Das sind zwei Fotos von einer Person: Fengs Frau vor (l.) und nach den Schönheitsoperationen

Die älteste Version, die wir finden konnten, stammt aus dem Mai dieses Jahres, als die Geschichte gerade ihre Spanien-Tour absolvierte.

Tatsächlich stammen die Bilder aber offenbar von der Website eines japanischen Schönheitschirurgen:

Mit Dank an den Hinweisgeber und mit großem Dank an die Leute bei Reddit.

Manhattan Transfer

Am Freitagabend unserer Zeit wurde der für Sonntag geplante New York Marathon abgesagt. Um 00.04 Uhr früh am Samstag berichtete Bild.de auf der Startseite darüber:

New-York-Marathon abgesagt

Das Foto ist, wie Bild.de schreibt, ein „Archivbild“ — allerdings keines vom letzten New York Marathon oder dem davor oder auch nur irgendeinem New York Marathon. Die Skyline im Hintergrund ist die von Frankfurt am Main, das Bild war eine Woche zuvor beim Frankfurt-Marathon entstanden und lag offenbar noch in der Redaktion rum.

Andererseits nennt man Frankfurt ja manchmal auch „Mainhattan“ und Bild.de hätte es insofern noch schlechter treffen können — zum Beispiel mit der Skyline des antiken Marathon in Griechenland.

Mit Dank an Freddy M., Marcus K. und Thomas W.

Äffchen, Deutschlandfunk, Rommel

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Ich habe keinen Bock mehr“
(marinaslied.de)
Marina Weisband klagt darüber, wie sie in einem Artikel auf „Spiegel Online“ zitiert wird. „90% aller Journalisten, mit denen ich mich getroffen habe, waren freundlich und haben sauber gearbeitet, auch wenn sie kritisch schrieben. Aber es gibt immer diese paar wenigen, denen es ums Narrativ geht. Diesen ist es egal, was ihnen gesagt wird. Sie nehmen den ganzen Kontext weg und stürzt sich auf einen Halbsatz, den man zu seinen Gunsten auslegen kann.“

2. „Standardsituationen der Internetkritikkritik“
(katrinschuster.de)
Katrin Schuster vergleicht den „Welt“-Artikel „Als die Lesesucht die Menschen krank machte“ mit dem Wikipedia-Artikel über Lesesucht.

3. „Abt. Qualitätsradio – heute: DLF über BaZ“
(infam.antville.org, patpatpat)
Der Deutschlandfunk befragt in einem Bericht über die „Basler Zeitung“ Markus Somm und Guy Krneta, die beide falsche Zahlen angeben. „Beide Zahlen sind kreuzfalsch und irreführend. Beitragsautor Thomas Wagner hat sie offenbar nicht nachgeprüft.“

4. „One Laptop per Child: Wenn äthiopische Kinder wie Äffchen dargestellt werden“
(androidnext.de, Amir Tamannai)
Amir Tamannai stört sich an der „Kolonialherren-Attitüde“, mit der das Projekt One Laptop per Child eine Geschichte portiert, die davon erzählt, wie äthopische Kinder eine hingestellte Kartonschachtel tatsächlich öffnen und die Laptops darin starten, statt nur mit den Kartons zu spielen. Die Medien griffen den Fall auf: „Der Tenor blieb dabei derselbe: Ach, was ist es erstaunlich, dass die kleinen Äthiopier ja gar nicht so doof sind wie angenommen und uns fast ein bisschen ähnlich sind.“

5. „Disgust over ‘mock abduction’ of Kyrgyz TV reporter“
(bbc.co.uk, englisch)
Eine prominente Journalistin wird in Kirgisistan entführt, mit einer Waffe und mit dem Tod bedroht – angeblich zum Spaß. „The men then produced a mobile telephone to record their victim’s ordeal before revealing themselves as reporters for a populist newspaper which runs a practical jokes column.“

6. „Wie Kräutertee beim Stones-Konzert“
(sueddeutsche.de, Bernd Graff)
Mit einer Einblendung ruiniert die ARD Bernd Graff den tragischen Höhepunkt im Fernsehfilm „Rommel“.