Archiv für April 17th, 2012

Wie eine Explosion der anderen

So sieht es aus, wenn eine Granate in der syrischen Rebellenhochburg Homs explodiert:


 
Und so, wenn die Taliban Anschläge in der Innenstadt von Kabul verüben:


 
Der erste Ausschnitt stammt aus der 20-Uhr-„Tagesschau“ vom Sonntag, der zweite aus dem „Heute Journal“ vom selben Tag — und nur eine von beiden Verortungen kann stimmen.

Die Redaktion von ARD aktuell erklärte uns auf Anfrage, sie habe die Bilder „noch einmal verifiziert“ und bleibe danach bei ihrer Darstellung, dass die Aufnahmen aus Homs stammen.

Die Redaktion des „Heute Journals“, die wir ebenfalls kontaktiert hatten, hat uns nicht geantwortet. Aber nach unserer Anfrage sieht die Stelle des Beitrags über die Anschläge in Kabul, an der die Explosion zu sehen war, in der ZDF-Mediathek jetzt so aus:

Die momentan laufenden Fernsehbilder dürfen aus rechtlichen Gründen leider nicht im Internet gezeigt werden. Es geht gleich weiter!

PS: Um 19 Uhr hatte das ZDF in seiner „heute“-Sendung die Explosionsbilder noch korrekt als Aufnahmen aus Homs ausgewiesen:

Homs/Syrien

Mit Dank an Stefan P.

Nachtrag, 18. April: Die Redaktion des „Heute Journal“ schreibt uns, dass sie den Beitrag in der Mediathek nach einer Reihe von Zuschauerhinweisen geändert habe. Unsere E-Mail, obwohl richtig adressiert, habe die Redaktion nie erreicht.

Den Fehler erklärt der zuständige Redakteur so:

Diese 7 Sekunden lange Einstellung zeigte Aufnahmen aus dem syrischen Homs. Ursache der bedauerlichen Verwechslung war eine falsche Zuordnung der Bilder in unserer Bildschnittdatenbank.

Leider ist uns das durchgegangen, obwohl in unseren Sendungen für praktisch jedes Wort und Bild ein Sechsaugen-Prinzip gilt. Ich kann nur um Verständnis dafür bitten, dass so etwas bei mehreren tausend Film- und Wortbeiträgen im Jahr zwar äußerst selten vorkommt, aber nie ganz auszuschließen ist.

42

12. September 490 v. Chr.: Die Griechen haben gerade die Perser geschlagen, als sich Pheidippides auf den Weg vom Schlachtfeld bei Marathon nach Athen macht. Er läuft fast 40 Kilometer, erreicht die Stadt mit letzter Kraft und verstirbt mit den Worten „Freut Euch, der Sieg ist unser“ auf den Lippen.

So berichten es die Geschichtsschreiber Plutarch und Lukian — und so hat es sich vermutlich nie zugetragen.

15. April 2012 n. Chr.: Die TV-Moderatorin Michelle Hunziker nimmt am Mailänder Marathonlauf teil.

Die Geschichtsschreiber von stylebook.de („Powered by Bild.de“) berichten einen Tag später:

Wie hält Michelle Hunziker (35) ihren Traumkörper in Form? Die TV-Moderatorin verbrachte den Sonntag nicht faul auf der Couch, sondern startete beim Marathon in Mailand. Doch sie bestritt die 42 Kilometer nicht allein: Schützenhilfe bekam sie von ihrem Bruder Harold.

Fieser Regen und grauer Himmel – kein besonders tolles Wetter, um sich die Laufschuhe unter die Füße zu schnallen und 42 (!) Kilometer zurückzulegen. Beim Mailänder Marathon am vergangenen Sonntag taten das trotzdem 13 000 Lauf-Fans. Mittendrin: Michelle Hunziker, die diesen Kraftakt mit Traumlaune absolvierte.

In einer Bildunterschrift wird Frau Hunziker als „Erschöpft aber glücklich – Michelle Hunziker nach 42 Kilometern im Ziel“ beschrieben und einer der Redakteure hat sogar eine persönliche Grußbotschaft an die „liebe Michelle“:

42 Kilometer Marathon – eine tolle Leistung, liebe Michelle!

Nun …

„42“ ist zwar die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest, aber nicht die auf die Frage, wie viele Kilometer Michelle Hunziker beim Mailand Marathon gelaufen ist. (Und das hat jetzt nichts damit zu tun, dass so eine Marathonstrecke 42,195 Kilometer lang ist.)

Wenn man in der Ergebnisdatenbank des Milano City Marathon nachsieht, gibt es in der Kategorie „Maratona“ keine Teilnehmerin namens Hunziker — wohl aber in der Kategorie „Relay Marathon: F4″, einer Staffel.

Tatsächlich ist Michelle Hunziker in 57:11 Minuten 9,095 km („Distanza“) gelaufen:

Auf manche Geschichtsschreiber ist halt auch heute noch kein Verlass.

Mit Dank an Stephan L., Clemens W., Jan und Markus D.

Nachtrag, 16.20 Uhr: stylebook.de hat sich für den Fehler entschuldigt:

Wie wir durch einen freundlichen Hinweis erfahren haben, ist Michelle Hunziker nicht den gesamten Marathon gelaufen, sondern nur die Teilstrecke von 9,095 Kilometer in der Staffel. Sorry für den Fehler!

Korrigiert wurde der Artikel dahingehend, dass der gezeichnete Redakteur nun nur noch „Tolle Leistung, liebe Michelle!“ ausruft, während im Vorspann und in der Bildunterschrift immer noch der Eindruck erweckt wird, Michelle Hunziker habe 42 Kilometer zurückgelegt.

Bild, Breivik, Borchert

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Bild.Macht.Politik – Deutschlands größte Tageszeitung wird 60″
(ardmediathek.de, Video, 43:45 Minuten)
„Die Story im Ersten“ fragt nach dem Einfluss von „Bild“ auf Politik und Politiker (BILDblog berichtete).

2. „Wie Medien Breiviks Spiel mitspielen“
(deranderefellner.wordpress.com)
Sebastian Fellner kommentiert die Berichterstattung über den Prozess gegen Anders Behring Breivik: „Bitte verschont mich mit Breivik. Ich will keine Fotos mehr sehen von diesem selbstverliebten Wahnsinnigen, wie er zufrieden lächelt ob der Aufmerksamkeit, die er bekommt. Ich will nicht lesen, dass er ‘gerührt’ ist, weil sein Video vor Gericht gezeigt wird. Gebt mir Bescheid, wenn es ein Urteil gibt. Bringt meinetwegen eine Meldung, wenn ein Zeuge oder eine Zeugin etwas bisher Unbekanntes aussagt. Aber füttert Breivik nicht mit der Aufmerksamkeit, die er sich wünscht.“ Siehe dazu auch „Die Medien sollten Breiviks Spiel nicht mitmachen“ (tagesschau.de, Albrecht Breitschuh).

3. „Verifikation von Inhalten in Social Media“
(konradweber.ch)
Konrad Weber gibt Tipps, wie man Twitter-Accounts, Websites, Bilder und Videos verifiziert.

4. „Katharina Borchert: Von der Bloggerin zum Spiegel-Online-Chef“
(t3n.de, Yvonne Ortmann)
Yvonne Ortmann porträtiert Katharina Borchert, Ex-Bloggerin und heute Geschäftsführerin von „Spiegel Online“.

5. „Griechenlands Medienhäuser fürchten den Kollaps“
(zeit.de, Ferry Batzoglou)
Viele griechische Medienhäuser haben sich in den 1990er-Jahren hoch verschuldet. „In Zeiten des Booms haben viele Medienhäuser ihre Glaubwürdigkeit im Volk verspielt. Es grassierten Vetternwirtschaft und Hofjournalismus. Die Devise lautete zu oft: Mitregieren statt kontrollieren.“

6. „Was ist besser? Gratis-Bildzeitung und -Koran im großen Praxistest“
(der-postillon.com)
In fünf Punkten vergleicht der Postillon die Gratis-„Bild“ mit dem Gratis-Koran.