Archiv für Mai 9th, 2007

“Der große Selbstbetrug” von Kai Diekmann

“Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann hat ein Buch angekündigt. Unter dem Titel “Der große Selbstbetrug” schreibt er darin u.a.:

“Das Erbe der 68er hat uns in eine Sackgasse geführt. Es wird Zeit, endlich umzukehren.”

Alan Posener, Kommentarchef der “Bild”-Schwesterzeitung “Welt am Sonntag”, antwortet Diekmann auf “Welt Debatte” mit beißender Ironie:

Ah ja, klar. (…) Die 68er haben K.D, gezwungen, als Chefredakteur der Bildzeitung nach Auffassung des Berliner Landgerichts “bewusst seinen wirtschaftlichen Vorteil aus der Persönlichkeitsrechtsverletzung Anderer” zu ziehen. Die 68er zwingen ihn noch heute, täglich auf der Seite 1 eine Wichsvorlage abzudrucken, und überhaupt auf fast allen Seiten die niedrigsten Instinkte der Bild-Leser zu bedienen, gleichzeitig aber scheinheilig auf der Papst-Welle mitzuschwimmen. (…) Man kann nicht die Bildzeitung machen und gleichzeitig in die Pose des alttestamentarischen Propheten schlüpfen, der die Sünden von Sodom und Gomorrha geißelt. So viel Selbstironie muss doch sein, dass man die Lächerlichkeit eines solchen Unterfangens begreift. (…)

Wenn man ein bisschen zynisch ist, auf miniberöckte Vorzimmermiezen großen, auf Ernsthaftigkeit eher weniger Wert legt, kann man [bei “Bild”] Karriere machen, und das ist völlig OK so. Einer muss es ja machen, so wie einer den Dieter Bohlen machen muss, und einer den Papst. Aber wenn Dieter Bohlen den Papst geben würde, müsste man auch lachen, oder?

Nachtrag, 11.47 Uhr: Der Beitrag von Alan Posener wurde offenbar aus dem Angebot von “Welt Online” entfernt.

Nachtrag, 15.30 Uhr: Der Autor Alan Posener sagte auf unsere Frage nach dem Verbleib des Textes, er wolle sich dazu nicht äußern und bat dafür um Verständnis.

Nachtrag, 16.55 Uhr: Auf Nachfrage erhielten wir von der Springer-Pressestelle folgende “Stellungnahme der Axel Springer AG zum Beitrag von Alan Posener über Kai Diekmann”:

Dies ist die Entgleisung eines einzelnen Mitarbeiters. Der Beitrag von Alan Posener über Kai Diekmann ist ohne Wissen der Chefredaktion in den Weblog von Alan Posener gestellt worden.

Der Beitrag ist eine höchst unkollegiale Geste und entspricht nicht den Werten unserer Unternehmenskultur.

Bei Axel Springer gilt Meinungspluralismus, aber nicht Selbstprofilierung durch die Verächtlichmachung von Kollegen.

Laut “Absatzwirtschaft Online” (bzw. Handelsblatt.com missbilligt Springer-Chef Mathias Döpfner die Äußerungen Poseners.

Nachtrag, 18.40 Uhr: Auf Kress.de (nicht frei online) heißt es unter Berufung auf einen Springer-Sprecher, der Vorgang werde für Posener “keine personalrechtlichen Konsequenzen” haben.

Nachtrag, 10.5.2007: Peter Schink, Leiter der Produktentwicklung von “Welt Online”, kommentiert den Fall in seinem privaten Weblog “Blog Age” und schreibt:

Doch was sollte mit der Löschung des Postings bezweckt werden? Wenn der Zweck war, ein deutliches Statement abzugeben, dass Welt-Autoren nichts böses über Bild schreiben dürfen, hat es funktioniert. (…)

Und turi2.de dokumentiert den kompletten Posener-Text.

Nachtrag, 14.5.2007: Inzwischen hat sich auch “Welt Online”-Chef Christoph Keese öffentlich zum Fall Posener geäußert und die Verantwortung für die Löschung des Beitrags übernommen:

Ich habe den Text von der Seite genommen, weil er stilistisch und argumentativ nicht unseren Anforderungen entsprach. (…) Überdies enthielt der Text Ausdrücke, die nicht zu uns passen. (…) In der Diskussion taucht immer wieder der Begriff des Zensors auf. Doch wer sich als professioneller Autor redigieren lässt, unterwirft sich keiner Zensur, sondern der Bearbeitung durch einen Kollegen. Dies ist etwas ganz und gar anderes.

Ja, und wer’s unbedingt noch genauer wissen will, kann sich ja jetzt das komplette Keese-Interview auf sueddeutsche.de durchlesen.

Mehr dazu hier und hier und hier.

6 vor 9

Journalismus im Web
(youtube.com, Video, 3:55 Minuten)
Interview mit Gerlinde Hinterleitner, derstandard.at-Chefin.

WWW – Der neue Weg in Elysée?
(arte.tv, Video)
Wer arbeitet in den Internet-Teams der Präsidentschaftskandidaten und wie arbeiten diese Teams? Wer gewinnt warum an Einfluss, zum Beispiel in einem Blog. Welche Reaktionen löst diese Form des Wahlkampfs aus?

Als das Internet nach Deutschland kam
(netzeitung.de, Maik Söhler)
Können Sie sich noch erinnern, wann Sie zum ersten Mal vor einem Computer gesessen haben? Bei Peter Glaser ist die erste Sitzung fast 30 Jahre her.

Wer stoppt dubiose Gewinnspiele?
(daserste.de, Peter Onneken)
Sie wollen, dass Sie anrufen. 9Live, Viva, DSF. 50 Cent der Anruf, ob Sie durchkommen oder nicht – und die Zuschauer rufen an.

Wir sind Papst!
(debatte.welt.de, Alan Posener)
Kai Diekmann hat ein Buch angekündigt. Der Titel, “Der große Selbstbetrug”, scheint zutreffender zu sein, als dem Autor lieb sein kann.

Update am 09.05.2007, 11:45 Uhr: Der Inhalt dieses Textes war welt.de nun offenbar doch zu meinungsstark – er wurde kurzerhand gelöscht. Behauptet wird stattdessen: “Möglicherweise sind Sie einem falschen oder veralteten Link gefolgt oder Sie haben Sich bei der Eingabe der URL vertippt.”

Frau in der Nacht
(astrid-paprotta.de)
Morgens noch in der Heimatzeitung diesen Satz gelesen: »In den Unterarm eines Bundespolizisten hat eine Frau in Frankfurt-Sachsenhausen gebissen.« Noch einen Moment gegrübelt, ob man das nicht umstellen könnte – also etwa: In Frankfurt-Sachsenhausen biss eine Frau in den Unterarm eines Bundespolizisten – was aber die aufkeimende Frage auch nicht beantworten würde, was die Bundespolizei (aka Bundesgrenzschutz) eigentlich in Ffm-Sachsenhausen macht und warum sie sich beißen lassen muss.