„BILD lässt Vorurteile wachsen“

Prof. Christian Pfeiffer (63) ist einer der meistzitierten Forscher Deutschlands. Er studierte Jura, Sozialwissenschaften und Kriminologie und promovierte zum Thema „Kriminalprävention im Jugendgerichtsverfahren“. In den siebziger Jahren engagierte er sich als ehrenamtlicher Bewährungshelfer und gründete den Verein „Brücke“, der in einem preisgekrönten Modellversuch neue Maßnahmen bei der Betreuung straffälliger Jugendlicher erprobte.

Seit 1988 ist er Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN), das regelmäßig Studien zu verschiedensten Aspekten von Kriminalität veröffentlicht. Im Zuge der aktuellen Debatte über Jugendkriminalität hat Pfeiffer, der SPD-Mitglied ist und von 2000 bis 2003 Justizminister in Niedersachsen war, in den letzten Wochen nach eigenen Angaben über 100 Interviews gegeben.

„Bild“ schrieb in der vergangenen Woche: „Deutschland diskutiert über Jugendkriminalität, die immer häufiger von jungen Ausländern ausgeht.“ Stimmt das?

Nein, genau das Gegenteil ist richtig: Der Anteil von Ausländern ist — insbesondere in Hessen — stark rückläufig.

In der Bundesrepublik ist der Anteil der nichtdeutschen Täter bei der Gewaltkriminalität ebenso wie bei den gefährlichen und schweren Körperverletzungen seit 1999 zurückgegangen. Das gilt im Übrigen auch, wenn wir die Gesamtkriminalität betrachten: Vor zehn Jahren hatten wir noch eine Quote bei ausländischen Tatverdächtigen von 27 Prozent und sind inzwischen bei 19 Prozent angekommen.

In den letzten Wochen, in denen fast jeden Tag ein neuer Fall von Gewalt durch die Presse ging, verwendete „Bild“ die Begriffe „Jugendkriminalität“ und „Ausländerkriminalität“ nahezu synonym. Gibt es plötzlich mehr Gewalt?

Ausgangspunkt war natürlich die grässliche Geschichte aus München, wo ein älterer Herr brutal von zwei Migranten zusammengeschlagen wurde. Wenn man will, kann man natürlich in jeder Stadt Beispiele dafür finden, dass Migranten zuschlagen — was selbstverständlich ist angesichts ihres hohen Anteils an der Bevölkerungsquote. Man könnte sich auch genauso auf Berichte über deutsche Schläger beschränken oder sich auf Rechtsradikale konzentrieren. Die Auswahl wäre da groß, und von daher ist es eine sehr einseitige, subjektive Wahrnehmung, die die Darstellung in „Bild“ prägt.

Finden Sie es gut, dass es die Themen Jugendkriminalität und auch Migrantenkriminalität, die ja zweifellos vorhanden ist, auf die Tagesordnung geschafft haben?

Ich finde es im Prinzip richtig, dass wir manche Tabus nicht mehr einhalten und offen darüber diskutieren, wie häufig es beispielsweise vorkommt, dass türkische Kinder oder Frauen von ihren Vätern bzw. Männern geschlagen werden.

Wir haben ja unterschiedliche Rahmenbedingungen, die zur Gewaltbereitschaft beitragen: Bei türkischen Jugendlichen messen wir beispielsweise die dreifache Rate von Mehrfachtätern bei Gewalt wie bei deutschen. Aber das vergleicht eben Äpfel und Birnen: Diese 4,1 Prozent der Deutschen und 13,2 Prozent bei den Türken bedeuten ja nicht, dass die Türken gewalttätiger sind, sondern nur, dass sie häufiger in Familien und sozialen Lagen und Lebensumständen aufwachsen, die kriminalitätsfördernd sind.

Wir haben eine Studie (PDF) erstellt, in der wir nicht Äpfel mit Birnen, sondern Türken mit Deutschen vergleichen, die in der selben sozialen Lage sind: also nur Realschüler, keine innerfamiliäre Gewalt, normales Einkommen. Da zeigt sich, dass die Gewaltrate identisch ist: Bei beiden haben um die 12 Prozent angegeben, im Jahr zuvor jemanden verprügelt oder mit Gewalt jemandem etwas weggenommen zu haben. Und wenn wir nach der Intensivtäterrate fragen, also nach Leuten, die mindestens fünf Gewalttaten begangen hatten, liegen die Unterschiede zwischen 1,9 Prozent bei den Türken und 1,7 Prozent bei den Deutschen. Damit zeigt sich: Es macht überhaupt keinen Sinn, hier das Thema Ausländer in den Mittelpunkt zu rücken, es geht um die Unterschicht.

Bestimmte Faktoren treten in der Unterschicht häufiger auf als bei Kindern aus der Mittelschicht: Familiäre Gewalt, die ein normales Aufwachsen sehr, sehr erschwert, Armut oder die Tatsache, dass sich Geschwister ein Zimmer teilen müssen und sich dann beispielsweise gegenseitig bei den Schularbeiten stören. Das sind alles Rahmenbedingungen, die bei Ausländern stärker vorhanden sind als bei den Deutschen — und das ist der wirkliche Hintergrund der ganzen Debatte.

Wir konnten zeigen: In Hannover, wo die Realschule die zentrale Schule ist und immer mehr Türken das Gymnasium besuchen, ist die Jugendgewalt dieser Gruppe seit 1999 von 32 auf 22 Prozent gesunken. In München hingegen, wo die Gymnasialquote der jungen Türken seit 1999 rückläufig ist, wo die Mehrheit immer noch zur Hauptschule geht, ist sie von 27 auf 31 Prozent gestiegen. Da sieht man wieder: Es hat mit den Türken nichts zu tun, sondern mit den Rahmenbedingungen ihres Aufwachsens.

„Bild“ setzt ja Berichte über Jugendkriminalität immer vor den Hintergrund der Ausländer. Inwiefern verändert die Berichterstattung die Wahrnehmung der Realität?

Die Berichterstattung trägt natürlich dazu bei, die Vorurteile gegenüber Ausländern zu erhöhen. Wir machen in regelmäßigen Abständen Umfragen, bei denen wir die Leute schätzen lassen, wie hoch der Anteil der Ausländer an der Kriminalität im Vorjahr war. Bisher lagen die Schätzungen immer bei 35, 36 Prozent — und damit höher als die tatsächliche Quote von rund 20 Prozent. Wir haben noch keine aktuelle Untersuchung gemacht, aber ich vermute, die Schätzungen könnten diesmal bei 50 Prozent liegen.

Haben Sie eine solche Kampagne wie von „Bild“ im Moment schon einmal erlebt?

Nein, das ist in dieser Intensität schon neu. Bisher galten da noch Tabugrenzen. Ich bin durchaus der Meinung, dass wir über die hohe innerfamiliäre Gewalt in türkischen Familien reden müssen. Die ist zwar schon weniger geworden, aber immer noch unerträglich. Ich finde es richtig, darüber zu sprechen und damit vielleicht auch Tabus zu brechen, nur: Man muss aufpassen, dass man nicht von einer Nationalität, einer ethnischen Gruppe schreibt, sie werde immer „böser“ als andere bleiben. Man muss den Wandlungsprozess hervorheben, den es beim Umstieg von einer Kultur in eine andere immer gibt.

Die Macho-Kultur der Türken war beispielsweise notwendig und funktional in einem Land, in dem der Rechtsstaat nicht zu spüren ist und wo die Familien auf sich allein gestellt sind, wenn sie sich wehren wollen gegenüber marodierenden Banden. Da braucht man bewaffnete Männer, die zusammenhalten, die eine Kultur der Ehre haben, die untereinander bestimmte Regeln einhalten. Was wir als Macho-Kultur kennen, war dort gewissermaßen lebenserhaltend, aber sie wird lächerlich und problematisch, wenn die Menschen übersiedeln in einen Staat, in dem die Polizei verlässlich kommt, in dem die Richter nicht bestechlich sind, in dem man keine eigene Gewalt braucht, weil der Staat einen schützt. Das zu lernen, ist schwer und geht nicht von heute auf morgen: Wenn der Großvater noch ein Kämpfer für die Rechte der Familie gewesen ist, dann ist der Enkel noch voll Bewunderung für dessen starke Ausstrahlung und will so werden wie er. Dann braucht es eine längere Zeit, bis man sich hier entspannen kann und keine Waffe mehr im Nachtkästchen braucht. Dieser Lernprozess braucht zwei bis drei Generationen, das muss uns klar sein. In Deutschland haben wir den Frauen 1957 gestattet, ohne Einwilligung ihres Mannes einen Beruf zu ergreifen, in der Schweiz war es 1977, in der Türkei 1997 — das sind 40 Jahre Unterschied. Wir sollten ehrlich über diese Zusammenhänge sprechen und daraus kein moralisches Thema machen.

Können die Medien diesen Umstellungsprozess und die kulturellen Unterschiede der Bevölkerung richtig vermitteln?

Ja. Die Forschungsergebnisse unseres Instituts werden von Qualitätszeitungen wie „FAZ“, „Welt“ oder „Süddeutsche“ sehr differenziert aufgegriffen. Schwieriger ist es bestimmt in der Boulevardpresse, die stärker von Emotionen lebt, aber auch dort hat es gelegentlich gute Artikel gegeben. Selbst bei „Bild“ ist es mir gelegentlich gelungen, solche Zwischentöne zu bringen — in Phasen, wo es nicht um die Solidarität mit Herrn Koch in dessen Wahlkampf geht.

Sehr spannend finde ich, wie stark sich diese Zeitung in ihrem Image und ihrem Auftreten wandelt, wenn sie politische Zwecke verfolgt: Dann kann sie ganz rigoros und einseitig werden, und man wird förmlich überrannt.

Ist es gefährlich, wenn „Bild“ so massive Kampagnen fährt?

Ja, natürlich. Massiv gefährlich, weil eine solche Berichterstattung dann dazu beiträgt, dass Vorurteile wachsen und Gräben größer werden. Es erhöht soziale Spannungen unter den verschiedenen Gruppen. Von daher ist es schon ein massiver Übergriff, was „Bild“ da seit zehn, vierzehn Tage macht. Ich bin mal gespannt, wann sie zur Normalität zurückkehrt. Vermutlich nach den Landtagswahlen am 27. Januar.

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