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Jeder zehnte Journalist berichtet falsch über kriminelle Flüchtlinge

„So langsam lassen auch die Mainstreammedien die Katze aus dem Sack“, freute sich die AfD, als sie in der vergangenen Woche auf folgende Schlagzeile stieß:


(abendblatt.de)


(mopo.de)


(hamburg1.de)

Allerdings müssen wir die AfD enttäuschen: Die Katze aus dem Sack ist eine Ente.

In den Artikeln heißt es:

Mehr als zehn Prozent der im ersten Quartal in Hamburg ermittelten Straftäter sind Flüchtlinge. Das ergab die Antwort des Senats auf eine Kleine Anfrage des Bürgerschaftsabgeordneten Dennis Gladiator. „Erschreckend“ nennt der CDU-Innenpolitiker die Zahl.

Exakt wurden 2252 der rund 21.000 in den ersten drei Monaten dieses Jahres ermittelten Tatverdächtigen als Flüchtlinge eingestuft. Die meisten durch sie begangenen Straftaten sind demnach Diebstähle, Vermögens- und Fälschungsdelikte sowie Körperverletzungen.

Zwar geht die Zahl 2252 tatsächlich aus der Antwort des Hamburger Senats (PDF) hervor. Doch es geht dabei um Tatverdächtige, nicht um Täter. Es steht also gar nicht fest, wie viele davon wirklich eine Straftat begangen haben. Unklar bleibt auch, wie viele der Taten zum Beispiel bei Massenschlägereien in Unterkünften verübt wurden. Oder woher eigentlich die Gesamtzahl von 21.000 Verdächtigen kommt (aus der Antwort des Senats jedenfalls nicht).

Außerdem sind solche Quartalszahlen ohnehin nur mit sehr, sehr großer Vorsicht zu interpretieren, wie der Senat in seiner Antwort explizit betont:

Die PKS [Polizeiliche Kriminalstatistik] ist auf Jahresauswertungen ausgelegt. Innerhalb eines Berichtsjahres unterliegt der PKS-Datenbestand einer ständigen Pflege, zum Beispiel durch Hinzufügen von nachträglich ermittelten TV [Tatverdächtigen] oder der Herausnahme von Taten, die sich im Nachhinein nicht als Straftat erwiesen haben.

Zur begrenzten Aussagekraft unterjähriger Daten siehe im Übrigen Drs. 16/4616. Die Erfassung erfolgt unabhängig von der Tatzeit nach Abschluss aller kriminalpolizeilichen Ermittlungen eines Vorganges an die Staatsanwaltschaft.

Zur Beantwortung der Frage, wie viele Straftaten durch „Flüchtlinge“ im erfragten Zeitraum begangen worden sind, wäre eine händische Durchsicht sämtlicher Ermittlungs- und Handakten bei der Polizei erforderlich. Die Durchsicht von mehreren Zehntausend Vorgängen ist in der zur Beantwortung einer Parlamentarischen Anfrage zur Verfügung stehenden Zeit nicht möglich.

Auch in der Drucksache 16/4616 (PDF), auf die der Senat verweist, steht unmissverständlich:

Wegen der begrenzt aussagekräftigen Basis wird nochmals darauf hingewiesen, daß eine solche Betrachtungsweise zu sehr verzerrten Ergebnissen führen kann. Von daher ist insbesondere eine kleinteilige Darstellung (…) aus fachlichen Gesichtspunkten nicht hinreichend aussagekräftig.

Kurz gesagt: Die Zahlen sagen nichts aus. Erst recht nicht das, was „Mopo“ & Co. in ihren Überschriften behaupten.

Auch Bild.de berichtet und wirft noch andere Zahlen in den Ring:

Dabei differenziert die Polizei nach Menschen mit laufendem Asylverfahren (1705 Tatverdächtige), Schutzberechtigte und Asylberechtigte (205 Tatverdächtige), Menschen, die trotz abgelehnten Asylantrags geduldet werden (261 Tatverdächtige) und Kontingentflüchtlinge (81 Tatverdächtige).

Nach Angaben des Einwohnerzentralamts leben in Hamburg derzeit 29 209 Menschen, auf die diese Kriterien zutreffen. Von ihnen wären also rund 7,7 Prozent straffällig geworden.

Die Schlussfolgerung ist aber auch falsch. Erstens lässt „Bild“ außer Acht, dass bei den Tatverdächtigen durchaus Mehrfachnennungen möglich sind (eine Person wird verschiedener Taten verdächtigt). Und zweitens verweist der Sprecher der Hamburger Polizei im „Abendblatt“ darauf, …

dass viele der erfassten Tatverdächtigen unter den Flüchtlingen nicht in Hamburg untergebracht sind. „Hamburg bietet als Metropole viele Tatgelegenheiten und ist deshalb für Straftäter attraktiv.“ Das gelte aber auch für alle anderen Tatverdächtigen, die die Hamburger Polizei ermittele.

Aber wie das so ist: Die Zahlen sind in der Welt — und die Fremdenfeinde um ein Scheinargument reicher.










Mit Dank an Martin S.!

Nazi-Skandal Reloaded

Vor knapp acht Jahren erschütterte ein Skandal die „Junge Union“ — und die „Bild“-Zeitung.

Mitten im Machtkampf der CDU platzt jetzt eine weitere Bombe! Mindestens drei CDU-Mitglieder sollen in einen Hakenkreuz-Skandal verwickelt sein. Jetzt tauchte ein geheimes Videoband bei der CDU-Zentrale im Abgeordnetenhaus auf. (…)

Der Film zeigt die CDU-Mitglieder während einer Fahrt vor zwei Jahren: Sie haben ihre Oberkörper mit Hakenkreuzen beschmiert, schreien wüste Nazi-Parolen!

Das mit den beschmierten Oberkörpern ist, wie wir schon damals festgestellt haben, völliger Quatsch. „Bild“ hatte das Video vor der Veröffentlichung des Artikels gar nicht gesehen.

Dummen Nazi-Mist gibt es in dem Video, das 2005 auf einer Reise der „Schüler Union“ in Riga entstanden ist, aber tatsächlich: Es zeigt mehrere junge, sichtlich alkoholisierte Männer, die sich zum Zeitvertreib wie in einer Talk-Show Fragen stellen. Irgendwann hält einer der Anwesenden kurz einen Sticker mit Hakenkreuz-Motiv vors Objektiv, den er an einem Rigaer Souvenirstand erworben hat; ein anderer findet es sichtlich lustig, mit rechten Parolen wie der Bekämpfung „des jüdischen Bolschewismus“ zu provozieren.

2008 wurde das Video dann der Berliner CDU zugespielt, kurz darauf berichteten „Bild“ und andere Medien (etwa der „Tagesspiegel“), es gab große Aufregung — und Konsequenzen: Die beteiligten Nachwuchspolitiker legten ihre Ämter nieder, traten aus der Partei aus, einer erstattete Selbstanzeige und bekam eine zweijährige Ämtersperre. Ihre politische Karriere war vorerst hinüber, vom öffentlichen Ansehen ganz zu schweigen.

Damit war das Thema erledigt, die Politiker hatten ihre Strafe bekommen.

Und wenn Sie sich fragen, warum wir heute, elf Jahre nach der Entstehung des Videos und acht Jahre nach der Berichterstattung darüber, plötzlich wieder damit ankommen — nun ja:

Das ist die „B.Z.“ von heute. Der Skandal ist der von damals.

Von mit Hakenkreuzen beschmierten Oberkörpern ist immerhin nichts mehr zu lesen, denn diesmal haben die Springer-Leute sich das Video sogar angeschaut, bevor sie darüber geschrieben haben, was im Grunde auch die einzige Neuigkeit ist.

Aber weil die beteiligten JU-Mitglieder inzwischen wieder in der Partei aktiv sind, haut die „B.Z.“ ihnen den Skandal einfach noch mal um die Ohren.

Das Blatt erwähnt zwar, dass die Sache elf Jahre her ist (die Männer kommen auch alle zu Wort und erklären, dass sie diesen „sehr, sehr dummen Fehler“ immer noch „zutiefst bereuen“), doch es klingt alles so, als käme die Sache erst jetzt an die Öffentlichkeit:

Sie sind in jungen Jahren schon weit gekommen: (…). Jetzt holt die drei Freunde mit CDU-Parteibuch die Vergangenheit des Jahres 2005 ein: ein Video von einer Reise der Schüler-Union nach Riga.

Jetzt ist ein Video aufgetaucht, das drei Unions-Fraktionäre bei einer Partei-Reise 2005 nach Riga zeigt: Hakenkreuze, Nazi-Parolen, Hass.

Das Video, das der B.Z. exklusiv vorliegt, kennen bislang nur führende CDU-Funktionäre.

Schwupps — Skandal wieder da.


(„Focus Online“)


(„Huffington Post“)


(berliner-zeitung.de)


(stern.de)


(news.de)


(mz-web.de)


(oe24.at)

Auch die „Bild“-Zeitung berichtet wieder:

Dass sie schon vor acht Jahren darüber geschrieben hat und damals noch von beschmierten Oberkörpern die Rede war, erwähnt die Redaktion — Überraschung: nicht.

Mit Dank an Matthias M.

„Eigentlich ist es noch viel krasser“

BILDblog wird analog — für einen Abend, am 3. Mai im Heimathafen Neukölln. Unter anderem mit dabei: das Theaterstück „Seite Eins“. Wir haben dem Autor des Stücks, Johannes Kram, vorab schon mal ein paar Fragen gestellt.

Herr Kram, ein Theaterstück mit Ingolf Lück und einem Smartphone, was erwartet uns?
Das Stück ist lustig, hoffe ich, aber es ist auch böse. Und da wo es lustig ist, ist es auch am meisten böse. Das heißt, es versucht natürlich Dinge zu behandeln, die eigentlich nicht lustig sind. Ingolf schafft es wunderbar, den Wahnsinn und die Abgründe des Themas in einer sehr ambivalenten Figur zu transportieren, bei der man nie genau weiß, woran man ist. Ich glaube, das ist auch der Grund, warum „Seite Eins“ in der Lück-Inszenierung so erfolgreich ist.

Also ein kritisches Stück?
Es geht nicht nur gegen „die bösen Medien“, es versucht nicht, eine simple Medienkritik zu machen, sondern eine Diskussion darüber zu provozieren, wer welchen Anteil woran trägt. Also: Welche Ziele und welche Verantwortung haben Medien und die Menschen, die in ihnen arbeiten? Aber auch: Welche Möglichkeiten und welche Verantwortung haben wir alle als Medienkonsumenten?


(Foto: Volker Zimmermann)

Wie viel BILDblog steckt in dem Stück?
Ich glaube, dass ich das Stück auch ohne BILDblog geschrieben hätte, aber dann wäre es garantiert anders geworden. Und von meinen Begegnungen nach den Aufführungen weiß ich, dass BILDblog-Leser ein besonderes Vergnügen daran haben, weil sie natürlich viele Geschichten kennen, auf die es sich bezieht, und weil sie ganz anders im Thema sind. Insofern wird der 3. Mai auch eine ganz besondere Aufführung für das Stück, weil es auf die trifft, die sich dem gleichen Thema von der ganz anderen Seite nähern. Und noch was: BILDblog wird ja gerne vorgeworfen, dass es sich oft kleinkariert an reinen Form- und Stilsachen abarbeitet. Ich glaube, für ein digitales sich selbst dauernd fortschreibendes Blogformat ist es sehr mühsam, immer wieder von Neuem darzustellen, wie oft hinter diesen vermeintlichen Kleinigkeiten methodische und oft sehr problematische Nachlässigkeiten und Grenzüberschreitungen stehen. Ein Theaterstück kann das bündeln, daraus ein Narrativ formen und so zu einem gemeinsam Erlebbaren machen. Insofern feiert „Seite Eins“ auch die BILDblog-Macher und -Leser dafür, dass sie sich schon so lange und so hartnäckig auch um all das kümmern, was so lästig und doch so wichtig ist.

Und wie viel steckt von der anderen Seite drin? Haben Sie mit „Bild“-Redakteuren gesprochen, eine Redaktion besucht? Oder anders gefragt: Wie nah ist das Stück an der Realität?
Es geht ja nicht nur um „Bild“, auch wenn „Bild“ natürlich der größte Machtfaktor im Boulevard ist. Es geht um Mechanismen und Haltungen, die ich selbst tatsächlich schon so erlebt oder von Betroffenen so erzählt bekommen habe. Es passiert mir jedes Mal nach Premieren, dass Journalisten auf mich zukommen und sagen: „Eigentlich ist es noch viel krasser.“ Das ist den Leuten, die nicht aus der Medienbranche kommen, oft gar nicht so klar. Für die gibt es bei dem Stück also einen großen Aha-Effekt, die sagen: „Echt, so läuft das da ab?“ Und bei Medienleuten gibt es den Effekt, dass manche sagen: „Das wussten wir schon, aber es ist schon krass, das mal so gezeigt zu bekommen“.

Im Stück geht es um den hinterhältigen Journalisten Marco, der eine junge Musikerin ausnutzt. Sie haben selbst lange Zeit als Manager von Musikern gearbeitet — sind aus dieser Zeit auch Erfahrungen eingeflossen?
Ja, auch, aber das ist auch eine dramatische Näherung an den Stoff. Vieles in dem Stück habe ich von Boulevardjournalisten tatsächlich genau so gehört. Es ist auch einiges aus dem Buch von Kai Diekmann drin, auch von Sarrazin, und vieles über den Machtanspruch gerade der Spinger-Leute. Vieles, was ich selbst erlebt oder von anderen erzählt bekommen habe. Aber es ist eben auch eine Geschichte. Kein Vortrag, sondern im besten Fall spannendes Theater, das die Leute auf verschiedene Weise packt und mehrmals in eine andere Richtung führt, als sie es erwartet hätten.

Nach dem Stück werden wir uns mit Johannes Kram und Ingolf Lück auch über das Stück unterhalten und Fragen aus dem Publikum beantworten — Tickets für den BILDblog-Abend gibt es hier.

BILDblog analog – Jetzt auch mit Moderator

In zwei Wochen ist es so weit: BILDblog wird analog. Zumindest für einen Abend:

Und es gibt Neuigkeiten: Damit wir uns nicht verquasseln, wird „aspekte“-Moderator Jo Schück vorbeikommen und durch den Abend führen.

  • Was gibt’s zu sehen?

    Zuerst: „Seite Eins — Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone“ von Johannes Kram, in dem Ingolf Lück den Boulevardjournalisten Marco spielt. Ein lustiges, realistisches, erschreckendes Stück über die perfiden Methoden einer skrupellosen Zeitung.



    (Fotos: Volker Zimmermann)

    Anschließend geben mehrere Generationen von BILDblog-Autoren Auskunft über Redaktionsinterna und erzählen vom Beklopptesten und Geheimsten aus zwölf Jahren BILDbloggerei.

    Und zum Schluss gibt’s Musik — von wem, geben wir noch bekannt.

  • Wann?

    Am Dienstag, 3. Mai 2016, um 19:30 Uhr (Einlass ab 19:00 Uhr).

  • Wo?

    Im Heimathafen Neukölln.
    (Karl-Marx-Straße 141, 12049 Berlin, U7-Haltestelle Karl-Marx-Straße)

  • Wie viel?

    Die Karten für den Abend kosten 20 Euro (plus Vorverkaufsgebühr). Mit den Einnahmen wollen wir den künftigen Betrieb des BILDblogs sichern — ein Benefizabend in eigener Sache also.

    Tickets gibt es hier …



    … oder direkt beim Heimathafen Neukölln oder bei „Koka 36“. (Die Tickets werden auf den Namen des Käufers ausgestellt, können aber auch gerne verschenkt werden.)

  • Wer uns bei der Gelegenheit noch gleich etwas mehr unterstützen möchte, kann auch eines der limitierten Supporter-Tickets kaufen:

    – für 50 Euro bekommen Sie einen weltexklusiven BILDblog-Jutebeutel obendrauf.

    – für 200 Euro stehen wir Ihnen bei der Party persönlich Rede und Antwort. Die Getränke gehen natürlich auf uns.

    – für 500 Euro laden wir Sie einen Tag nach der Veranstaltung zum Abendessen in unsere liebste Dönerbude in Neukölln ein.

    Dafür einfach eine kurze Mail an kontakt@bildblog.de schreiben.

  • Eine Facebook-Veranstaltung gibt’s auch, und zwar: hier.
  • Mit freundlicher Unterstützung von:

Die grausame Wahrheit über die „Huffington Post“

Die deutsche Ausgabe der Huffington Post ist das journalistische Angebot des 21. Jahrhunderts. Auf der innovativen Plattform können Redakteure, Blogger und Kommentatoren Haltung zeigen und schreiben, was sie bewegt. Die Redaktion verfügt über ein weltweites Netzwerk von Redakteuren, die nicht dem Mainstream folgen, sondern Themen aus einer anderen Perspektive beleuchten.

Und das liest sich dann so:

Das [sic] Nelken bei Zahnschmerzen helfen sollen und Kamille bei Bauchweh, gehört schon zum medizinischen Allgemeinwissen. Aber Forscher entdecken immer wieder neue Eigenschaften von Pflanzen, mit erstaunlichen Auswirkungen auf den menschlichen Körper.

In dem Fachmagazin „Journal of Medicial Mushrooms“ wird in einem Artikel zum Beispiel ein Pilz beschrieben, dessen Geruch bei Frauen einen spontanen Orgasmus auslösen soll. Der Pilz wird der Gattung Dictyophora zugeordnet.

Bei einem Test mit Freiwilligen sollen mehr als die Hälfte der Probandinnen angegeben haben, spontan einen Orgasmus erlebt zu haben.

Allerdings:

Wie viele Probandinnen an dem Test teilgenommen haben, ist allerdings unklar. Auch ist nicht ersichtlich, ob die Orgasmen auch körperlich nachgewiesen wurden. Zu vermuten ist daher, dass die Studie wissenschaftlichen Qualitätskriterien nicht standhält.

Nun ja. Die Autorin hätte nur kurz googeln müssen, um herauszufinden, dass die Anzahl der Probandinnen sehr wohl bekannt ist, nämlich: 16.

Vielleicht wäre ihr dabei auch aufgefallen, dass diese angebliche „Studie“ schon 15 Jahre alt ist. Und dass sie seitdem etliche Male auseinandergepflückt und für äußerst fragwürdig befunden wurde, unter anderem von — der „Huffington Post“.

Nicht mal den Namen des Journals hat die Autorin richtig abgeschrieben (es heißt „… Medicinal Mushroom“, nicht „… Medicial Mushrooms“). Von den zwei Forschernamen ist immerhin nur einer falsch (er heißt „Holliday“, nicht „Halliday“).

Fassen wir also zusammen: Der Artikel gibt eine 15 Jahre alte, nichtssagende Scheinstudie falsch wieder. Im Grunde ist man nach der Lektüre also schlechter informiert als vorher. Aber Hauptsache: die „Huffington Post“ um einen Klick reicher.

Man kann nicht mal behaupten, die „Huffington Post“ würde schlecht recherchieren, denn dafür müsste sie recherchieren. Je intensiver man sich mit ihr befasst, desto mehr zeigt sich jedoch, dass sie keineswegs ein journalistisches Angebot ist, sondern ein lieblos zusammengeklopptes Fundstück-Sammelsurium mit einem informationellen Mehrwert irgendwo zwischen „Praline“ und „Upps! Die Superpannenshow“.

Bleiben wir mal bei der Orgasmuspilz-Autorin. Einen Tag später schrieb sie:

Der Artikel besteht aus diesem eingebetteten Foto …

… und diesem Text:

Zugegeben. Wir können nicht mit Gewissheit sagen, was sich hinter diesem Bild verbirgt. Aber falls wirklich eine unbezahlte Gärtner-Rechnung dahinter steckt, hat der um seinen Lohn betrogene Gartenbauer unseren Respekt verdient.

Zugegeben. Wir können nicht mit Gewissheit sagen, wie viel Zeit die Autorin diesmal in die Recherche investiert hat. Aber wir haben weniger als zwei Minuten gebraucht, um herauszufinden, was sich hinter dem Bild verbirgt: Der Penisbusch steht in England. Der Besitzer des Gartens hat ihn selbst so geschnitten und taucht deshalb seit einigen Monaten in den Medien auf. Zufällig betreibt er auch ein Unternehmen, das auf das Zurechtschneiden von Bäumen und Büschen spezialisiert ist. Das Ganze ist also keine Rache-, sondern eine zwei Monate alte PR-Aktion.

So sieht der „Huffpo“-Alltag aus. Beispiele könnten wir Dutzende auflisten.

Bleiben wir bei der Orgasmuspilzpenisbusch-Autorin. Oft erscheinen mehrere ihrer Artikel täglich, fast immer über Fundstücke aus Sozialen Netzwerken. Meist irgendwas mit Sex oder Promis oder Sex, eingebettet in kurze Texte, Clickbait-Überschrift, fertig. Wahrheitsgehalt? Aktualität? Egal.

Sie entdeckt dieses Foto:

… zack:

Oder dieses:

… zack:

Oder dieses:

… zack:

Sie stößt auf eine sechs Monate alte Studie über postkoitale Depressionen — zack:

Sie stößt auf eine zwei Jahre alte Untersuchung, nach der Pflanzen auf das Kaugeräusch von Raupen reagieren — zack:

Sie stößt auf die seit Ewigkeiten bekannte Tatsache, dass Prosecco Zucker enthält — zack:

So sind in den vergangenen drei Monaten allein von dieser Autorin gut 100 Artikel erschienen:

Wie war das noch?

Die deutsche Ausgabe der Huffington Post ist das journalistische Angebot des 21. Jahrhunderts. Auf der innovativen Plattform können Redakteure, Blogger und Kommentatoren Haltung zeigen und schreiben, was sie bewegt. Die Redaktion verfügt über ein weltweites Netzwerk von Redakteuren, die nicht dem Mainstream folgen, sondern Themen aus einer anderen Perspektive beleuchten.

Genau.

Medien tappen in gigantische Superrattenfalle

Ob man aus ihnen auch Benzin machen kann, verrät Bild.de zwar nicht, aber ist ja auch so schon eine Knallerstory:

In der britischen Hauptstadt hat Schädlingsbekämpfer Dean Burr sechs große Biester unschädlich gemacht. Es sollen Ratten sein, rund 60 Zentimeter lang, etwa so groß wie Katzen!

Und nicht nur das!

Burr vermutet, dass die Tiere so zugelegt haben, weil sie auch Kannibalen seien: „Sie fressen Mäuse, sie fressen aber auch Artgenossen, sterbende oder tote Tiere.“

INVASION DER KANNIBALISCHEN SUPERRATTEN?

So viel vorweg: Nee.

Aber der Reihe nach. Dean Burr, der Kammerjäger, hatte das Foto vor ein paar Wochen bei Facebook gepostet und behauptet, er habe die Tiere in London gefangen.

Die britische „Sun“ bekam Wind davon und schrie am vergangenen Freitag:

Am Wochenende schwappte die Geschichte dann in den deutschsprachigen Raum — Bild.de kopierte sie ungeprüft, ebenso wie N24:

Und „20 Minuten“:

Und heute.at:

Und stern.de:

Allerdings: Alles Quatsch.

In Wirklichkeit stammen die Aufnahmen von „National Geographic“:

Sie sind mindestens drei Jahre alt und zeigen ganz normale Nutrias, die bis zu 65 Zentimeter groß werden, Vegetarier und völlig harmlos sind. Die Tiere wurden auch nicht in London gefangen, sondern in den USA.

Inzwischen hat der Kammerjäger das Foto von seiner Facebookseite gelöscht, und bei einigen der deutschen Abschreiber regen sich allmählich doch ein paar Zweifel.

Stern.de hat die Überschrift heute unauffällig in „Sind das wirklich Ratten? Diese Riesenbiester machen London unsicher“ geändert und schreibt am Ende des Artikels:

Einige Leser wiesen uns darauf hin, dass es sich bei den vermeintlichen Ratten um Nutrias, auch Biberratten genannt, handeln könnte. Die aus Südamerika stammenden Nager sind mittlerweile auch in Europa heimisch und ernähren sich von Pflanzen und Insekten. Ob es sich bei den gezeigten Tieren aber tatsächlich um die harmlosen Nagetiere handelt, ist aktuell noch unklar. Die markanten Orange-farbenen Zähne sprechen aber tatsächlich dafür.

Und News.de schreibt:

Einige Zweifler gibt es dennoch. Es könne sich demnach auch gar nicht um eine herkömmliche Ratte handeln, sondern um eine sogenannte Biberratte. Diese kommt ursprünglich aus Südamerika, sind im Gegensatz zur Kanalratte allerdings fast ausschließlich Vegetarier. Bleibt nur die Frage: Wie kommen die Biberratten nach England? Es darf spekuliert werden.

Überschrift:

Mit Dank an Anonym und Moritz K.

Presserat hält „Galgenmann“-Fotos für unzulässig

Ja, da freute er sich, der Online-Chef der „Bild“-Zeitung:

Äh, ja.

In der Geschichte ging es um einen Mann, der auf einer „Pegida“-Demo einen selbstgebauten Galgen getragen hatte („Reserviert“ für Angela Merkel und Sigmar Gabriel). „Bild“ hatte den Mann kurz darauf zu Hause besucht, dabei offenbar heimlich in seiner Wohnungstür fotografiert und die Fotos groß in der Print-Ausgabe und bei Bild.de veröffentlicht (BILDblog berichtete).

Darüber haben wir uns beim Deutschen Presserat beschwert. Der sieht es — anders als Julian Reichelt suggeriert — so wie wir:

Die Mitglieder des Beschwerdeausschusses sind mehrheitlich der Ansicht, dass die Beschwerde begründet ist. Die Verwendung der Fotos, die den Mann in seiner Wohnungstür zeigen, verstoßen gegen Ziffer 8, Richtlinie 8.8 des Pressekodex.

Der Ausschuss halte es zwar für presseethisch zulässig, „den Betroffenen auch an seiner Wohnungstür mit den Äußerungen, die er auf der Demonstration getätigt hat, zu konfrontieren“, heißt es in der Begründung. Aber:

Die Veröffentlichung heimlich angefertigter Bildaufnahmen hält er hingegen für unzulässig. (…) Auch die politischen Umstände des Sachverhalts oder die mögliche strafrechtliche Relevanz der Äußerungen des Betroffenen auf der Demonstration rechtfertigen ein heimliches Vorgehen nach Ansicht der Ausschussmehrheit nicht.

Die „Maßnahmen“ des Presserates:

Hat eine Zeitung, eine Zeitschrift oder ein dazugehöriger Internetauftritt gegen den Pressekodex verstoßen, kann der Presserat aussprechen:

  • einen Hinweis
  • eine Missbilligung
  • eine Rüge.

Eine „Missbilligung“ ist schlimmer als ein „Hinweis“, aber genauso folgenlos. Die schärfste Sanktion ist die „Rüge“. Gerügte Presseorgane werden in der Regel vom Presserat öffentlich gemacht. Rügen müssen in der Regel von den jeweiligen Medien veröffentlicht werden. Tun sie es nicht, dann tun sie es nicht.

Der Presserat sprach deshalb einen „Hinweis“ gegen „Bild“ und Bild.de aus. Julian Reichelt hatte zwar noch wortreich argumentiert …

Wir betrachten es als eine unserer herausragenden Aufgaben, politischen Bewegungen und Einzelpersonen, die Deutschland offenkundig aus dem grundgesetzlichen Rahmen herausreißen wollen, konsequent entlarvende Recherche und Berichterstattung entgegen zu setzen. Es wäre gefährlich, Berichterstattung auf das Umfeld zu beschränken, in dem sich radikale Bewegungen und Einzelpersonen nach Belieben inszenieren können. (…)

Es ist (leider) ein historisch belegtes Phänomen, dass sich in radikalen Organisationen soziale Außenseiter sammeln und durch das gemeinsame Auftreten den Eindruck von Stärke, Entschlossenheit, Tatkraft und vor allem gesellschaftlicher Legitimation zu erwecken. In der Masse treten sie quasi als Stimme der schweigenden Mehrheit auf. Die These der „schweigenden Mehrheit“, der Denk- und Redeverbote gehört zu ihrem ideologischen Standard-Repertoire.

Wir halten es daher für zwingend geboten, journalistisch gerechtfertigt und als Lehre aus der Geschichte unumgänglich, die Träger einer solch Staats- und Grundgesetzfeindlichen Ideologie in ihrem banalen Alltag zu konfrontieren und zu zeigen und den Kontext ihres Gedankenguts abseits choreographierter Flaggen- und Fackelzüge zu dokumentieren.

Ob die Fotos heimlich aufgenommen wurden, wollte Reichelt dem Presserat aber nicht verraten.

Inzwischen hat Bild.de die Fotos gelöscht.

So sieht Journalismus heute aus


(„Focus Online“, 3.3.2016)


(„Focus Online“, 4.4.2016)


(„Focus Online“, 19.6.2015)


(„Focus Online“, 21.2.2016)


(„Focus Online“, 22.1.2016)


(„Focus Online“, 27.2.2016)


(„Focus Online“, 30.9.2015)


(„Focus Online“, 5.4.2016)


(„Focus Online“, 19.2.2016)


(„Focus Online“, 21.3.2016)


(„Focus Online“, 30.1.2016)


(„Focus Online“, 11.12.2015)


(„Focus Online“, 8.9.2015)


(„Focus Online“, 15.12.2015)


(„Huffington Post“, 26.3.2016)


(„Huffington Post“, 21.3.2016)


(„Huffington Post“, 3.3.2015)


(„Huffington Post“, 22.2.2016)


(„Huffington Post“, 2.11.2015)


(„Huffington Post“, 19.1.2016)


(„Huffington Post“, 14.1.2016)


(„Huffington Post“, 13.11.2014)


(„Huffington Post“, 9.2.2016)


(„Huffington Post“, 30.04.2015)


(„Huffington Post“, 30.08.2015)


(„Huffington Post“, 1.1.2016)


(„Huffington Post“, 27.4.2015)


(„Huffington Post“, 8.4.2016)


(„Huffington Post“, 27.11.2015)


(„Huffington Post“, 9.1.2016)


(„Huffington Post“, 27.5.2015)


(„Huffington Post“, 20.4.2015)


(„Huffington Post“, 15.7.2015)


(„Huffington Post“, 2.8.2015)


(„Huffington Post“, 5.3.2015)

Mit Dank an „Clarissa“!

Für Sie geklickt (3)

Wir haben mal wieder für Sie geklickt, damit Sie es nicht tun müssen und trotzdem immer top informiert bleiben.

Heute: die „Huffington Post“.

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Ein Delfin sprang aus dem Wasser.

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Zucker.

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Die Frau bekam Fünflinge.

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„Hi, du hast wahrscheinlich nicht beabsichtigt, mir das zu schicken, aber sei bitte vorsichtig. Ich bin dein Boss.“

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Abdrücke von Dildos.

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Zwei Dildos.

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Ihr Handy.

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Reiterstellung.

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Es wurde eine „sehr schöne, intensive Zeit“.

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Der Gesundheitszustand des Mädchens verbesserte sich (das Viagra wurde ihr gegeben, damit ihre Lungen besser mit Blut versorgt werden).

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1. Beugt Alzheimer vor
2. Die Banane als Energielieferant
3. Antioxidantien steigern Produktivität und Antrieb
4. Kalium normalisiert den Blutdruck
5. Unabdingbar bei Eisenmangel und Anämien

***


– Senken des Cholesterinspiegels
– Gut für Blutgefäße
– Gewichtskontrolle
– Anti-Aging Effekt
– Krebshemmende Wirkung

***


1. Kokosöl hilft beim Abnehmen
2. Kokosöl senkt den Cholesterinspiegel
3. Hautprobleme bekämpfen mit Kokosöl
4. Zähne werden weißer
5. Symptome von Alzheimer lindern

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Du stirbst.

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Sie ist eine Puppe.

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Sie sagte „ficken“ statt „klicken“.

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Der Fotograf retuschierte ein Muttermal weg.

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Ein Pferd grinste.

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Sie schrieb ihr einen Brief.

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Weil er ihr versehentlich ins Auge gestochen hatte.

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Weil sie sich den ganzen Tag um Kind und Haushalt kümmert.

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Sie baute einen Unfall und wurde schwer verletzt

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Er reagierte sehr freundlich, als er angesprochen wurde.

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Sie kam nicht mehr alleine runter. Eine Freundin musste ihr helfen.

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Weil er deine Brüste schlaff macht.

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Am Klimawandel.

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Schimmel.

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Auch Männer schickten Fotos ihrer Brüste.

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Keine.

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Er freut sich sehr.

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Bitteschön. Gern geschehen.

Bild  

Heute anonym XXVI

Immer wieder faszinierend, wie die „Bild“-Zeitung selbst bei den simpelsten Anonymisierungsversuchen scheitert.

Die Bremer „Bild“-Ausgabe berichtet heute über einen Mann, der in U-Haft sitzt, weil er sein eigenes Geschäft angezündet haben soll. Bebildert ist der Artikel so:


(Verpixelung von uns, schwarzer Balken von „Bild“.)

Auf den ersten Blick ganz okay, doch was Sie durch unsere Verpixelung nicht sehen: „Bild“ hat es tatsächlich geschafft, den Balken haargenau über die Augenbrauen des Mannes zu setzen, sodass er nicht die Augen bedeckt, sondern die Stirn.

Mit Dank an @Hasi_Goreng und @SteffiinneSonne.

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