WAZ  

Künstliches Koma

Im Internet herrscht mal wieder helle Aufregung. Grund ist ein Artikel bei derwesten.de, dessen Überschrift besorgniserregend klingt:

Sucht: Junge Union lädt Jugendliche zum Koma-Saufen ein

Im gedruckten Bochumer Lokalteil der „WAZ“ lautete die Überschrift etwas anders („Empörung wg. JU-Angebot zum Koma-Saufen“), aber der Text ist identisch: Die Junge Union Bochum habe mit einem „im Internet kursierender[n] Aufruf an junge Leute ab 16 Jahren“ für „helle Empörung“ gesorgt.

„Der Westen“ ergänzt noch, das Angebot „gleicht nahezu einer Aufforderung zum Koma-Saufen“, und beide Texte sind sich einig:

Es klingt wie Koma-Saufen: Die entsprechenden Gutscheine müssten in anderthalb Stunden vertrunken werden, sie gelten nur bis 23.30 Uhr, die Party beginnt aber erst ab 22 Uhr.

Plakat der Jungen Union BochumDas könnte man in der Tat glauben, wenn man die (nicht nur im Internet verbreitete) Einladung zur „Wahlparty“ kurz vor der Kommunalwahl liest. Die unglückliche Formulierung „Gutscheine gültig bis 23:30 Uhr“ bedeutet aber nicht etwa, dass die Gutscheine nach 23:30 Uhr verfallen, sondern – wie in der Discothek Playa auch sonst üblich – dass man sie nur bis halb Zwölf bekommt — sie bleiben dann gültig, bis die Disco schließt.

Auf der Website der Jungen Union Bochum heißt es in der Einladung auch:

Die JU stellt klar, dass der Gutschein zwar bis 23:30 an der Kasse erworben werden muss aber die ganze Nacht genutzt werden darf.

Dieser Satz war übrigens zwischenzeitlich aus dem Web-Auftritt der Jungen Union verschwunden, was man uns auf Anfrage mit einem „Fehler beim Copy & Paste“ erklärte.

Die Junge Union stellte im Gespräch mit BILDblog auch noch einmal klar, dass man bei der Planung der Veranstaltung eng mit den Bochumer Behörden zusammenarbeite und vor Ort besonders auf die Einhaltung von Gesetzen und Vorschriften achten werde. Im Übrigen könne man mit den Gutscheinen natürlich auch alkoholfreie Cocktails kaufen, die sonst „sechs, sieben Euro“ kosteten.

Nun kann man natürlich darüber streiten, ob solche Veranstaltungen ein probates Mittel sind, um Jugendliche an die Politik heranzuführen (die Junge Union spricht davon, die jungen Leute „dort abzuholen, wo sie stehen“) — so wie man auch darüber diskutieren kann, ob die „WAZ“ darauf hätte hinweisen sollen, dass die Leiterin der Jugend- und Drogenberatung Krisenhilfe, Silvia Wilske, die sich in der Zeitung „maßlos“ über die Wahlparty „geärgert“ hatte, SPD-Kandidatin für die Bezirksvertretung in Bochum-Weitmar ist.

Inzwischen hat „Der Westen“ übrigens eine Stellungnahme der Jungen Union veröffentlicht. Nach Aussage des Pressesprechers hatte die „WAZ“-Redaktion keinerlei Kontaktversuche unternommen, bevor sie behauptete, die Junge Union lade zum Koma-Saufen ein.

Mit Dank auch an Jens M. für das Foto.

Nachtrag, 21. August: Der Artikel, in dem die Junge Union selbst zu Wort kommt, steht heute auch auf der ersten Seite des gedruckten Lokalteils.

Übrigens ein ganzes Stück größer und auffälliger als der erste Artikel: