Großer Bruder nicht im Haus

Wie vergangene Woche auf vielen deutschsprachigen Nachrichtenseiten zu erfahren war, werden die Bewohner von England nicht nur auf der Strasse oder in der Bank überwacht. Nein, sogar in den eigenen Räumlichkeiten!

„Überwachung in den eigenen vier Wänden ist in England schon Realität“, schrieb beispielsweise netzwelt.de, denn „Haushalte werden mit Überwachungskameras ausgestattet“, so derstandard.at. Auch der österreichische „Kurier“, das Schweizer „20 Minuten“ sowie winfuture.de und gulli.com berichteten.

Wie die meisten dieser Medien zugeben, basieren ihre Storys auf einer Geschichte in der britischen Tageszeitung „Daily Express“ vom 23. Juli 2009.

Die Hauptaussage dieses Artikels lautet:

The Children’s Secretary set out £400million plans to put 20,000 problem families under 24-hour CCTV super-vision in their own homes.

They will be monitored to ensure that children attend school, go to bed on time and eat proper meals.

(Das Erziehungsministerium hat 400 Millionen Pfund teure Pläne, 20.000 Problemfamilien in ihren eigenen Wohnungen unter 24-Stunden-Videoüberwachung zu setzen.

Sie werden überwacht, um sicherzustellen, dass Kinder zur Schule gehen, rechtzeitig ins Bett gehen und sich richtig ernähren.)

Tatsächlich werden in „family intervention projects“ Familien mit unsozialem Verhalten von Sozialarbeitern besucht und überwacht. Aber persönlich, und nicht mit Überwachungskameras (CCTV), wie es im Artikel heißt. Wenn auch der „Telegraph“ 2008 ein von Sozialarbeitern per Video überwachtes Paar vermeldete — von einer breitangelegten Videoüberwachung in englischen Wohnzimmern kann nicht die Rede sein.

Erziehungsminister Ed Balls bezeichnete deshalb den Vorwurf der Videoüberwachung in einem von mehreren Einträgen auf twitter.com als „complete and total nonsense“.

Auf der Website des „Department for Children, Schools and Families“ dcsf.gov.uk heißt es dazu:

Families will not be monitored by CCTV in their own homes.

(Familien werden nicht per Video in ihren Wohnungen überwacht.)

Auch Blogs nahmen die Meldung auf und versuchten darauf, die Falschmeldung irgendwie zu retten. So schrieb Gadgetlab auf wired.com in einem Update, dass der Einsatz von Überwachungskameras zwar nicht speziell erwähnt, aber auch nicht dementiert wurde (doch, eben hier). Das Blog fefe.de wies in einem zweiten Update einfach mal auf eine Ausstrahlung des Films „1984“ hin.

Über die Pressekonferenz, bei der der „Express“ von den Plänen mit den Überwachungskameras erfahren haben will, berichteten übrigens auch diverse andere britische Medien — allerdings korrekt, ohne den „Big Brother“-Aspekt. Auf Europareise ging aber nur die spektakuläre Falschmeldung. Vermutlich steckt darin eine Lehre.

Mehr dazu auch im Notizblog von Torsten Kleinz.