Gomringer-Gedicht: Wer ist hier der Tugendterrorist?

„Stoppt die neuen Tugendterroristen!“ fordert der Chefredakteur der „Welt am Sonntag“, Peter Huth, in einem Kommentar, er wittert „Sprachpolizei“ und ruft zum Kulturkampf auf:

Der Versuch, Sprache um jeden Preis zu politisieren, Kunst dadurch zu brechen und in ein Korsett aus Political Correctness zu stopfen, ist in Wirklichkeit ein Generalangriff auf unsere Kultur und damit auf unsere Freiheit.

Screenshot Welt.de - Sprachpolizei - Stoppt die neuen Tugendterroristen

Es geht um die Sache mit dem Gomringer-Gedicht, das an der Fassade der Berliner Alice Salomon Hochschule aufgemalt ist und das nach intensiven Diskussionen über einen unterstellten sexistischen Charakter, schulinternen Partizipationsprozessen und einer demokratischen Entscheidung des dafür zuständigen Gremiums jetzt durch andere, alle paar Jahre wechselnde Gedichte ersetzt werden soll.

All das, was Theaterautor, Blogger und Marketingexperte Johannes Kram schon so gemacht hat, würde nicht in diese Box passen. Deswegen hier unvollständig und im Schnelldurchlauf: Nicht nur, aber auch wegen seiner Medien-Kampagne ist Guildo Horn zum „Eurovision Song Contest“ gekommen. Den sogenannten „Waldschlösschen-Appell“ gegen Homophobie in Medien hat er initiiert. Sein „Nollendorfblog“ bekam eine Nominierung für den „Grimme Online Award“. Und mit „Seite Eins — Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone“ hat er Boulevard-Kritik auf die Bühne gebracht. Dafür ein herzliches Dankeschön vom BILDblog.

Tugendterrorismus! Echt jetzt?

Angenommen, der Begriff „Tugendterrorismus“ wäre nicht dafür da, eine Debatte zu beenden, sondern eine zu führen, angenommen, er wäre kein Kampfbegriff, sondern ein Argument, wofür könnte es stehen?

Angenommen, es wäre so, dass es nicht nur Kunstfreiheit gibt, sondern auch die Freiheit jedes Einzelnen, ob Privatperson, Gruppe oder Institution, mit welcher Kunst er oder sie sich schmücken möchte.

Angenommen, weder Sexismus noch Tugend noch Kunst wären Dinge, die in einer offenen Gesellschaft fest definiert sind, sondern einer permanenten Entwicklung, einer permanenten Auseinandersetzung bedürfen.

Angenommen, es gäbe Dinge, die für die einen nicht sexistisch sind, es für die anderen aber sehr wohl sein könnten. Angenommen, eher jüngere Menschen könnten auf Sexismus eine andere Perspektive haben als eher ältere. Und viele Frauen eher eine andere als viele Männer.

Angenommen, die demokratische Entscheidung einer Hochschule darüber, wie sie mit Kunst und Sexismus umgehen möchte, wäre eine Entscheidung darüber, wie sie mit Kunst und Sexismus umgehen möchte, und nicht darüber, wie die Gesellschaft Kunst oder Sexismus zu betrachten hat.

Angenommen, es gäbe diese Freiheit. Und nicht eine festgelegte Tugend, die eine Abweichung direkt zum „Generalangriff auf unsere Kultur und damit auf unsere Freiheit“ erklärt. Und angenommen, wirklich nur mal ganz kurz angenommen, „Tugendterrorist“ wäre ein Begriff, der wirklich etwas diskutieren wollte.

Wer wäre dann der Tugendterrorist?