Extrem links und unglaublich weit weg von den Fakten

Nach dem Sittenwächter-Entsetzen über den „Tatort“ im Pornomilieu und dem falschen Sadomaso-Unmut über die Serie „Babylon Berlin“ ging es gestern weiter mit der „Bild“-Kritikreihe an der ARD. Und wieder traf es den „Tatort“:

Ausriss Bild-Zeitung - Baader-Meinhof-Experte Stefan Aust klagt an - RAF-Propaganda im Tatort

Es sei „gefährlicher Unsinn“, was Sonntagabend ab 20:15 Uhr für anderthalb Stunden im „Ersten“ zu sehen war, sagt Stefan Aust im Interview mit „Bild“, weil bei den Zuschauern fälschlicherweise hängenbleiben werde, dass RAF-Mitglieder im Gefängnis Stammheim von einer geheimen Gruppe umgebracht worden seien.

Die Befürchtung kann man haben. Vielleicht bekommen die Zuschauer es aber auch hin, Fiktion als Fiktion zu erkennen.

Bei Bild.de legte gestern Mittag Redakteur Daniel Cremer mit einem Kommentar zum „Tatort“ nach:

Screenshot Bild.de - Kommentar von Bild-Redakteur Daniel Cremer - Was den RAF-Tatort unerträglich machte

Der „Verschwörungs-Unsinn“ in dem Fall aus Stuttgart sei schon „unsäglich“ gewesen, schreibt Cremer.

Unerträglich fand ich aber noch eine ganz andere Szene.

Richy Müller erzählt in der Rolle als Kommissar Lannert von seiner Zeit als Student in Hamburg. Er habe damals in einer WG mit RAF-Sympathisanten gelebt. Ja, er habe sogar ein RAF-Mitglied getroffen. Sein Partner schaut irritiert. Darauf sagt Müller er sei ja keiner „von denen gewesen“ — aber man war jung und wollte die Welt verändern. Ende der Szene.

„Die Verharmlosung von Terror und Gewalt“ habe Deutschland mittlerweile gelernt, solange sie linksextrem sei, so Cremer. Dennoch könne er sich „nur schwer erklären, wie eine solche Szene von allen Instanzen der ARD durchgewunken wird.“

Man stelle sich (vielleicht in zehn Jahren) einen „Tatort“ aus Leipzig vor. Der ältere Kommissar erzählt seinem jüngeren Kollegen, er habe als Student in einer WG mit PEDIGA- und NSU-Sympathisanten gelebt. Da habe er auch mal NSU-Mitglied Uwe Mundlos getroffen. Er sei aber keiner von denen gewesen. Er war nur jung und wollte die Welt verändern.

Man stelle sich vor, das würde gesendet. Und man stelle sich die Reaktionen darauf vor. Man braucht viel Vorstellungskraft. Denn (Gott sei Dank) würde niemand auf die Idee kommen, den Zuschauern so ein weichgespültes rechtsextremes Weltbild unterzujubeln.

Recht hat er, der Cremer.

Und doch liegt er, was die Fakten betrifft, ziemlich daneben. Denn in der Szene, die sich der „Bild“-Redakteur rausgesucht hat, gibt es recht deutliche Kritik an der RAF-Gewalt. Cremer verschweigt sie nur. Außerdem ist nichts an dem, was Richy Müller in seiner „Tatort“-Rolle sagt, linksextrem.

Hier das Transkript der entscheidenden Szene, in der die beiden Kommissare Thorsten Lannert und Sebastian Bootz auf einem Parkplatz im Auto sitzen (in der ARD-Mediathek ab Minute 55:28):

Lannert: Ich kann seit Wochen nicht mehr wirklich schlafen. Der Doc meint, ab einem bestimmten Alter kommt alles zurück.

Bootz: Du warst beim Arzt?

Lannert: Drehst ja durch, so ohne Schlaf. Und jetzt auch noch plötzlich die RAF wieder. Damals wollten alle wissen, was wirklich in Stammheim passiert ist. War es Selbstmord oder Mord? Immerhin war es der Kampf der Kinder gegen ihre Väter.

Bootz: Du klingst ja wie der letzte Radikale von damals.

Lannert: Wir haben den Hunger in Afrika gesehen, Sebastian. Und uns war sofort klar: So darf die Welt nicht sein, so kann sie nicht sein. Diese Ungerechtigkeit. Und dann überall diese alten Nazi-Köppe, Lehrer, Politiker, vor allem in der Justiz. Worum uns aber die RAF gebracht hat, war die Neugier und die Sehnsucht, die damals herrschte. Politisch und gesellschaftlich. Die haben sie weggebombt, die Sehnsucht. Die war danach nicht mehr da.

Bootz: Die Sehnsucht?

Lannert: Ja, wir waren jung. Wir wollten nicht werden wie unsere Eltern. Ich bin mit 16 von zu Hause abgehauen. Lange Haare, Parka. Hab‘ in ’ner WG gewohnt in Hamburg. Da bin ich der Ensslin mal begegnet, ’72. Das war kurz vor ihrer Verhaftung. Saß sie aufm Flur, hat mich angelächelt. Nur dieser kurze Moment, und ich war elektrisiert. Fünf Jahre später dann kamen die Fotos aus Stammheim, aufgenommen mit einer reingeschmuggelten „Minox“. Sie sah brutal aus. Damals haben wir geglaubt, der Staat hat sie einfach umgebracht.

Bootz: Moment mal, was war das eben? Du hast in ’ner WG mit RAF-Sympathisanten gewohnt?

Lannert: Ja. Und dann wirst du Polizist. [Schaut in den Seitenspiegel] Ich glaub‘, uns hängt schon wieder jemand hinten dran.

Bootz: Echt? [Jetzt am Telefon] Ja, Bootz hier, Mordkommission. Ich hätt‘ ’ne Halterabfrage. Stuttgart-OS-2016. Ja? Ja, macht nichts, danke. [Legt auf, wieder zu Lannert] ‚Ne Nullauskunft, Halter gesperrt. Also Verfassungsschutz, Staatsschutz, sowas.

Lannert: Hab‘ ich dir ja gesagt.

Bootz: Wir müssen die irgendwie abschütteln.

Lannert: Gut. Hier, schau mich an. Ich war nicht dabei.

Bootz: Schon klar.

„Ende der Szene“, wie Daniel Cremer schreiben würde.

Kommissar Lannert spricht sich also gegen die Gewalt der RAF aus („Worum uns aber die RAF gebracht hat, war die Neugier und die Sehnsucht, die damals herrschte. Politisch und gesellschaftlich. Die haben sie weggebombt, die Sehnsucht. Die war danach nicht mehr da.“). Die Ideale, die „Sehnsucht“, die er referiert, mögen links sein. Eine bessere Welt, mehr Gerechtigkeit. Aber linksextrem oder weichgespült linksextrem? Dann müsste der Song „Ich werd‘ die Welt verändern“ von der Band „Revolverheld“ als linksextremes Kampflied gelten (Refrain: „Ich werd‘ die Welt verändern, werd‘ endlich alles besser machen“).

Durch die Milde des 16-jährigen Thorsten Lannert passt dann auch Daniel Cremers Parallele nicht mehr. Was würde Cremers fiktiver Bewohner einer NSU-Sympathisanten-WG mit seinem „weichgespülten rechtsextremen Weltbild“ fordern? „Ausländer raus aus Deutschland, aber ohne Gewalt“? Und das ist laut Cremer dann das rechte Äquivalent zu Lannerts besserer Welt und dessen gewaltfreier Forderung nach mehr Gerechtigkeit?

Natürlich kann man der Meinung sein, dass der „Tatort“ unerträglich war. Man kann sich wundern, was von „der ARD durchgewunken wird“. Und man kann das alles in einem Kommentar aufschreiben. Aber dann sollte man seinen Lesern keine Fakten vorenthalten, die nicht zur Kritik passen.