Bild.de lässt Psychiater auf Fünfjährigen los

Noah Green ist fünf Jahre alt und hat das große Pech, dass die „Bild“-Medien ihn für so interessant halten, dass sie über ihn berichten. Noah ist der Sohn von Schauspielerin, Verzeihung, „von Schauspiel-Sexbombe“ Megan Fox und Schauspieler Brian Austin Green. Und Noah findet Elsa aus „Disneys“ Animationsfilm „Frozen“ offenbar so klasse, dass er neulich in einem Elsa-Kleid durch die kalifornische Stadt Calabasas gelaufen ist.

Das ist eigentlich auch schon alles: ein fünfjähriges Kind, das eine Figur aus einem Animationsfilm gut findet und sich ab und zu so kleidet wie diese Figur.

„Bild“ und Bild.de (die es nicht mal hinbekommen, das korrekte Alter von Noah nachzugucken) machen daraus allerdings deutlich mehr. Online schrieb die Redaktion gestern am späten Abend:

Screenshot Bild.de - Megan Fox - Warum ihr Sohn Mädchen-Kleider trägt
(Unkenntlichmachung durch uns.)

In den Familien der Hollywoodstars ist vieles erlaubt. Vor allem, wenn es um den Nachwuchs geht. Warum? Weil die Kurzen machen (dürfen), was sie wollen.

Neue Fotos zeigen Noah (4), den Sohn von Schauspiel-Sexbombe Megan Fox und Brian Austin Green („David“ aus „Beverly Hills 90210“) im Prinzessinnen-Kleidchen von „Frozen“.

Ist es ein seltsamer Trend oder einfach freie Entfaltung? Den Kindern der VIPs ist ihr Geschlecht offenbar nicht recht.

Bild.de nennt und zeigt noch zwei weitere Kinder — Charlize Therons fünfjährigen Sohn Jackson und Angelina Jolies elfjährige Tochter Shilo –, die immer mal wieder Klamotten tragen, die nicht ins Jungen-Mädchen-Koordinatensystem von „Bild“ passen. Auch bei ihnen stellt sich also die Bild.de-Frage: „seltsam“ oder „freie Entfaltung“?

Im Artikel gibt ein „Experte“ so etwas wie eine Antwort:

Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Michael Winterhoff (62) zu BILD: „Es ist ein zunehmendes Phänomen in unserer Gesellschaft, dass sich Kinder in ihrem Auftreten schon früh an Erwachsenen orientieren. Zudem werden Kinder in unserer Gesellschaft zunehmend alleingelassen und in ihrem Verhalten auch nicht mehr korrigiert. Das gilt besonders für Konventionen und Kleidung. „Die Kinder wollen das eben so“, ist eine be­queme Ausrede. Wenn ein Mädchen Jungenkleider trägt oder umgekehrt, hat das aber nichts mit der künftigen sexuellen Orientierung oder Ausrichtung zu tun.“

Da drängen sich gleich mehrere Fragen auf: Was soll da „korrigiert“ werden? Und in welche Richtung? Kinder so sein zu lassen, wie sie sein wollen, ist eine „bequeme Ausrede“? Inwiefern lässt Megan Fox, die auf dem Foto direkt neben ihrem Sohn zu sehen ist und seine Hand hält, ihr Kind allein? Und warum lässt Bild.de einen Kinder- und Jugendpsychiater aus der Ferne auf einen Fünfjährigen los?

Schiebt man mal das ganze Promi-Geschreibsel dieses Bild.de-Artikels beiseite, bleibt die fatale Aussage für alle Kinder und Jugendlichen: Wenn ihr, aus welchem Grund auch immer, gerne mal Klamotten tragt, die nicht zu dem passen, was die „Bild“-Medien eigentlich für Mädchen beziehungsweise für Jungen vorgesehen haben, dann seid ihr mindestens so merkwürdig, dass ihr einen „Bild“-Artikel wert seid.

Mit Dank an @b_obermayer für den Hinweis!