Bild.de verbreitet falsche Vermisstenfotos aus Manchester

Im Onlinejournalismus muss es schnell gehen, und bei dem Tempo fehlt häufig die Zeit für eine saubere Recherche. In Breaking-News-Situationen, wie aktuell wegen des Anschlags in Manchester nach einem Popkonzert, muss es meistens noch schneller gehen. Und dann passieren Fehler wie dieser hier:


(Unkenntlichmachung durch uns.)

Auf der Startseite präsentierte Bild.de heute morgen eine Collage mit 25 jungen Menschen, die nach der Explosion im Foyer der Konzerthalle angeblich vermisst werden sollen. Die Quelle dafür: ein Tweet einer Privatperson.

Aus der Ferne können wir nicht sicher sagen, ob alle Jungen und Mädchen, die dort abgebildet sind, tatsächlich vermisst werden; ob sie gestern Abend bei dem Konzert von Ariana Grande waren; ob sie überhaupt in Manchester waren.

Und die Bild.de-Redaktion kann das anscheinend auch nicht. Denn bei zwei der Personen ist klar, dass sie nicht vermisst werden: das Mädchen in der obersten sowie der Junge in der mittleren Reihe.

Bei dem Mädchen handelt es sich um eine 12-jährige Australierin. Sie befand sich in ihrer Schule in Melbourne, als ihr Foto in der Vermissten-Collage auftauchte. Ihre Mutter stellte in einem Facebook-Post klar, dass bei ihrer Tochter alles in Ordnung sei:

Der Junge, der ebenfalls in der Collage auftaucht, ist ein recht bekannter Youtuber aus den USA. Unter dem Namen „TheReportOfTheWeek“ veröffentlicht er regelmäßig Fast-Food-Tests. Er wird immer wieder heftig gemobbt — zum Beispiel indem Internetnutzer so tun, als gehöre er zu den vermissten Jugendlichen in Manchester. Bild.de greift sich einfach die Collage bei Twitter, in der der Junge zu sehen ist, recherchiert nicht und macht, ohne es zu wissen, beim Mobbing mit.

Der Junge hat sich inzwischen selber zu Wort gemeldet, in einem 51-sekündigen Youtube-Video. Der deutliche Titel: „I am alive“.

Auch das ist eine Folge des immer höheren Tempos im Onlinejournalismus: Menschen müssen ihren Verwandten, Freunden, Fans erklären, dass sie noch leben.

Mit Dank an Jannik S. und Peter L. für die Hinweise!

Nachtrag, 28. Mai: Obwohl offensichtlich ist, dass die Collage Personen mit dem Attentat in Manchester in Verbindung bringt, die am Tag des Anschlags nicht mal in der Stadt waren, hat es Bild.de bisher nicht geschafft, sie aus dem Artikel zu entfernen — sie ist unverändert und ohne jeglichen Hinweis online.

Inzwischen steht fest, dass auch eine dritte Person, die in der Zusammenstellung zu sehen ist, nie vermisst wurde. Der junge Mann in der mittleren Reihe ganz rechts …

… ist ebenfalls ein bekannter Youtuber. Das Foto stammt aus einem seiner Videos:

Er kommt zwar aus Manchester, war aber nicht beim Ariana-Grande-Konzert, wie er bei Twitter klarstellte:

Mit Dank an @KueddeR für den Hinweis!