Bild  

„Bild“ zieht mit „Pleite-Griechen“ in den Wahlkampf

Der „Bild“-Zeitung ist heute eine geniale Verknüpfung gelungen: auf der einen Seite eines der Lieblingsthemen der vergangenen Wochen (Martin-Schulz-Kritik), auf der anderen eines der Lieblingsthemen der vergangenen Jahre (Griechenland-Kritik-Bashing). In dieser Geschichte hat die Redaktion beide zusammengebracht:

Fangen wir bei Martin Schulz an. Seit bekannt ist, dass Schulz als SPD-Kanzlerkandidat bei der kommenden Bundestagswahl antreten will, schaut die „Bild“-Redaktion ganz genau, was bei den Sozialdemokraten und ihrem neuen Spitzenmann so alles schiefläuft. Natürlich ist es journalistisch völlig richtig, einen neuen Kandidaten genauer zu beobachten. Und es gibt auch mal positive Geschichte über Schulz — gerade erst veröffentlichte „Bild“ Auszüge aus seiner Biografie. Vor allem aber geht es in Berichten über ihn um Ärger, Fehler, Zweifel.

Die Redaktion thematisierte gleich die „erste Wahlkampf-Panne“:

Sie dokumentierte Kritik von Experten …


… oder politischen Gegnern:

'

Wenn Informationen von der SPD-Website verschwanden, schrieb „Bild“ darüber:

Oder wenn es von irgendwo Rügenärger für Schulz gegeben hat:


Die „Bild“-Mitarbeiter zweifelten an Schulz‘ Wahlkampfthema …

… schrieben über das schwache Abschneiden der SPD bei der Wahl im Saarland, als wäre es seine Niederlage, obwohl Martin Schulz dort gar nicht zur Wahl stand …

… und entdeckten selbst bei großen Erfolgen etwas Negatives:

Und wenn nicht mal der gute, alte Fußball …

… dabei helfen kann, die aktuell hohen SPD-Umfragewerte nach unten zu bugsieren, dann muss ein neues Thema her; eines, auf das der durchschnittliche „Bild“-Leser direkt mit Schaum vor dem Mund reagiert — die „Pleite-Griechen“:

Diese Griechen-SPD-Geschichte von heute wirkt ein wenig wie die Fortsetzung der SPD-Griechen-Geschichte von Montag, als „Bild“ das sozialdemokratisch geführte Nordrhein-Westfalen mit Griechenland und all den damit verknüpften Problemen in Verbindung brachte:

Die neue These der schulzwilligen „Pleite-Griechen“ basiert auf Aussagen von FDP-Politiker Alexander Graf Lambsdorff („‚Wer Schulz für die Wahl am meisten die Daumen drückt, ist klar: Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras'“), CSU-Politiker Markus Söder („Schließlich stehe Schulz ‚für Geldtransfers ohne Reformen zulasten des deutschen Steuerzahlers'“) sowie einem EU-Abgeordneten der griechischen Syriza, der lediglich sagt, dass es „mit einer Koalition aus SPD, Grünen und Linken“ beim Thema Griechenland „weniger um ständige Bestrafungen gehen“ würde.

Aus den Aussagen zweier Deutscher und eines Griechen schließt „Bild“ auf ein ganzes Volk und kramt dafür das grässlichen Wort „Pleite-Griechen“ raus. Wie schon vor Jahren, als dieser Begriff bereits diffamierend und stigmatisierend und spaltend war, ist er auch heute noch diffamierend und stigmatisierend und spaltend.

Kein Schlagwort symbolisiert die „Bild“-Hetzkampagne gegen Griechenland und gegen die Griechen so sehr wie „Pleite-Griechen“. Als „Bild“-Reporter Paul Ronzheimer zum Beispiel im April 2010 durch Athen lief und mit Geldscheinen wedelte, verkündete „Bild“ hämisch:

Als klar war, dass in Griechenland das Geld knapp wird, schlug „Bild“ vor:

Als „Bild“ von Angela Merkel eine Volksabstimmung über die Griechenlandhilfen forderte, schlug das Blatt schon mal zwei Antwortmöglichkeiten auf einem „Stimmzettel“ vor: „JA, schmeißt ihnen weiter die Kohle hinterher!“ und „NEIN, keinen Cent mehr für die Pleite-Griechen, nehmt ihnen den Euro weg!“:

Das verallgemeinernde, verächtliche, populistische „Pleite-Griechen“ wurde zur gängigen „Bild“-Vokabel:





Dank dieser jahrelangen Konditionierung der eigenen Leserschaft, bei der ein einfaches „Pleite-Griechen“ direkt ein zorniges Grummeln in der Magengegend auslösen dürfte, kann „Bild“ diese Wut nun mit nur einer Schlagzeile auf neue Feindbilder projizieren.

Nachtrag, 8. April: In ihrer heutigen Ausgabe macht „Bild“ direkt weiter mit dem ätzenden „Pleite-Griechen“: