Der „Wochenblick“ sieht exklusiv den „Volks-Austausch in Deutschland“

Der „Wochenblick“ hat mal wieder was rausgefunden. Es gebe „ein geheimes Papier der deutschen Bundesregierung“, berichtet die wöchentlich erscheinende Zeitung aus Oberösterreich, „welches die Masseneinwanderung nach Deutschland feiert.“ Die Redaktion zitiert anonyme „Kritiker“, die sagen sollen, „dass dieses Strategiepapier ‚den Volks-Austausch in Deutschland dokumentieren‘ würde“. Schlagzeile bei wochenblick.at:

Diese Infos hat das „Wochenblick“-Team aus „britischen Medien“, genauer: aus einem Artikel von express.co.uk vom 11. Februar, denn:

Man muss es heute schon aus britischen Medien erfahren

„Die Medien hierzulande“ hätten schließlich noch gar nicht …

Die Medien hierzulande haben noch gar nicht über das Strategiepapier berichtet, welches Anfang Februar zur internen Verwendung verbreitet worden sein dürfte. Im Dokument heißt es gar wörtlich: „Aus bevölkerungswissenschaftlicher Sicht erscheint auch eine höhere dauerhafte Zuwanderung von 300 000 möglich.“

Was haben wir hier also? „Ein geheimes Papier“ der Bundesregierung, das den „‚Volks-Austausch in Deutschland dokumentieren'“ soll, und alle deutschsprachigen Medien würden mal wieder beim Schweigekartell mitmachen.

So viel schon mal jetzt: Das ist gleich mehrfacher Blödsinn.

Dennoch — oder gerade deswegen — drehte der „Wochenblick“-Artikel in den vergangenen Tagen eine ordentliche Online-Runde: Die rechten Blogger von „Politically Incorrect“ übernahmen die Geschichte eins zu eins, allein auf der Facebook-Seite des „Wochenblicks“ wurde der Text über 1600 Mal geteilt:

Viele Anti-Asyl-Gegen-Merkel-Hier-kein-Flüchtlingsheim-Seiten verbreiteten den Beitrag ebenfalls bei Facebook:








Den „Wochenblick“ gibt es noch gar nicht so lange, vor knapp einem Jahr wurde die Zeitung gegründet. Seitdem hat die Redaktion, die „Berichterstattung ohne Scheuklappen“ verspricht, es aber locker geschafft, richtig Mist zu bauen. Sie war zum Beispiel eine der treibenden Kräfte bei der Verbreitung über Falschmeldungen zur Silvesternacht in Dortmund.

Beim aktuellen Artikel über die Zuwanderungspolitik der Bundesregierung sind gleich mehrere Punkte falsch. So handelt es sich ganz gewiss nicht um „ein geheimes Papier“, auch wenn die „Wochenblick“-Redaktion sich große Mühe gibt, ihrer Geschichte Exklusivität zu verleihen:

Die sogenannte „Demografiebilanz“ des Bundesinnenministeriums, auf die sich der „Wochenblick“ bezieht, ist seit Februar für jeden im Internet abrufbar (PDF). Darin auch der zitierte Satz: „Aus bevölkerungswissenschaftlicher Sicht erscheint auch eine höhere dauerhafte Zuwanderung von 300 000 möglich.“

Der Vorwurf, dass die Medien in Deutschland und/oder Österreich „gar nicht über das Strategiepapier berichtet“ hätten, den ja auch einige Facebook-Seiten übernommen haben, ist Lüge Nummer zwei. Sie haben über die „Demografiebilanz“ berichtet. Viele sogar. „RP Online“ zum Beispiel:

Welt.de:

n-tv.de:

Die „Huffington Post“:

Oder die „B.Z.“:

Und alle bereits am 1. Februar. Der „Wochenblick“ liegt mit seinem Artikel also nicht nur doppelt daneben, sondern ist mit seinem Märchen auch ziemlich spät dran.

Mit Dank an Christoph für den Hinweis!