„Merry Christmas“ über Aleppo

So sieht die heutige Titelseite des „Tagesspiegel“ aus:

Die Redaktion hat sich dazu entschlossen, auf der ersten und auf den drei folgenden Seiten große Fotos aus Syrien zu drucken, die das schreckliche Leid der Menschen dort zeigen. Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff schreibt dazu:

Manchmal sagt ein Bild mehr als tausend Worte. Darum zeigen wir heute viele Bilder: Damit sie uns sagen, was in Syrien geschieht. Wir hören davon, wir berichten darüber, so gut es geht, so gut wir können, wir kommentieren, was sein sollte — aber nichts ist authentischer als die Authentizität des Augenblicks.

Und, gerichtet an seine Leser:

Sie mögen einwenden, dass wir auf eine andere, durchdachte, reflektierte, intellektualisierte Ebene heben sollten, was dort, in Syrien, in Aleppo geschieht. Und Sie hätten recht mit dem Einwand. Aber das haben wir getan, Mal um Mal. Das werden wir auch weiter tun, vermutlich noch viele Male. Weil die Tragödie, steht zu befürchten, mit dem Fall von Aleppo nicht enden wird. Heute aber unterbrechen wir den Fluss der Nachrichten und Analysen, der Worte, der vielen tausend. Wir zeigen Bilder. Und das, was Menschen, die in diesen Bildern wohnten, der Welt geschrieben haben.

Casdorff beendet seinen Text mit dem Satz: „Wir hoffen, Sie verstehen. Die Bilder. Und uns.“

Es klingt nach einer Rechtfertigung, die eigentlich gar nicht nötig ist. Die Entscheidung der „Tagesspiegel“-Redaktion ist völlig legitim und in unseren Augen eine gute. Genauso gut finden wir beispielsweise auch, dass Bild.de heute morgen die Startseite für eine Stunde komplett der grausamen Situation in Aleppo gewidmet hat. Mediale Aufmerksamkeit für die Menschen in Aleppo und Kritik an den Gräueltaten des Assad-Regimes sind notwendig.

Was so gar keine glückliche Entscheidung des „Tagesspiegel“ war: Eine — vermutlich schon länger geplante — Werbeaktion für heute nicht abzusagen. Denn so sieht die „Tagesspiegel“-Titelseite aus, wenn man sie in Berlin am Kiosk kauft:


Einem leidenden Jungen aus Aleppo einen dicken Aufkleber ins Gesicht zu pappen, der frohe Weihnachten wünscht und „15% Rabatt auf Schmuck und Uhren“ im Onlineshop eines edlen Juweliers verspricht, ist so grotesk, dass es fast schon wieder ein treffender Kommentar zur aktuellen Lage in dieser Welt und zum Desinteresse vieler Menschen an der Situation in Syrien sein könnte. Leider ist es aber nur eine völlig deplatzierte Werbung.

Mit Dank an Joachim P. für den Hinweis!

Nachtrag, 16:59 Uhr: Der „Tagesspiegel“ hatte sich heute morgen für den Fauxpas entschuldigt:

Mit Dank an @levinuzz für den Hinweis!

Nachtrag, 16. Dezember: Auf der Titelseite der heutigen Ausgabe hat sich die „Tagesspiegel“-Redaktion für die „Kombination von Titelbild und Werbung“ entschuldigt: