„Bild“ bietet Rainer Wendt Plattform für Generalverdacht

Rainer Wendt durfte bei „Bild“ und Bild.de mal wieder was sagen. Der Bundesvorsitzende der „Deutschen Polizeigewerkschaft“ ist immer schnell zur Stelle/immer schnell angerufen, wenn irgendwo etwas passiert, das mit den Themen Sicherheit und/oder Polizei zu tun hat. Erst im August, als sein Buch „Deutschland in Gefahr“ erschien, machten die „Bild“-Medien groß Werbung für Wendts Werk.

Nachdem am Wochenende bekannt wurde, dass die Polizei den mutmaßlichen Vergewaltiger und Mörder einer 19-jährigen Studentin aus Freiburg gefasst hat und dass dieser Tatverdächtige ein 17-jähriger Junge ist, der vor einem Jahr als Flüchtling aus Afghanistan nach Deutschland gekommen ist, fragt „Bild“ heute:

Mit Ausnahme von einigen wenigen Feststellungen (etwa: „Es ist ein grausames Verbrechen. Und es birgt enorme politische Brisanz.“ oder: „Fakt ist: Unter Gewaltkriminellen sind sie [unbegleitete minderjährige Flüchtlinge] keine besonders auffällige Gruppe.“ oder: „Fakt ist aber auch: Wäre der mutmaßliche Täter 2015 nicht nach Deutschland gekommen, hätte er hier nicht töten können.“) bezieht die Redaktion gar nicht selbst groß Stellung, sondern lässt andere Leute „MIT DIESER WAHRHEIT“ umgehen. Bild.de hat die Aussagen ebenfalls veröffentlicht:

So sagt zum Beispiel Wolfgang Huber, der frühere Ratsvorsitzende der „Evangelischen Kirche in Deutschland“, zu dem Fall:

„Menschengruppen pauschal zu verdächtigen, hilft dagegen nicht weiter.“

Oder Julia Klöckner, die stellvertretende Bundesvorsitzende der CDU:

„Solche Grausamkeiten werden leider von In- wie Ausländern begangen, das ist leider kein neues Phänomen.“

Oder der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel:

„Auch deshalb dürfen wir es nicht zulassen, dass diese abscheuliche Tat jetzt für Hetze und Verschwörungspropaganda missbraucht wird.“

Oder der CSU-Innenpolitiker Stephan Mayer:

„Ich habe vollstes Verständnis für die Empörung und Entrüstung der Bürger. Dennoch wäre es grundlegend falsch, alle Migranten und Flüchtlinge unter Generalverdacht zu stellen.“

(Dies sind nur Auszüge aus den Stellungnahmen. In den beiden Artikeln von „Bild“ und Bild.de sind die jeweiligen Aussagen länger.)

Alles recht besonnene Aussagen bei einem Thema, das für hitzige Debatten sorgt. Der gemeinsame Tenor: Ruhe bewahren, nicht verallgemeinern, kein Generalverdacht gegen Geflüchtete.

In den Artikeln von „Bild“ und Bild.de gibt es dann aber noch die bereits erwähnte Aussage von Polizeigewerkschafter Rainer Wendt:

„Dieses und viele andere Opfer würde es nicht geben, wäre unser Land auf die Gefahren vorbereitet gewesen, die mit massenhafter Zuwanderung immer verbunden sind. Und während Angehörige trauern und Opfer unsägliches Leid erfahren, schweigen die Vertreter der ‚Willkommenskultur‘. Kein Wort des Mitgefühls, nirgends Selbstzweifel, nur arrogantes Beharren auf der eigenen edlen Gesinnung. Die grausame Seite dieser Politik wird abgewälzt auf die Opfer und auf eine seit Jahren kaputt gesparte Polizei und Justiz. Und so wachsen die Gefahren für unser Land beständig.“

(In „Bild“ ist Wendts Aussage etwas kürzer.)

Wendt macht genau das, wovor Huber, Klöckner, Gabriel und Mayer warnen: Er verknüpft den tragischen Tod der 19-jährigen Studentin mit der „massenhaften Zuwanderung“. Er konstruiert aus einem Einzelfall einen Generalverdacht. Er spielt Zuwanderer und „viele andere Opfer“ gegeneinander aus. Er beschwört wachsende „Gefahren für unser Land“ herauf. Er schürt Ängste. Er macht Stimmung.

All das kann Rainer Wendt bei „Bild“ und Bild.de ohne Einordnung, ohne redaktionellen Widerspruch tun. Die „Bild“-Medien bieten ihm eine Plattform.

Dass Wendts Aussagen nicht unproblematisch sind, haben die Leute bei Bild.de offenbar auch gemerkt. Inzwischen haben sie nach dem langen Zitat des Polizeigewerkschafters diese zwei Tweets des stellvertretenden SPD-Bundesvorsitzenden Ralf Stegner zitiert:

Da es in diesem Beitrag um grässliche Verallgemeinerungen geht, hier noch ein wichtiger Punkt: Rainer Wendt spricht als Bundesvorsitzender der „Deutschen Polizeigewerkschaft“ nicht für alle Polizisten. Er spricht nicht einmal für alle gewerkschaftlich organisierten Polizisten. Es gibt neben der „DPolG“ nämlich noch einige weitere Polizeigewerkschaften. Zum Beispiel die deutlich größere „Gewerkschaft der Polizei“. Deren Bundesvorsitzender Oliver Malchow hat Wendts Aussagen bereits kritisiert: