Ein Einschub voller Verachtung

Heute hat Gabor Steingart noch einmal nachgelegt, und er hat es tatsächlich geschafft, inhaltliche Argumente zu bringen. Der „Handelsblatt“-Herausgeber hat sich in seinem morgendlichen Newsletter „Morning Briefing“ noch einmal den möglichen SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz vorgenommen. Steingart erklärt, was ihm an Schulz nicht passt: Der Präsident des Europäischen Parlaments sei „ein parteipolitisches Schlitzohr, aber kein Staatsmann“, er liebe die Ränkespiele des Parteienstaates mehr als die Sachpolitik, er habe in Brüssel deutsche Interessen hintangestellt und plädiere stets für zusätzliche Schulden und weniger Sparsamkeit. Schulz sei „ein Umverteilungspolitiker alter Schule“ sowie ein „Europäer des Brüsseler Establishments“.

Diese Einschätzungen und Beurteilungen kann man richtig oder falsch finden. Sie orientieren sich aber immerhin an der Sache. Das sah am vergangenen Freitag noch ganz anders aus. Da hatte Gabor Steingart — ebenfalls im „Morning Briefing“ — Martin Schulz auf persönlicher Ebene angegriffen:

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

auf vielen Titelseiten wird EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, der von Brüssel nach Berlin umziehen will, heute wie ein Erlöser gefeiert. Dass viele Medien diesem im Volk weithin unbekannten Mann — der die Zulassung zum Abitur nicht schaffte, wenig später zum Trinker wurde, bevor er als grantelnder Abstinenzler für 22 Jahre im Brüsseler Europaparlament verschwand — plötzlich die Befähigung zur Kanzlerschaft zutrauen, ist nur mit journalistischer Telepathie zu erklären.

Ein kleiner Einschub, drei Stichpunkte, um einen Politiker, einen Menschen schnellstmöglich zu diskreditieren, niederzumachen. Natürlich könnte man die Punkte auch umdrehen, wenn man wollte: „Beeindruckend, dass Martin Schulz, der aus seiner früheren Trinkerei kein Geheimnis macht, es trotz einer schwierigen Biographie bis zum Präsidenten des Europäischen Parlaments gebracht hat.“ Steingarts Worte sind stattdessen voller Häme und Menschenverachtung.

Nach „Handelsblatt“-Angaben haben mehr als 500.000 Personen das „Morning Briefing“ abonniert:

All diesen Leuten schickt Steingart einen Text, der exakt in die Kerbe haut, in die sonst Politikverdrossene, Stimmungsmacher, die AfD schlagen. Unsachlich und persönlich gegen Politiker und das politische Establishment.

Heute morgen haben wir bei „6 vor 9“ einen Text verlinkt, der sich ebenfalls mit den Äußerungen von Gabor Steingart beschäftigt. Peter Ruhenstroth-Bauer schreibt dort:

Da wird in kurzem Staccato einer niedergemacht. Ein Politiker, also einer, bei dessen Kritik man sich des Beifalls des Publikums schnell sicher sein kann.

Nun fand Gabor Steingart seine Einfälle zu Martin Schulz wohl so bemerkenswert, dass er sie gleich zweimal bei Facebook gepostet hat:


Und unter beiden Beiträgen zeigt sich erfreulicherweise, dass Peter Ruhenstroth-Bauer mit seiner Beifall-Prognose danebenlag. Vereinzelt gibt es zwar Zustimmung für Steingarts Worte. Zum größten Teil aber klingen die Kommentare so:

Sehr geehrter Herr Steingart, Ihr Kommentar ist leider ein gutes Beispiel, weshalb heute kaum noch gute Leute in die Politik gehen wollen. Da schafft man es trotz mangelndem Abi bis nach Brüssel, vertritt dort die europäische Idee in schwierigsten Zeiten gegen Separatisten, Nationalisten und Populisten und muss sich dann von Journalisten wegen einer traurigen und für den Betroffenen übrigens ohnehin schon quälenden und zehrenden Erkrankung ans Bein pinkeln lassen. Ich finde das unfair, unwürdig und mies. So eine Beschimpfung hat ein Mensch nicht verdient, der sich so für die Gesellschaft einsetzt!

Fangen jetzt auch noch Journalisten an mit diesem billigen Politikerbashing, das jeden Respekt vermissen lässt? Unglaublich.

Das ist unterste Schublade und hat mit Journalismus nichts mehr zu tun.

das ist niveaulos!!

Seit wann benötigt man Abitur um Kanzler zu werden?
Und nur weil ein Mann mit jungen Jahren einen Fehler gemacht hat soll ihn das ein Leben lang verfolgen?
Dann hätte Herbert Wehner, einer der populärsten Politiker der Nachkriegszeit, niemals etwas werden können.
Ihr Text liest sich mit viel Verachtung die ihnen nicht steht und die Herr Schulz nicht verdient hat.

Lieber Herr Steingart, Ihr Teasing auf den Artikel ist reißerisch — auf Schulz Biografie geht der Text nicht ein. Das Alkoholthema nur auszupacken, um Stimmung zu machen, ist billig.

Das muss dieser Qualitätsjournalismus sein, den wir vor Trump beschützen müssen.

Ich verstehe nicht, weshalb man gleich so persönlich werden muss? Es ist doch hoch anzuerkennen, was für eine Karriere Schulz, trotz seiner Probleme in frühen Jahren, gemacht hat. Ein bisschen mehr Respekt im
Umgang mit anderen Menschen tut immer gut!

Mensch, Herr Steingart. Das zeugt wirklich von journalistischer Größe und inhaltlicher Auseinandersetzung, wie sie hier dem grantelnden Trinker einen mitgeben. Genau der Journalismus, auf den Deutschland gewartet hat. Stark. Weiter so.

Und Sie nennen sich Journalist? Einfach nur billig! Sie widern mich an, Herr Steingart!

…das nicht vorhandene Abitur und seine überwundene Alkoholkrankheit als Argumente für eine fehlende Eignung zum Kanzler zu machen, ist wirklich sehr unangebracht.

Herr Steingart, nach dem abwertenden Kommentar über Frau Merkel jetzt ein sehr abwertender Kommentar zu Herrn Schulz. Man muss Herrn Schulz nicht mögen, aber diese Art der Berichterstattung ist weit unter Ihrem Niveau und Ihrer Zeitung unpassend. Diese polemische Art zu schreiben vergiftet auch die politische Kultur.

Wow, hämisch auf einer Krankheit herumhacken — echtes Format! Hut ab!

Ojee, ein Versager … Unglaublich, dass das Handelsblatt zum Ramschblatt verkommt.

Klasse finden ich die vielen kritischen Kommentare zu Steingarts beleidigenden und voll daneben liegenden Eingangskommentar zu Schulz!!!

Für ein solches Geschreibsel hat FB leider keinen Button.
Herr Steingart, ihren Text kann man nur mit unterirdisch bezeichen.

Beleidigender Kommentar

Ähm, ich bin ja wirklich sehr oft Ihrer Meinung, Herr Steingart, aber das ist unwürdiges Bashing. Martin Schulz hat es auch ohne Abitur, aber mit vielen Fremdsprachen, geschafft, Karriere zu machen. Ein Alkoholproblem haben weitaus mehr „Führungskräfte“ als ein Herr Schulz und er hat es wohl im Unterschied zu vielen anderen überwunden, oder

Mein Gott, ist das billig.

Lieber Herr Steigart, egal welche Meinung Sie über Herrn Schulz haben verbreiten Sie diese bitte ohne Beleidigungen. Ich weiß, gutes Benehmen ist aus der Mode gekommen, aber als Journalist sollten Sie eigentlich den Ehrgeiz haben in Ihren Texten ohne Beschimpfungen auszukommen.

Immerhin das hat Gabor Steingarts Martin-Schulz-Bashing gebracht: Die Erkenntnis, dass die Kommentar-Kultur im Internet doch noch nicht völlig hinüber ist.