„Österreich“ sprach mit Bob Dylan, als es die Zeitung noch gar nicht gab

Für Zeitungen und Magazine aus Europa ist es nicht gerade einfach, ein Interview mit einem großen Star aus den USA zu bekommen. Und wenn dann noch bekannt wird, dass dieser Star den Literaturnobelpreis verliehen bekommen soll, dürfte es noch ein Stückchen unmöglicher werden.

Das gilt auch für die Tageszeitung „Österreich“. Und dennoch konnte die Redaktion des Gratisblatts jetzt ein Interview mit Bob Dylan präsentieren. Gut, das Gespräch mit dem Musiker stammt nicht aus dieser Woche, sondern aus dem Archiv — das verheimlicht „Österreich“ auch gar nicht. Aber immerhin sagt Dylan in dem Interview, passend zum Literaturnobelpreis, etwas zum Thema Poesie:

Etwas merkwürdig ist es ja schon, dass Bob Dylan bereits 1997 eine so deutliche Meinung zum damals noch recht jungen Internet hat. Möglich ist es aber durchaus:

ÖSTERREICH: Was halten Sie vom Internet?

DYLAN: TV und Internet haben die Poesie gekillt. Die Nachrichten sind heute so schlimm, dass man gar nicht mehr darüber singen mag. Dazu leben wir ein (sic) einer Fantasiewelt, wo Disney längst gewonnen hat. Traurig.

Richtig merkwürdig ist hingegen, dass „Österreich“ bereits 1997 dieses Interview geführt haben will. Denn das Blatt gibt es erst seit 2006.

Im Mai 2011 erschien das Dylan-Interview schon einmal beim „Österreich“-Onlineableger oe24.at. Damals hieß es, dass es von 2001 stamme. In dem Jahr gab es auch noch ein anderes Interview mit Bob Dylan, veröffentlicht vom österreichischen Magazin „News“. Und das weist ziemliche Ähnlichkeiten zum angeblichen „Österreich“-Gespräch auf. Hans Kirchmeyr, Gründungsmitglied der medienkritischen Seite „Kobuk“, hat Dylans Aussage zum Internet in „Österreich“ denen in „News“ gegenübergestellt:

Die Einstiegsfrage in das „Österreich“-Bob-Dylan-Interview lautet übrigens:

Das ist deswegen bemerkenswert, weil die Kollegen drüben bei „Übermedien“ gerade erst gestern gezeigt haben (Text momentan nur für „Übermedien“-Abonnenten komplett lesbar), dass die „Wer ist“-Frage einen Stammplatz in vielen der mutmaßlich gefälschten Interviews des Regenbogenhefts „Freizeitwoche“ hat. Bei der „Übermedien“-Recherche geht es ebenfalls um die ganz großen Stars, die gegenüber einem vergleichsweise unbedeutenden Blatt überraschend auskunftsfreudig waren.

Mit Dank an @mir70 für Hinweis und Ausriss!

Nachtrag, 16:48 Uhr: Autor des „News“-Interviews von 2001 ist Thomas Zeidler, der inzwischen für „Österreich“ arbeitet. Der damalige „News“-Chef Wolfgang Fellner ist heute Herausgeber von „Österreich“.