„Compact“ könnte es besser wissen

Für seine Oktoberausgabe hat sich das „Compact“-Magazin mal wieder redlich Mühe gegeben, die Spitzenposition unter den Hetz- und Angstmacherblättern zu verteidigen:

Es gibt das volle Programm: Drohkulisse, AfD-Interviews und als Gastautor Martin Luther. Interessant ist vor allem aber das zwölfseitige Dossier, das „Compact“ einem Teilbereich seines Lieblingsthemas widmet, den „Frauen in den Lügenmedien“. Eingeleitet wird es mit einer Fotomontage, die die „NDR“-Journalistin Anja Reschke als auf der Kanonenkugel reitenden Baron Münchhausen zeigt. Der Titel des Aufmachers: „Anja Reschke weiß alles besser“.

Außerdem bietet das Dossier:

  • „Wenn Journalistinnen baden gehen“ (über die zahlreichen Burkini-Reportagen)
  • „Das Schweigen der Emanzen“ (seichte Frauenmagazine wie „Brigitte“ äußerten sich überraschenderweise weniger polarisierend zur Kölner Silvesternacht als die Feministin Alice Schwarzer)
  • „Das ist Genickschuss-Journalismus“ (Ex-„Bild“-Chef Peter Bartels erzählt den gleichen Unsinn, den er schon in seinem beim „Kopp“-Verlag erschienenen Buch erzählt hat, dieses Mal aber am Beispiel von „Bild“-Chefin Tanit Koch)
  • „Ideologie knallt auf Realität“ (die „Bundeszentrale für politische Bildung“ wollte den Text einer Journalistin zur Kölner Silvesternacht nicht, die „Emma“ hat ihn dann gedruckt)

Über Anja Reschke hat Hans-Hermann Gockel geschrieben. Der 62-Jährige hat mal beim Privatfernsehen gearbeitet, jetzt schreibt er für „Compact“ und „Junge Freiheit“, spricht auf AfD-Veranstaltungen und gibt in seinem eigenen Verlag seine eigenen Bücher raus, in denen er den politischen Eliten „Gedankenfeigheit“ vorwirft. In „Compact“ findet er nun den Gedankenmut zu solchen Worten:

Das Wort „Lügenpresse“ kommt nicht von ungefähr. Der Begriff „Lückenpresse“ würde es vielleicht noch besser treffen. Man verschweigt. Man verharmlost. Man verdreht, ganz im Sinne der Willkommens-Politik.

Die Leiterin der Abteilung Innenpolitik beim „NDR“, Anja Reschke, habe in „dieser elitären Welt der selbstherrlichen Besserwisser ihren festen Platz“:

Reschke ist eine Kollegin, die man schnell durchschaut. Flüchtlinge sind traditionell die Guten. Und die Rechten sind die Bösen. Deshalb weiß man bei ihren Sendungen vorher schon, was am Ende herauskommt. Bedauerlich jedoch, dass dafür immer öfter das Motto der Maurer und Zimmerleute herhalten muss: Was nicht passt, wird passend gemacht.

Für seine These zimmert sich Gockel zurecht, warum das von Reschke moderierte Magazin „Panorama“ ein manipulatives Machwerk sein soll. Vor allem stört er sich an einem Beitrag vom 28. Juli, der der Frage nachgeht, ob es in deutschen Freibädern vermehrt zu sexuellen Belästigungen durch Flüchtlinge komme. Er wirft der Sendung vor, wichtige Fakten zu unterschlagen.

Gockels erstes Beispiel ist eine Mail der Düsseldorfer Polizei, in der es um einen „enormen Anstieg“ der Sexualstraftaten gehe. Dass es sich dabei letztendlich nur um eine ziemlich aufgebauschte Geschichte der „Bild“-Zeitung handelt, ist Gockel keine Erwähnung wert. Wir hatten über den „Sex-Mob“-Artikel berichtet, und selbst „Bild“ lieferte Zahlen nach, die die Geschichte wieder erdeten. Hans-Hermann Gockel unterschlägt, dass es im laufenden Jahr bis Anfang Juli in ganz Düsseldorf — nicht nur in Schwimm- und Freibädern — gerade mal acht Anzeigen in Bezug auf sexuelle Belästigung oder Übergriffe gab. Stattdessen behauptet er, „Panorama“ erwähne die Fakten „mit keiner Silbe“.

Doch nicht mal das stimmt. Im Beitrag werden Zeitungsausrisse zu Meldungen über sexuelle Übergriffe von Flüchtlingen in Schwimmbädern gezeigt, unter anderem auch die „Bild“-Schlagzeile zum „Sex-Mob-Alarm“:

Was „Panorama“ zurecht nicht macht: die falsche Panik-Berichterstattung von „Bild“ einfach zu übernehmen. Stattdessen fragt der Beitragssprecher nur: „Gibt es Anlass für den von ‚Bild‘ so reißerisch ausgerufenen ‚Sex-Mob-Alarm im Schwimmbad‘ oder ist eigentlich alles ganz normal?“ Die „Panorama“-Redaktion bezeichnet ihren Beitrag selbst vorsichtig als „Versuch einer Bestandsaufnahme.“

Hans-Hermann Gockel zählt im Artikel einzelne Fälle von sexueller Belästigung auf, bei denen Asylbewerber tatverdächtig seien. „Die Liste der Übergriffe in NRW ist lang. Sehr lang“, schreibt Gockel, verrät aber nicht, wie lang sie nun genau ist, sondern nur: „In Panorama davon kein Wort …“ Er selbst verliert dabei kein Wort darüber, dass in dem „Panorama“-Beitrag eine Mutter davon erzählt, dass ihre elfjährigen Töchter von einem Flüchtling sexuell belästigt worden seien.

Um weiter zu suggerieren, dass sexuelle Übergriffe besonders durch Flüchtlinge begangen würden, druckt „Compact“ diese Grafik neben dem Artikel:

Wir haben keine Ahnung, woher diese Statistik stammt.* Ganz sicher stammt sie aber nicht, wie von „Compact“ angegeben, vom „Pew Reserch Center“ (was ein Schreibfehler ist, denn eigentlich heißt das Forschungszentrum „Pew Research Center“). Für das amerikanische Meinungsforschungsinstitut wäre es ein völlig neues Feld, wenn es auf einmal deutsche Kriminalitätsstatistiken anfertigte. Diese erstellt hierzulande in der Regel das Bundeskriminalamt. Die Tatverdächtigen der „Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“ sind in einer Statistik (PDF, Seite 70) aufgeführt, allerdings nur in den Unterkategorien „Tatverdächtige insgesamt“, „nichtdeutsche“ und „Zuwanderer“.

Wie „Compact“ auf die Unterteilung nach „Volksgruppen“ kommt, ist nicht nachvollziehbar. „Volksgruppe“ ist kein Unterscheidungskriterium offizieller Statistiken. Wenn überhaupt, würden diese von Staatsangehörigkeiten sprechen.

Von der fragwürdigen Quellenangabe mal abgesehen, präsentiert „Compact“ die Zahlen auf spezielle Art und Weise und ohne jeglichen Zusammenhang. Gezeigt werden Tatverdächtige pro 10.000 Mitglieder einer Nationalität. Es handelt sich also um Promillewerte, die „Compact“ allerdings deutlich größer wirken lässt. Auf die 36 tatverdächtigen — also nicht verurteilten — Algerier kommen 9964, die nicht verdächtigt werden. Was außerdem unter den Tisch fällt: In Deutschland lebten 2015 laut „Statistischem Bundesamt“ (PDF, Seite 39) nur 20.505 Algerier. Das sind weniger als die absolute Zahl deutscher Tatverdächtiger bei Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, von denen es laut BKA vergangenes Jahr 25.487 gab. Für eine „Multikulti-Vergewaltigungswelle“, die „Compact“ herbeischreiben will, würden die Zahlen also noch nicht einmal dann genügen, wenn sie denn aus einer seriösen Quelle stammten.

Zurück zu Hans-Hermann Gockel. Der behauptet, dass „Panorama“ auch „die Tatsache, dass die Bäder an Rhein und Ruhr ihr Sicherheitspersonal in diesem Jahr verstärken mussten“, verschweige. Das stimmt sogar. Die Bäder an diesen beiden Flüssen kommen nicht vor. Mitglieder des „Panorama“-Teams haben nämlich stattdessen ein Freibad besucht, das an einem etwas weniger prominenten Fluss liegt, an der Hunte bei Oldenburg. Sie finden auch dort einen Zeugen dafür, dass es inzwischen mehr Sicherheitsleute in Schwimmbädern gibt. Das wiederum verschweigt nun Gockel, vielleicht auch deshalb, weil der Zeuge von „Panorama“ der „Compact“-These von der Vergewaltigungswelle widerspricht.

Abgesehen von dem konkreten „Panorama“-Beitrag wirft Hans-Hermann Gockel Anja Reschke ihre grundsätzliche persönliche Haltung vor:

Schon am 5. August 2015 hatte Reschke in einem Tagesthemen-Kommentar einen neuen „Aufstand der Anständigen“ gegen rechts propagiert: „dagegen halten, Mund aufmachen. Haltung zeigen, öffentlich an den Pranger stellen.“

Seine eigene Haltung versteckt Gockel lieber hinter anderen:

Wer diesen Kommentar heute im Internet aufruft, gewinnt schnell den Eindruck, dass er mit heißer Nadel gestrickt ist. Mancher nennt die Art des Vortrags sogar hysterisch.

Wer diesen Kommentar heute tatsächlich im Internet aufruft, wird schnell merken, dass Gockel das Zitat von Reschke verkürzt wiedergibt; möglicherweise, um zu suggerieren, Reschke rufe zum Vorgehen gegen sämtliche Meinungsäußerungen rechts der Mitte auf. Ihr volles Zitat lautet:

Wenn man also nicht der Meinung, ist, dass alle Flüchtlinge Schmarotzer sind, die verjagt, verbrannt oder vergast werden sollten, dann sollte man das ganz deutlich kundtun, dagegen halten, Mund aufmachen, Haltung zeigen, öffentlich an den Pranger stellen.

Anja Reschke spricht also nicht einfach nur von „rechts“, sondern von strafbaren rechtsextremen Äußerungen und Handlungen.

Und so scheint es, als würde Hans-Hermann Gockel nichts finden, das er Anja Reschke vorwerfen könnte, ohne seinerseits die Tatsachen zu verdrehen. Am Ende kommt er nur auf die dünne Anklage, dass Reschke bei einem Auftritt in der Sendung „Hart aber fair“ Moderator Frank Plasberg spontan nicht genau sagen konnte, woher ein paar Sekunden Bildmaterials eines „Panorama“-Beitrags über Flüchtlinge stammen:

Die Leiterin einer Redaktion weiß nicht, wie ein Bilder-Teppich in ihrer Sendung zustande kommt? So viel Ahnungslosigkeit dürfte einmalig sein im deutschen Fernsehgeschäft!

Was Hans-Hermann Gockel offenbar nicht merkt: Mit diesem Urteil nimmt ausgerechnet er, der „Lügenpresse“-Rufer, das gesamte deutsche Fernsehen in Schutz. Eine solch positive Meinung übers deutsche TV dürfte einmalig sein unter „Compacts“ Medienkritikern.

*Nachtrag, 19. Oktober: Inzwischen sind wir uns ziemlich sicher, woher die „Compact“-Redaktion die Zahlen aus der „Frau, komm!“-Grafik hat: vom Bundeskriminalamt (Tabelle 62). Dort findet man jedenfalls die Rohdaten, noch nicht „auf je 10.000 Mitglieder folgender Volksgruppen“ heruntergerechnet. Diese Zahlen findet man in einer Grafik, die beim Hoster „Imgur“ hochgeladen wurde und die sich auf die BKA-Zahlen beruft.

Die Zahlen, die „Compact“ verwendet, beziehen sich also auf 2014 und nicht, wie von der Redaktion behauptet, auf 2015. Und sie stammen eben nicht vom „Pew Reserch Center“ beziehungsweise vom „Pew Research Center“. Von den amerikanischen Forschern haben wir inzwischen ebenfalls eine Bestätigung bekommen, dass die Zahlen nicht von ihnen veröffentlicht wurden:

Dass wir fälschlicherweise als Quelle angegeben werden, oder bei vagen Aussagen als Quelle herhalten müssen, ist für uns inzwischen fast schon zur Gewohnheit geworden. Dass dieses Phänomen nun auch jenseits des Atlantiks auftritt, ist allerdings eine neue Erfahrung für uns.

Mit Dank an Hauke H. und @griboe für die Hinweise!