Wenn HSV-Fans über Werder berichten

„The winner takes it all“, sagen die Amerikaner (und Schweden) gerne, wenn es darum geht, den schmalen Grat zwischen Sieg und Niederlage zu beschreiben. Wenn dem tatsächlich so sein sollte, dann bedeutet das im Umkehrschluss, dass dem Verlierer nichts, aber auch gar nichts bleibt. Im Sport dürfte diese Haltung ganz besonders ausgeprägt sein, weswegen es auf den ersten Blick auch nicht verwundert, dass nach Meinung der Sportredaktion der „Welt“ Werder Bremen am Mittwoch im Finale des Uefa-Pokals nicht einfach nur ein Fußballspiel verloren hat, sondern weitaus mehr:

Werder Bremen hat alle Sympathien verspielt

Klingt auf den ersten Blick nach verschmähter Liebe, oder, noch viel schlimmer — nach enttäuschter Liebe. Von Liebe oder auch nur dem Ansatz von Zuneigung kann bei der „Welt“ allerdings nicht ganz die Rede sein. Eher vom Gegenteil, wenn man so nachliest, was die Redaktion von „Welt kompakt“ vor und während des Finales so alles twitterte. Generell, so viel Patriotismus muss ja im Finale einer deutschen gegen eine ukrainische Mannschaft schon sein, finde man ja Werder nicht sooooo schlimm, aber ein Spieler ganz speziell hat anscheinend die geballte Antipathie auf sich gezogen, zu der die „Welt“ fähig ist:

Stramme Leistung der Kollegen: In nur elf Minuten wird Werder-Torwart Tim Wiese erst zum Grund dafür gemacht, sich nicht für Werder erwärmen zu können. Danach jubelt man ihm einen Fehler unter, den man „unfassbar“ nennt (eine sehr exklusive Meinung; einen „unfassbaren Fehler“ Wieses hat ungefähr niemand während des Spiels gesehen), garniert das dann mit ein wenig Häme („zu viel Sonnenbank“ — und lässt schließlich mal eben alle Hemmungen fahren: „Und wer ist der peinliche Typ im Tor?“

Und überhaupt, wenn man schon mal dabei ist, journalistische Maßstäbe über den Haufen zu werfen, kann man ja auch mal ganz offen sagen, was man von diesem Verein hält:

Kein Wunder also, dass man die 1:2-Niederlage Werders gegen Donezk nicht so richtig bedauert, im Gegenteil:

Das wird dann einem „Follower“  doch ein wenig zuviel, weswegen er folgenden kleinen Hinweis wagt:

@weltkompakt: Peinlich eigentlich nur, dass sich eine redaktion öffentlich derart äußert.

Aber bitte sehr, denkt man sich bei den „Welt“-Twitterern, die es inzwischen vollends aus der Kurve getragen hat, wer wird denn kleinlich sein — wir und peinlich?

(Mit der „Treue“ meint die „Welt“ übrigens den HSV, den man eindeutig zum Verein des Herzens erkoren hat und daraus ebenso wenig einen Hehl macht wie aus der Abneigung gegen Werder.)

So, und nun kommen wir dann doch nochmal zurück zum wohlüberlegten und sicher von keinerlei persönlichen Animositäten getrübten Kommentar in der „Welt“, der zu folgendem — man könnte sagen: beinahe zwingenden — Fazit kommt:

Viele Peinlichkeiten garnieren den Sympathieverlust beim Absteiger der Herzen: Dass der Klub seiner Fürsorgepflicht nachkommt, indem er Ärzte gegen den eigenen Stürmer Ivan Klasnic stützt, der Behandlungsfehler beklagt. Dass der früher wegen seiner Sachlichkeit beliebte Klubchef Jürgen Born wegen ungeklärter Transferseltsamkeiten zurücktrat. Dass der nicht nur zu Sonnenbank-Exzessen neigende Torwart Tim Wiese Gegner öffentlich via Megaphon beleidigt. Alles hat dazu geführt, dass wohl viele Fans beim Siegtor von Donezk nicht bar jeder Schadenfreude dachten: Ein Weltklassetorhüter hätte das verhindert.

Mit Dank an das Worum-Blog!