Hinterher ist Bild.de immer schlauer

Als vergangenen Freitag die ersten Eilmeldungen aus München über die Agenturen gingen, war die Lage einigermaßen unübersichtlich. Klar war eigentlich nur, dass es Schüsse am Olympia-Einkaufszentrum gegeben hatte, es vermutlich mehrere Tote gegeben hatte und die Polizei im Großeinsatz war.

Am Montag hatten sich viele offene Fragen vom Wochenende geklärt, und Julian Röpcke und Antje Schippmann konnten sich bei Bild.de an eine Art Meta-Analyse der Ereignisse machen.

Oder — weniger wohlwollend ausgedrückt — ans fröhliche Hinterher-alles-besser-Wissen:

Doch war der Polizeieinsatz und vor allem das Kommunikationskonzept der Polizei wirklich so gut, wie die Politiker behaupten?

Röpcke und Schippmann nutzen zur Beantwortung der Frage ein streng wissenschaftliches Konzept, das darauf beruht, den Kenntnisstand vom Montag mit dem vom Freitagabend abzugleichen:

Tatsache ist, dass es genau einen Schützen gab, der an einem Ort in der Stadt — rund um das Olympia-Einkaufszentrum, den nahen Mc Donald’s und das angrenzende Parkhaus — seine Tat beging. Trotzdem ging die Einsatzleitung der Polizei Falschmeldungen und Gerüchten auf den Leim, sprach lange von mehreren Tätern „mit Langwaffen“ und unterschiedlichen Tatorten in München.

Statt „auf den Leim“ hätten die beiden auch „nach“ schreiben können, aber das hätte ja angedeutet, dass die Polizei diese Falschmeldungen und Gerüchte ordnungsgemäß überprüft hätte, und hätte auch gar nicht so herablassend geklungen.

Bereits am Freitag hatte Julian Röpcke, unter Zuhilfenahme des Buchs „Onlinesprache — So chatten die Jugendlichen heute“ von 1998, auf Twitter seinem Unmut Ausdruck verliehen, dass die Münchener Polizei nach zahlreichen Gerüchten über weitere Tatorte sicherheitshalber mal in der ganzen Stadt davor gewarnt hatte, vor die Tür zu gehen:

Diese Kritik wiederholt der Artikel von Bild.de:

Über den ganzen Abend hinweg gab es eine Vielzahl von Gerüchten, unbestätigten Meldungen und neuen Horror-Geschichten — beispielsweise über weitere Schützen im Zentrum der Stadt und der U-Bahn. Dies war wohl größtenteils der Panik der Betroffenen zu verdanken — und auch der Präsenz Hunderter schwer bewaffneter Sicherheitskräfte, die Passanten irrtümlich für Attentäter hielten. Soweit so verständlich.

Doch, dass sich die Münchener Polizei mit ihrer enormen internationalen Reichweite bei Twitter an der Verbreitung solcher — im Rückblick falscher — Meldungen über eine „Schießerei in der City“ und „unconfirmed reports of more violence“ (unbestätigte Berichte über mehr Gewalt) beteiligte, hat sicher nicht zur Stabilisierung der Lage beigetragen, sondern im Gegenteil die Lage noch zusätzlich verschärft.

Nun ist es „im Rückblick“ leicht, das Verhalten der Polizei zu kritisieren, aber Röpcke zielt auf Twitter und in dem Artikel haarscharf am Thema vorbei: Die Polizei hat sich ja nicht im direkten Sinne an der „Verbreitung“ der Gerüchte „beteiligt“, sondern darauf hingewiesen, dass ihr diese Gerüchte bekannt seien, und den Menschen geraten, sicherheitshalber zuhause zu bleiben.

(Es ist übrigens relativ sicher, dass Röpcke diese Differenzierung nicht verstehen und „keinen Sinn“ darin erkennen wird — das hat er nämlich am Donnerstag schon nicht.)

Hätte die Polizei einfach mal auf „Bild“ gehört, denn dort vermuteten sie schon früh, dass es keine weiteren Täter gab:

Und überhaupt:

Auch darum orderte man immer weitere Einheiten in die Stadt, inklusive der Spezialeinheit GSG-9 und Polizeikräfte aus anderen Bundesländern. „Besser zu viel als zu wenig“, argumentierten später viele. Ob die Polizei aber tatsächlich einen Überblick über die Lage behielt und 2300 Polizisten zur Sicherung eines Tatorts und Ausschalten eines 18-Jährigen notwendig waren, bleibt unklar.

Man kann sich ausmalen, wie die Reaktion von Bild.de ausgefallen wäre, wenn zu wenige Polizisten im Einsatz gewesen wären. Aber auch ohne das Wissen im Nachhinein bleibt dieser Absatz perfide: Die Polizei hatte zum Beispiel schon relativ früh erklärt, warum sie von einer „akuten Terrorlage“ gesprochen hatte:

Dazu sagte der Sprecher: „Wir gehen insofern von einem Terroranschlag aus, als wir mit unseren Maßnahmen bei dieser Annahme die höchstmögliche Wirkung erzielen und wir lieber zu viel als zu wenig Personal auf der Straße haben. Wenn sich herausstellt, dass es einen anderen Hintergrund hatte, haben wir den worst case auch abgedeckt.“

Und Sätze, die auf „… bleibt unklar“ enden, sind natürlich eh ein journalistischer Offenbarungseid: Röpcke und Schippmann wissen es also selbst nicht — aber Hauptsache, sie haben es der Münchener Polizei mal so richtig gezeigt. Oder zumindest ein bisschen.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Natürlich ist es legitim, das Vorgehen der Polizei in Frage zu stellen — auch, oder gerade besonders, wenn dieses Vorgehen und der Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins von Politikern und Medien überall gefeiert werden. Und vermutlich ist die Polizei selbst am zerknirschtesten darüber, dass sie „mitten in der Nacht zwischen 3:05 und 3:18 die Verletztenzahl erst mit 21 angab und dann auf 16 herunter korrigierte“, wie ihr Bild.de auch noch vorwirft.

Aber die „Fragen über Fragen“, die Röpcke vollmundig auf Twitter ankündigte, bleiben überwiegend unbeantwortet. Die Antwort auf die großspurige Frage „Wie erfolgreich war die Polizeiarbeit wirklich?“ bleibt auch Bild.de schuldig. Es „bleibt“ eben „unklar“.

Mit Dank an Johanna für den Hinweis!