„Der allergrößte Teil der Medien hat sich sehr gut verhalten“

Vor knapp einem Jahr, nachdem die Germanwings-Maschine auf Flug 4U9525 in den Alpen abgestürzt war, machten sich Scharen von Journalisten auf den Weg nach Haltern am See, einer kleinen Stadt in Nordrhein-Westfalen. Denn an Bord des Flugzeugs waren auch 16 Schülerinnen und Schüler und zwei Lehrerinnen des Gymnasiums in Haltern. Wir haben mit Georg Bockey, dem Pressesprecher der Stadt, darüber gesprochen, wie er die Situation und das Verhalten der Journalisten damals erlebt hat.

BILDblog: Herr Bockey, was waren die letzten Medienanfragen, die Sie beantwortet haben?
Georg Bockey: Da ging es um Gelbe Säcke für Verpackungsmüll. Was sind die Vor- und Nachteile davon – im Vergleich zur Gelben Tonne? Jeder Haushalt in Haltern kriegt pro Jahr nur begrenzt Rollen, ohne dass wir als Stadt das beeinflussen können. Manchmal gibt es dann Probleme mit der Verteilung. Dazu hat mir die „Halterner Zeitung“ ein paar Fragen gestellt. Und dann geht bald der Schulleiter einer unserer Grundschulen in den Ruhestand. Da stellen sich auch Fragen: Wer wird Nachfolger? Bleibt die Schule erhalten? Oder gibt es dann ein Verbundsystem mit einer anderen? Das Spektrum ist breit.

Ein ziemlich drastischer Gegensatz zu dem, was vor etwa einem Jahr über die Pressestelle hereinbrach.
Ja. Da gab es eine Flut von Anfragen, wie wir sie vorher in Haltern noch nicht erlebt haben. Haltern ist mit seinen 38.000 Einwohnern ja eher ein kleines Nest. Und plötzlich standen da 50 Übertragungswagen in der Stadt. Alles entwickelte sich mit rasender Geschwindigkeit.

Was für Anfragen gab es dann?
In erster Linie ging es darum, O-Töne vom Bürgermeister einzufangen. Wir haben in den ersten Tagen streng darauf geachtet, dass dies einerseits ermöglicht werden sollte. Andererseits musste alles in den zeitlich sehr begrenzten Rahmen passen. In diesen Tagen gab es nur dieses Thema bei uns. Alles andere wurde für fast zwei Wochen komplett in den Hintergrund gerückt. Und wenn doch einmal eine Anfrage zu einem ganz anderen Thema kam, habe ich um Verständnis gebeten, dass eine Antwort derzeit nicht möglich ist. Das wurde auch akzeptiert.

Erinnern Sie sich noch, wie alles angefangen hat?
Der Tag des Unglücks war ein Dienstag. Die erste Nachrichten kamen so am späten Vormittag rein. Ich bin dann sofort mit dem Bürgermeister zum Gymnasium. Dort haben wir die ersten Gespräche mit dem Kollegium und dem Schulleiter geführt. Da war auch schon jemand von der Schulbehörde da. Dann kamen bald die ersten Medienvertreter an. Und es wurden immer mehr: aus Deutschland, Europa, der ganzen Welt.

Haben Sie die ganze Pressearbeit alleine gestemmt?
Nein, das wäre nicht möglich gewesen. Es gab so viele Orte, wo wir sein mussten: an der Schule, im Rathaus, im Krisenstab in der Feuerwache. Zum Glück gab es ganz schnell und unbürokratisch Hilfe für uns: Zwei Pressesprecher kamen dazu, einer von einer Nachbarstadt, einer von der Kreisverwaltung. Die wurden spontan abgestellt. Die Kreispolizei hat auch eine Menge Beamten geschickt, dazu zwei Pressesprecherinnen. Die haben sofort vor Ort Kontakt zu den Journalisten aufgenommen und darauf geachtet, dass etwa niemand die Absperrlinien zur Schule überschreitet. Das hat sehr geholfen. Wenn Leute in Uniform das sagen, hat das natürlich einen hohen Stellenwert.


(Foto: meistergedanke.de)

Stichwort Absperrlinien – aus Haltern gab es immer wieder auch Meldungen von Journalisten, die durch Vorgärten schleichen, die direkt auf Betroffene zugingen oder die Schülern Geld angeboten haben für interne Videoaufnahmen. Wie haben Sie das erlebt?
Der allerallergrößte Teil der Medienvertreter hat sich nach meiner Wahrnehmung sehr gut verhalten. Ich muss den meisten Kollegen hoch anrechnen, dass sie mit der nötigen Seriosität und Sensibilität berichtet haben. Das darf man ruhig als deutliches Lob verstehen. Es gibt natürlich negative Ausreißer. Wenn wir gesehen haben, dass Kindern Geld für Fotos oder Videos geboten wurde, sind wir eingeschritten. Mir fällt aber gerade nur ein Fall ein. Der Kollege, der das gemacht hat, ist dann auch nicht wieder aufgetaucht.

Zu der Berichterstattung über den Absturz gingen so viele Beschwerden beim Presserat ein wie noch nie zuvor.
Das mag sein, aber das betrifft uns in Haltern nicht so sehr. Das bezog sich überwiegend auf die Berichterstattung über den Absturz selbst und über den Co-Piloten. Da ist viel Unsinn verbreitet worden: über den Menschen, über Krankheiten, über seine Beziehung. Echte Fehler räumt dann auch selten jemand ein. Aber man muss das relativieren: Der allergrößte Teil der Beschwerden blieb auch ohne Rüge.

Was lief vor Ort konkret gut?
Die Abstände wurden respektiert. Überhaupt gab es sehr wenige Versuche, konkret auf betroffene Familien zuzugehen. Wir fanden das sehr positiv. Ein Novum war für mich, zu sehen, wie betroffen auch die Journalisten waren. Bei den ersten Pressekonferenzen haben viele geweint – sowohl die, die sich geäußert haben, als auch die Journalisten. Das habe ich in der Form noch nicht erlebt.

Wie haben die Menschen in Haltern auf die Journalisten reagiert?
Ich glaube, viele Haltener haben das als bedrohlich empfunden. Selbst wenn sich alle Presseleute vorbildlich verhalten: Allein durch die bloße Präsenz von so vielen Ü-Wagen, Kamerateams, Menschen mit Mikrofonen und so weiter entsteht schon eine bedrohliche Atmosphäre für einen Kleinstädter, der das nicht gewohnt ist. In den Tagen nach dem Unglück war die Innenstadt oft menschenleer. Da hat niemand Lust gehabt, shoppen zu gehen. Die paar Leute, die da waren, wurden von Journalisten angesprochen. Das ist ja auch verständlich. Aber wenn jemand nicht reden wollte, wurde er auch in Ruhe gelassen.

Wann verschwand das letzte Kamerateam aus Haltern?
Das kann ich Ihnen nicht genau sagen. Nach dem Absturz am Dienstag war es am Donnerstag, mit einem Wort, abartig, was die Zahl der Anfragen anging. An dem Tag ging blitzschnell die Nachricht um, dass der Co-Pilot den Absturz offenbar bewusst herbeigeführt hat. Viele sind dann in den Ort gefahren, aus dem der Pilot stammte. Am Freitag gab es dann einen Gottesdienst mit dem Bundespräsidenten und der Ministerpräsidentin von NRW. Da waren noch einige da.

Wie sah in der hektischen Phase Ihre Strategie für die Pressearbeit aus?
Uns war wichtig, den Druck zumindest etwas abzufedern. Wir haben früh entschieden, alle Pressekonferenzen und -gespräche nicht an der Schule abzuhalten, sondern im Rathaus. Das ist nur 400 Meter entfernt, aber das war trotzdem wichtig, um die Schüler zu schützen. Der Ratssaal war dann am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag komplett voll mit Medienvertretern und Kamerateams.

Wie haben Sie noch versucht, den Druck herauszunehmen?
Indem wir die Journalisten bei ihrer Arbeit unterstützt haben. Wir haben oft Gespräche angeboten. Schlicht, damit die nicht selbst jeden Stein umdrehen wollen. Ich verstehe auch, dass die Medien berichten wollen. Als die Toten nach Haltern überführt wurden, waren die Straßen voller Menschen. Die haben sich an den Händen gehalten, es war mucksmäuschenstill. Das waren natürlich Bilder, die für Journalisten interessant sind. Die Polizei hat die Medien vorher kontaktiert und empfohlen: Hier auf dieser Brücke kann gefilmt werden, in der Stadt auch, aber dann am Bestattungsinstitut nicht mehr, da endet die Öffentlichkeit.

Hat das funktioniert?
Meiner Meinung nach ja. Kein Journalist hat versucht, zum Bestattungsinstitut zu gehen. Das ist gut gelaufen. Generell muss man sagen: Alles ging so schnell, jeden Tag kamen neue Details ans Licht. Das kann man nie alles beeinflussen. Wir haben versucht, uns anzupassen. Einmal hatten wir ein Pressegespräch mit Seelsorgern und Polizisten anberaumt. Und eine Stunde vorher kam raus, dass der Co-Pilot die Maschine wohl absichtlich zum Absturz gebracht hat. Da war klar, dass sich darauf die ganze Aufmerksamkeit konzentrieren würde. Wir mussten umdisponieren. Also kamen Bürgermeister und Schulleiter mit. Im ersten Teil haben wir dann über die neue Situation gesprochen, danach haben wir weitergemacht mit dem ursprünglichen Thema.

Sie haben selbst mehr als 25 Jahre als Journalist gearbeitet und sind erst seit einigen Jahren Pressesprecher. Ist die Situation für Journalisten heute schwieriger?
Ich glaube, dass der Druck heute viel größer ist. Ich kannte das so überhaupt nicht und ich möchte das auch nicht erleben. Jetzt brauchen wir hier noch einen O-Ton, da noch eine Aufnahme – und dabei stellen doch alle die gleichen Fragen. Man kann das Rad nicht ständig neu erfinden. Das müssen die Chefs in den Redaktionen akzeptieren. Wenn Journalisten immer Neues liefern müssen, dann fangen sie an, unüberlegt zu agieren, ohne genügend im Thema zu sein und die Verhältnisse vor Ort gut genug zu kennen.

Wie meinen Sie das?
Wenn Journalisten meinen, sie müssten immer neue Konflikte ausfindig machen. Oder Fragen stellen wie: „Wie ist das Leben an der Schule erlahmt?“ Mit Verlaub, das ist idiotisch. Natürlich hinterlässt so ein Unglück Spuren. Wir sind eine kleine Stadt. Über drei Ecken kennt jeder jemanden, der jemanden kennt… Und natürlich war für eine Weile kein Unterricht möglich. Und natürlich gedenken die Schüler und Lehrer der Opfer. 18 Fotografien hängen in der Schule, es gibt zwei Gedenkstätten in Haltern.

Aber?
Nach dem Gottesdienst mit dem Bundespräsidenten sind der Schulleiter und die Lehrer zurück in die Schule gegangen, um das Abitur vorzubereiten. Und im Sommer kamen dann neue Fünftklässler an das Gymnasium. Der Schulleiter sagte zurecht, auch die haben einen Anspruch auf eine normale, auf eine schöne Schulzeit. Wir werden die Opfer nie vergessen, und auch nicht, wie sehr die Angehörigen leiden müssen. Aber das Leid ist so schon groß genug. Man muss der Schule nicht noch zusätzlich Probleme aufschwatzen.

Bald jährt sich das Unglück zum ersten Mal. Dann werden einige Kamerateams voraussichtlich zurückkommen. Was würden Sie sich von den Journalisten wünschen?
Dass sie das entsprechend einschätzen und keine Riesenveranstaltung daraus machen. Am 24. März gibt es eine Gedenkminute und dann einen ökumenischen Gottesdienst. Da kann man auch gar nicht viel berichten. In der Kirche werden keine Kameras und Aufnahmegeräte erlaubt sein. Darüber möchte ich dann auch gar nicht diskutieren, das ist einfach selbstverständlich. Wenn Journalisten die ruhige Atmosphäre einer Kirche respektieren, wenn sie sich einfach an die Regeln halten, dann erleichtert das unsere Arbeit ungemein. Auch deshalb, weil die Trauernden diese Ruhe dringend benötigen.