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Panikmacher sind nicht zu stoppen

Für den Begriff „Grippe“ gibt es anscheinend nur sehr extreme Verwendungen. Man hört, beispielsweise, ziemlich oft im Winter von Leuten, die behaupten, sie hätten „Grippe“. In den meisten Fällen handelt es sich zwar nur um eine stärkere Erkältung, aber wer wird denn pingelig sein?

Umgekehrt ist bei den richtigen Grippe-Erkrankungen so, dass sich mindestens in dem Tempo, in dem sich Viren ausbreiten, auch Medien mit vielen gruseligen Geschichten nach oben schaukeln. Das, was momentan als „Schweinegrippe“ durch die Schlagzeilen geistert, ist ein ziemlich gutes Lehrstück darüber, wie sie in einer Mischung aus Unwissenheit, schlechter Recherche und natürlich der Lust an der Schlagzeile dafür sorgen, dass aus einem Grippevirus ein Monster wird. Mindestens. Eines, das laut heutigem „Bild“-Aufmacher (oben rechts) „nicht zu stoppen“ ist.

Oder, anders gesagt:

Man würde der „Bild“-Zeitung allerdings unrecht tun, würde man ihr die Verwendung des Begriffs „wüten“ in diesem Zusammenhang alleine zuschreiben. Von „wüten“ und ähnlichen Begriffen haben in den vergangenen Tagen derart viele Medien berichtet, dass sie kaum mehr aufzählbar sind. Das machte sich bis gestern auch in den kolportierten Zahlen zu den angeblichen Todesopfern bemerkbar: Von über 150 Toten alleine in Mexiko war in vielen Medien die Rede.

Deutlich undramatischer fällt hingegen die bisherige Bilanz aus, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vorgelegt hat. Nach ihren Kriterien gibt es bisher sieben Länder, die einen bestätigten Fall der Schweinegrippe gemeldet haben. Nachweislich an der Krankheit gestorben sind laut WHO derzeit sieben Menschen, alle in Mexiko. Im gleichen Text verweist die WHO übrigens auch darauf, dass derzeit an Maßnahmen wie Reisebeschränkungen o.ä. nicht gedacht sei. Das Auswärtige Amt veröffentlicht zwar aktuell eine „Reisewarnung“ nach Mexiko, spricht aber dabei lediglich davon, dass von „nicht unbedingt erforderlichen Reisen nach Mexiko dringend abgeraten“ werde.

An Reisen kann man allerdings derzeit auch nur schwerlich denken, wenn man der Logik von „Bild“ folgt. Schließlich sind wir ja schon zuhause der drohenden Epidemie nicht richtig gewachsen:

Da hat „Bild“ sogar recht. Genau genommen gibt es sogar nicht nur zu wenig, sondern gar keinen Impfstoff, zumindest nicht gegen diesen neuartigen Virus.  Das von „Bild“ u.a. benannte „Tamiflu“ ist zwar „herkömmlich“, aber kein Impfstoff. Tamiflu wird ausschließlich zur Behandlung von bereits aufgetretenen Fällen verwendet. Und auch die Versorgung mit Mitteln wie „Tamiflu“ ist  halb so bedrohlich, wie sie von „Bild“ dargestellt wird. Lediglich 5 von 16 Bundesländer haben weniger als die geforderten Medikamente eingelagert, die ausreichen würden, um 20 Prozent der jeweiligen Bevölkerung zu behandeln. Dass in drei Ländern teils deutlich mehr als die geforderten 20 Prozent behandelt werden könnten, verschweigt man lieber, ist ja auch nicht so gruselig.

Interessant auch, wie Bild.de heute die Lage beschreibt. Da heißt es zunächst:

Auch die Lage in Deutschland ist kritisch.

Um dann mit der Beschreibung eines Falls fortzufahren, bei dem ein an dem Virus erkrankter Mann in die Universitätsklinik Regensburg eingeliefert wurde:

Christian G. (37), der Schweinegrippe-Patient aus dem Raum Regensburg ist zuerst im Krankenhaus von Mallersdorf-Pfaffenberg (Landkreis Straubing-Bogen) behandelt worden und dann am Dienstag ins Universitätsklinikum in Regensburg verlegt worden. Der Mann befindet sich in stationärer Behandlung. Er ist fieberfrei, wurde mit Tamiflu behandelt, erklärte Andreas Zapf, Präsident Landesamt für Gesundheit Bayern.

Da ist es dann schon irgendwie ein wenig widersinnig, wenn „Bild“ fordert:

Ängste, die man jeden Tag fleißig zu schüren versucht.

Mit Dank an Christopher I., Stefan B., Pascal W. und  Bernhard H.