Abgelaufener Etikettenschwindel

Der Beschluss der EU-Kommission, dass es eine Kennzeichnungspflicht für Produkte geben soll, die aus den israelischen Siedlungen in palästinensischen Gebieten stammen, beschäftigte die Medien im November. Vergangene Woche griff auch „Welt“-Autor Michael Stürmer das Thema in seiner Kolumne auf, in der er sich mit der „Weltlage“ beschäftigt:

Und dieser „bemerkenswerte Humor“, mit dem Israelis der EU-Entscheidung begegneten, sehe so aus:

Doch die Israelis müssten nicht Israelis sein, hätten sie nicht sogleich eine Antwort im Stil von Woody Allen parat: „Wir helfen Ihnen gern, Israel künftig effektiver zu boykottieren.“

Dann folgt eine lange Liste, beginnend mit Intel-Prozessoren, gefolgt vom Betriebssystem Microsoft: „Ihr Handy, iPad und Tablet besteht aus lauter israelischen Patenten und Einzelteilen.“ Alles davon sofort zu entsorgen und nie wieder zu verwenden.

Wer genau diese Woody-Allen-Antwort gegeben hat, lässt Stürmer offen. Er dürfte aber das Portal il-israel.org meinen, das der deutsche Verein „I like Israel“ betreut. Jedenfalls findet man auf der Homepage des Vereins besagte „lange Liste“, die Stürmer zitiert.

„I like Israel“ schreibt wiederum, man habe die Auflistung vom amerikanischen „Christian Science Monitor“ adaptiert. Die Journalistin Christa Case Bryant wollte dort nach eigener Aussage verdeutlichen, welche Marken Konsumenten aufgeben müssten, wenn sie strikt israelische Produkte boykottieren wollten oder Firmen, die wirtschaftliche Beziehungen mit israelischen Partnern unterhalten. Darunter: Victoria’s Secret, McDonald’s und SodaStream.

Bryants Beitrag ist allerdings keine Reaktion auf die aktuelle Diskussionen um die Kennzeichnungspflicht in der EU, sondern bezieht sich auf die 2005 gestartete Anti-Israel-Kampagne „Boycott, Divestment and Sanctions“, die Israel unter anderem wirtschaftlich unter Druck setzen will. Ihre Boykott-Liste hat Bryant im Januar 2014 veröffentlicht, also vor fast zwei Jahren.

Doch nicht nur zeitlich ist was schräg an Stürmers Kolumne, sondern auch inhaltlich. Neben dem „Betriebssystem Microsoft“, von dem Stürmer spricht, hat er auch die Fehler seiner Quelle ungeprüft übernommen:

HP-Drucker? BMW, Volvo, VW „und was sonst auf vier Rädern fährt“ — sofort zu verschrotten. „Sie ahnen nicht, wie viele Rohstoffe — Aluminium — aus Israel stammen.“ Skype? Rein israelisches Produkt.

Skype wurde von einem Schweden und einem Dänen in Luxemburg gegründet, die Software entwickelten drei Esten. Seit 2011 gehört Skype zum US-Konzern Microsoft. Wie Stürmer und „I like Israel“ darauf kommen, es sei ein „rein israelisches Produkt“, wissen wir nicht. Vielleicht haben sie es mit dem Messenger ICQ verwechselt.

Das alles hätte auch welt.de wissen und korrigieren können. Leser haben uns geschrieben, dass sie versucht hätten, die Redaktion auf die Fehler aufmerksam zu machen. Ihre Kommentare seien jedoch gelöscht worden.

Mit Dank an Florian!