Alfred Draxlers Intensiv-Kumpanei

Schon bevor DFB-Präsident Wolfgang Niersbach heute am frühen Nachmittag bei einer Pressekonferenz erklärte, es habe rund um die Fußball-WM 2006 keine schwarzen Kassen und keinen Stimmenkauf gegeben, stand für Bild.de fest:

„Nachgehakt“ hatte Alfred Draxler, „Bild“-Kolumnist und Chefredakteur der „Sport Bild“. Und er teilte — wie später auch Niersbach — mit, dass rund um die Fußball-WM 2006 keine schwarzen Kassen und keinen Stimmenkauf gegeben habe.

Sowieso wirkte alles perfekt konzertiert: Um 12:32 Uhr veröffentlicht Bild.de Draxlers Artikel. Eine knappe halbe Stunde später setzt sich Wolfgang Niersbach auf seinen Platz bei der PK in Frankfurt. Er erzählt eine Geschichte, die so klingt, als hätte er sich Draxlers Text noch schnell ausgedruckt, dreimal durchgelesen und würde sie nun in eigenen Worten wiedergeben.

In Kurzform geht Draxlers (und Niersbachs) Begründung für die vom „Spiegel“ aufgedeckte 6,7-Millionen-Euro-Überweisung des DFB an die FIFA so: Der damalige Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus sei 2002 für das deutsche WM-Organisationskomitee mit umgerechnet 6,7 Millionen Euro eingesprungen. Die seien als eine Vorauszahlung an die FIFA nötig gewesen, um später „Organisationsunterstützung in Höhe von 250 Millionen Franken“ zu bekommen. Das OK habe damals nicht zahlen können, daher die nötige Hilfe durch Louis-Dreyfus. Der habe sein Geld 2004 wiederhaben wollen, woraufhin das OK die Summe 2005 an die FIFA geschickt, und diese die 6,7 Millionen Euro dann an Louis-Dreyfus weitergeleitet habe.

Um so etwas herauszufinden, reicht natürlich keine normale Recherche. Draxler:

Darum habe ich in den vergangenen Tagen eine Intensiv-Recherche angestellt

Dabei sei ihm zugutegekommen …

dass ich handelnde Personen wie Franz Beckenbauer, Wolfgang Niersbach, Günter Netzer, Fedor Radmann seit Jahren gut kenne, teilweise sogar sehr gut kenne. Sie haben lange und intensiv mit mir gesprochen.

Das ist für Draxler also eine „Intensiv-Recherche“: „lange und intensiv“ mit guten und sehr guten Freunden sprechen; und dann aufschreiben, was die einem erzählt haben. Zum Beispiel dass an den Vorwürfen gegen sie nichts dran ist.

Dass die persönliche Nähe zu seinen Berichterstattungsobjekten als problematisch eingestuft werden könnte, scheint Draxler klar zu sein. Über ein Treffen mit Franz Beckenbauer schreibt er beispielsweise:

Bei der WM 2006, um die es hier geht, bin ich mit Beckenbauer im Hubschrauber zu einem Spiel geflogen. Ich sage dies, weil es teilweise bekannt ist, weil es Fotos gibt

Heißt im Umkehrschluss: Gäbe es diese Fotos nicht, und wäre der Hubschrauberflug nicht bekannt, würde Draxler ihn nicht erwähnen? Jedenfalls bleibt er dabei: „‚Vetternwirtschaft‘ oder Beeinflussung“ habe er „bei dieser Recherche trotzdem komplett ausgeschlossen“.

Mit dieser Unvoreingenommenheit sei er zu einem klaren Ergebnis gekommen:

Die alles entscheidende Frage aber ist, ob das Sommermärchen 2006 gekauft war. Nach meinen Recherchen war es das nicht! Und es gab auch keine „schwarzen Kassen“.

Danach kommt: nichts. Kein Beleg, kein Beweis. Alfred Draxler postuliert. Er beruft sich einzig auf Aussagen der Beschuldigten und Involvierten. Das ist das Draxler-Prinzip: Wenn Beckenbauer und Niersbach ihm sagen, die Anschuldigungen, die sich gegen sie richten, „seien a Kaas“, dann ist an ihnen auch nichts dran. Alfred Draxler, den an der „Spiegel“-Geschichte vor allem stört, dass dort einfach so Behauptungen aufgestellt würden, stellt einfach so Behauptungen auf.

„Bild“-Chef und „Sport Bild“-Herausgeber Kai Diekmann: begeistert.

Und selbst „Die Zeit“ auch „Bild am Sonntag“-Chefin Marion Horn, die den Twitter-Account der „Zeit“ für eine Woche übernommen hat, springt Draxler zur Seite:

Der Zuspruch der „Bild“-Chef-Kollegen könnte Alfred Draxler vielleicht etwas beruhigen. Denn er weiß, wie heikel die ganze Geschichte ist:

ICH BIN MIR BEWUSST, DASS ICH MIT DIESEM ARTIKEL MEINE REPUTATION ALS JOURNALIST UND REPORTER AUFS SPIEL SETZE.

Doch, doch, das hat er tatsächlich so geschrieben.

Inzwischen ist bekannt, dass die FIFA und auch ihr derzeit suspendierter Präsident Sepp Blatter Wolfgang Niersbachs Darstellung widersprechen — bei Bild.de eine „Breaking News“:

Dass damit automatisch auch die identische Argumentation ihres Kollegen Alfred Draxler ins Wanken gerät, war der Redaktion keine Erwähnung wert.