Bild, dpa  

Die Phantom-Oma von Heilbronn

Die folgende kleine Geschichte hat eigentlich zwei Aspekte. Fangen wir mit dem etwas längeren an. Es geht um  jenes Phantom von Heilbronn, das jahrelang die deutsche Polizei und natürlich auch die Medien beschäftigte. Tausende Stunden arbeitete man sich an der überaus merkwürdigen Spurenlage ab, das ZDF sendete eine 45-Minuten-Doku (die übrigens angesichts der damaligen Erkenntnisse ziemlich gut war), die „Süddeutsche Zeitung“ widmete der Suche nach der mysteriösen Dame eine Seite 3 (die ebenfalls gut war). Alles vergebens, wie man inzwischen weiß: Das Phantom von Heilbronn hat nie existiert, stattdessen waren verunreinigte Wattestäbchen die Ursache für die immer wieder auftauchende DNA-Spur.

Mittlerweile weiß man auch, wer die vermeintliche Superverbrecherin war — denn „Bild“ hat „aus Polizeikreisen“ erfahren, dass die DNA einer inzwischen 71-jährigen Frau aus Polen zuzuordnen ist, die vor Jahren bei der Hersteller-Firma der Wattestäbchen als Packerin gearbeitet hat.

Gen-Spur stammt von Polen-Oma (71)

Die dpa nahm die Recherchearbeit der „Bild“ gerne an — und verbreitete unter Berufung auf die Zeitung, die 71-jährige Packerin aus Polen sei das vermeintliche „Phantom“. Nachgedruckt wurde die Meldung unzählige Male.

Ganz offensichtlich reicht es den Kollegen der dpa völlig aus, wenn „Bild“ eine Geschichte bringt, um auf weitere Recherchen zu verzichten. Als stern.de schon Ende März berichtete, die DNA-Spur führe zu einer 71-jährigen Frau, berichtete niemand darüber („Bild“ natürlich auch nicht).

Und schließlich kommen wir noch zum zweiten Aspekt der Geschichte — nämlich dem, dass sie zumindest nach Angaben der zuständigen Sonderkommission gar nicht stimmt:

Die Gen-Spuren an den bei der Fahndung nach der vermeintlichen „Phantomkillerin“ verwendeten Wattestäbchen können keiner bestimmten Person zugeordnet werden. Das sagte der Leiter der Sonderkommission, Frank Huber, SWR4 Baden-Württemberg. Die Proben seien aus Personenschutzgründen anonym durchgeführt worden, so Huber. Es war berichtet worden, dass eine aus Polen stammende 71-jährige ehemalige Packerin der Herstellerfirma die Wattestäbchen verunreinigt haben soll.

Das meldete der SWR heute  in seinem Regionalstudio Heilbronn — und sonst: eigentlich niemand.

Mit Dank an Edelbert F.