Ein erbärmliches Leben

In der heutigen „Bild am Sonntag“ fehlt ein Satz. Er lautet: „Andreas Türck, bitte tun Sie uns alle einen Gefallen und beenden ihre traurige Existenz.“

Dieser Satz steht nicht da. „Bild am Sonntag“-Autor Stefan Hauck hat ihn nicht hingeschrieben. Aber wenn man seinen langen Text über den Fernsehmoderator Türck liest, könnte man auf den Gedanken kommen, dass dieser Satz nur zufällig fehlt.

Das Urteil im Vergewaltigungs- Prozess gegen Andreas Türck soll erst am 8. September fallen. „Bild am Sonntag“ richtet schon heute über ihn. Türcks 36 Jahre nennt Stefan Hauck ein „erbärmliches Leben“: Türck sei ein Mensch mit sehr wenig Talent. Die „Summe seiner Begabungen“ reichte nicht aus, es zu mehr zu bringen, als zu einer kurzen, schäbigen Fernsehkarriere. Bald wäre er höchstens im „Dschungelcamp“ noch aufgetaucht, und Leute wie Hauck, der seit Jahren die Großen und Wichtigen für „Bild am Sonntag“ interviewt, hätten sich nicht mehr mit ihm auseinandersetzen müssen.

Doch dann kam die Anklage wegen Vergewaltigung und brachte Türck noch einmal in die Schlagzeilen. Allerdings ist es im Moment alles andere als sicher, dass Türck schuldig gesprochen wird. „Zweifel an Türcks Schuld mehren sich“, schrieb die „F.A.Z.“ am Freitag. Auch die „Bild am Sonntag“ scheint mit einem Freispruch zu rechnen. Nur ändert das für sie nichts an der Schuld Türcks, in einem ganz anderen als dem juristischen Sinne:

Nun ist es aber so, daß Andreas Türck auf seinem Rückweg in die vorhersehbare Bedeutungslosigkeit dann doch etwas Unvorhersehbares tat. Und deshalb sitzt er nicht im „Dschungelcamp“, sondern als Angeklagter auf einem blauen Polsterstuhl im Saal 165 C des Frankfurter Landgerichts.

Auch deshalb muß man kein Mitleid empfinden.

Es gibt zwei Möglichkeiten, diese Sätze zu deuten. Entweder will „Bild am Sonntag“-Autor Hauck sagen, dass er sicher ist, dass Türck die Frau vergewaltigt hat, ganz egal, ob man ihm das nachweisen kann und er von einem Gericht verurteilt wird. Für diese Möglichkeit spricht Haucks Formulierung, dass Türck „etwas Unvorhersehbares tat“. Im Klartext hieße dies: „Andreas Türck ist ein Vergewaltiger“. Oder „Bild am Sonntag“-Autor Hauck will sagen, dass Türck ein so verkommener Mensch ist, dass er es verdient hat, für einen Vergewaltiger gehalten zu werden, selbst wenn er keiner ist. Für diese Möglichkeit spricht Haucks Formulierung, dass man kein Mitleid mit ihm empfinden müsse. Im Klartext hieße dies: „Andreas Türck ist so schlimm wie ein Vergewaltiger.“

Was wirft die „Bild am Sonntag“ Andreas Türck vor, außer dass seine Karriere größer und länger gewesen sei, als ihm nach der „Summe seiner Begabungen“ zustand? Dass er sich angeblich gerne in Lokalen „im Halbschatten der Gesellschaft“ aufhielt, weil es „wenigstens hier Menschen gab, die ihn für eine große Nummer beim Fernsehen hielten“. Dass er angeblich Mädchen imponierte, „die Kaufhausmode tragen und ganz ernsthaft ‚Party machen‘ sagen, wenn man sie fragt, was sie sich als ihre Zukunft vorstellen“. Und dass er, der Untalentierte, ernsthaft geglaubt hat, „sein Ticket in die Fernsehwelt wäre eine Dauerkarte“.

Im Grunde sagt Stefan Hauck zu Andreas Türck, dass er — ganz egal, ob er im September freigesprochen wird oder nicht — es nicht verdient hat, jemals wieder auf die Beine zu kommen. Oder „ins Licht“, wie Hauck es nennt. Dass ihm dieser Platz in der Öffentlichkeit nicht zusteht — nicht einmal als (möglicherweise zu unrecht) Angeklagter. Haucks Artikel ist eine einzige wütende Anklage: Wie kann Andreas Türck es wagen, ihn, den „BamS-Autor“, noch einmal mit seiner erbärmlichen Existenz zu behelligen?