Sexsüchtig II

In Deutschland finden regelmäßig sogenannte „Gang-Bang-Partys“ statt, auf denen einzelne Frauen mit vielen Männern Geschlechtsverkehr haben. Oft werden diese Ereignisse gefilmt oder fotografiert und als Pornos kommerziell verwertet. Bordelle werben mit besonders extremen Veranstaltungen solcher Art für sich. Für sie ist es ein Geschäft wie jedes andere.

Warum die „Bild“-Zeitung in dieser Woche über eine solche Aktion in großer Aufmachung und in einer Form berichtete, die das beteiligte Bordell und die veranstaltende Szene als Werbung für sich verstehen, konnten und können wir nicht beantworten. Immer deutlicher wird aber, dass die „Bild“-Artikel eine Reihe von Ungereimtheiten enthalten. „Bild“ erzählt die Geschichte als spontane Wette zweier Freundinnen. In ihrer vorgeblichen Empörung („Deutschlands perverseste Wette“) verharmlost die Zeitung dadurch den Charakter der Ereignisse.

„Was ist das nur für ein Mädchen, das mit 64 Männern schläft“, fragt „Bild“ und vergisst ein paar Details. Zum Beispiel jenes, dass Nathalie (in der Szene auch als „Nathi“ bekannt) häufiger zu ähnlichen Parties einlädt, bei denen man für 100 Euro das Recht bekommt, mit ihr Geschlechtsverkehr zu haben. Oder jenes, dass Nathalie auch auf der Seite des Bordells, in dem die angebliche „Sex-Wette“ ausgetragen wurde, ihre Dienste anbietet. Alles spricht dafür, dass Nathalie dieses Geschäft quasi-professionell betreibt und in Zukunft von der Aufmerksamkeit, die „Bild“ ihr beschert, erheblich profitieren dürfte. Diesen Werbeeffekt allein kann man „Bild“ vielleicht nicht vorwerfen, weil er ein möglicher Nebeneffekt jeder journalistischen Arbeit ist. Vorwerfen muss man der „Bild“-Zeitung aber, dass sie den kommerziellen und quasi-professionellen Hintergrund der „Orgie“ komplett verschweigt. Stattdessen druckt das Blatt ein Foto von Nathalie „mit ihren Kuscheltieren“ und den Satz: „Ein bißchen nachdenklich ist sie schon geworden. Aber die Sexaktion bereut sie nicht“.

„Bild“ behauptet, die beiden Frauen hätten 150 Euro gezahlt für die Miete der Zimmer im Bordell. Ein Mitarbeiter erzählt aber, dass sie „natürlich“ nichts dafür zahlen mussten (mal abgesehen davon, dass der in „Bild“ angegebene Zimmerpreis nicht stimme). Vieles deutet darauf hin, dass das Bordell auch die Kosten für die Sexpartner, die jeweils 50 Euro für ihre Teilnahme erhielten, übernommen hat. Zudem hatte das Bordell die Werbung im Vorfeld und die Organisation der Veranstaltung übernommen. „Bild“ behauptet auch, Nathalie gehe aufs „Brüggemann-Berufskolleg“ in Dortmund. Ein solches Kolleg gibt es nicht, möglicherweise meint „Bild“ ein Kolleg im „Brügmann-Block“. (Eine Anfrage dazu von uns an „Bild“ blieb unbeantwortet.)

Und dann ist da noch die Sache mit der Zahl der Geschlechtspartner. Ein Leser, der sich über die unterschiedlichen Angaben in „Bild“ und auf Bild.de gewundert hat, schrieb deshalb an „Bild“ und erhielt vom „Leserservice“ folgende Antwort:

Es handelt sich durchaus nicht um einen Fehler! Während die Ausgabe mit der Angabe „64“ bereits gedruckt und ausgeliefert war, hatten wir neue Informationen erhalten und die Zahl entsprechend reagiert [sic]. Womit wir eindrucksvoll bewiésen haben, wie aktuell BILD ist!

Bei dieser Antwort handelt es sich durchaus um einen Fehler! Tatsächlich war die Ausgabe mit der Angabe „100“ die erste, die gedruckt wurde. Erst später korrigierte „Bild“ die Zahl nach unten. Wenn man sich die Flyer ansieht, mit denen das Bordell für das „fucking race“ wirbt, ahnt man, was wirklich dahinterstecken könnte: Der „Wettbewerb“ sollte bis 24 Uhr laufen. Die Vermutung liegt nahe, dass „Bild“ einfach schon einmal, als die Veranstaltung noch gar nicht beendet war, irgendeine Zahl hingeschrieben hat.

Übrigens: Wie gut die Berichterstattung in „Bild“ als kommerzielle Werbung für die „Gang-Bang-Szene“ funktioniert, obwohl „Bild“ den Namen des Bordells nicht nennt, sieht man auf den „News“-Seiten des künftigen Schwestersenders Sat.1. Dort wird die „Bild“-Geschichte übernommen und mit den nötigen Links zu den Veranstaltern ergänzt.

Danke an alle Hinweisgeber!