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Von Opfern schmutziger Gerichtsspektakel

Erinnern Sie sich an Andreas Türck?

Als die Staatsanwaltschaft vor dreieinhalb Jahren am Ende des Vergewaltigungs-Prozesses gegen den ehemaligen Fernsehmoderator Freispruch beantragte, kommentierte „Bild“, dass dieser Fall nie vor Gericht hätte landen dürfen. Der Moderator sei Opfer einer Justiz geworden, „die diesen Prozeß zuließ und vier Wochen lang ein schmutziges Gerichtsspektakel inszenierte“.

Dass Türck auch Opfer der Medien wurde und insbesondere einer großen deutschen Boulevardzeitung, kam „Bild“ nicht in den Sinn. Über Wochen hatte die Zeitung genüsslich intimste Details ausgebreitet, ihn verurteilt und u.a. getitelt: „So hat Türck mich vergewaltigt“. In der „Bild am Sonntag“ hatte ein Redakteur namens Stefan Hauck das Leben Türcks ein „erbärmliches Leben“ genannt und erklärt, man müsse „kein Mitleid“ mit ihm haben. Die Überschrift: „Hier steht Andreas Türck ein letztes Mal im Licht“.

Noch nachdem Türck freigesprochen wurde, behauptete „Bild“, es handele sich nicht um einen „Freispruch erster Klasse“, weil die Tat bloß nicht mit Sicherheit hätte bewiesen werden können, zählte auf, wie viel „Schmutz“ an ihm hängen bleibe und fragte süffisant: „Der schöne Andreas ist 1,93 Meter groß, sportlich, schlank, lächelt gern — aber für was soll er jetzt sein Gesicht ins Fernsehen halten?“ Später landete Türck wegen seines Prozesses in einer „Bild“-Kolumne mit der Überschrift „Peinliche Promis“.

Der Ruf eines unschuldigen Mannes war ruiniert. Daran, dass Andreas Türck in diesem Sinne zum Opfer wurde, hatte sicher die Justiz ihren Anteil. Aber am wirkungsvollsten war die „Bild“-Zeitung mit ihren riesigen, vernichtenden Schlagzeilen.

Die Zeitung hat, nicht nur in diesem Fall, jede Verantwortung für die Folgen ihrer Berichterstattung abgelehnt. Schon deshalb hat sie aus dem Fall Türck nichts gelernt. Es gab da für „Bild“ nichts zu lernen.

Wie das Verfahren gegen die Sängerin ausgehen wird, die zur Zeit in Untersuchungshaft sitzt, weil ihr vorgeworfen wird, im Wissen um ihre HIV-Infektion ungeschützten Geschlechtsverkehr gehabt zu haben, ist offen. Natürlich kann es sein, dass es — anders als der Prozess gegen Andreas Türck — mit einem Schuldspruch endet und die Frau für viele Jahre ins Gefängnis muss. Aber bislang ist gegen sie noch nicht einmal Anklage erhoben worden, und ihr Ruf ist schon vollends ruiniert.

Spätestens im Nachhinein wird man fragen müssen, in welchem Maß die Sängerin selbst oder die Justiz dafür verantwortlich ist. In welchem Maß „Bild“ dafür verantwortlich ist, wird man „Bild“ nicht fragen müssen. Schlimmstenfalls kann sich das Blatt ja darüber empören, dass die Justiz so ein „schmutziges Gerichtsspektakel“ zuließ und eine Frau zum Opfer machte.