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Kann man dem überhaupt trauen? Der ist doch Grieche!

Panagiotis Kolokythas schreibt seit 15 Jahren als Redakteur über die IT-Branche. Sein griechischer Name war dabei nie ein Problem, warum auch. Inzwischen ist er es aber schon. Vor allem dank der „Bild“-Zeitung.

BILDblog: Herr Kolokythas, in einem Facebook-Post haben Sie gestern geschrieben, dass die Reaktionen auf Ihre Artikel seit einer Weile anders aussehen als früher. Was hat sich geändert?

Panagiotis Kolokythas: Ich arbeite hauptsächlich für pcwelt.de und habe gemerkt, dass bei Facebook und Youtube in den Kommentaren zu meinen Beiträgen immer öfter Sätze auftauchen wie: „Kann man diesem Griechen überhaupt glauben?“ Oder: „Stimmt das? Hat schließlich ein Grieche geschrieben!“ Am Anfang habe ich das mehr oder weniger ignoriert, weil ich dachte, es gibt ja immer Spinner, und man kann es nicht allen recht machen, aber in letzter Zeit hat sich das doch sehr gehäuft. Und als gestern bei Facebook und Youtube wieder solche Sprüche kamen, musste ich mal ein bisschen Frust loswerden.

Ihre journalistischen Fähigkeiten werden also infrage gestellt, weil Sie einen griechisch klingenden Namen haben.

Ja. Komplett ohne Argumente. Einfach nur in einem Satz: „Kann man diesem Griechen vertrauen?“ Manchmal schreiben sie auch mehr Schmarrn, zum Beispiel bekam ich zum Geburtstag eine Mail, in der stand: „Alles Gute diesem Griechen, der sein Studium abgebrochen hat …“ und so weiter halt. Da frage ich mich: Wie kommt jemand auf die Idee, sich die Zeit zu nehmen, mir so eine Mail zu schreiben?

Kommen Sie überhaupt aus Griechenland?

Nein, aus dem Sauerland.

Und Sie schreiben auch keine Artikel über Griechenland, sondern …

… über Software und aktuelle IT-Entwicklungen. Ich bin bei uns der Windows-Experte. Mit Griechenland hat das überhaupt nichts zu tun.

Seit wann häufen sich denn diese Kommentare?

Das begann, als Syriza die Wahl gewann. Als die breite öffentliche Diskussion wieder losging.

… und die Anti-Griechen-Kampagne der „Bild“-Zeitung. Die machen Sie auch verantwortlich dafür, dass einige Leser so auf Ihren Namen reagieren.

Ja, weil das Bild von Griechenland, das diese Leute offenbar im Kopf haben, genau das ist, was die „Bild“-Zeitung vermittelt. Allein schon die Begriffe, die solche Kommentatoren benutzen, „gierige Griechen“ zum Beispiel, sind exakt die, die ich aus den „Bild“-Schlagzeilen kenne. Aber dieses Bild ist völlig falsch. Nur ein Beispiel aus meiner Familie: Meine Schwester muss seit drei, vier Jahren länger arbeiten, bekommt aber 40 Prozent weniger Gehalt. Und ich sehe ja auch, wie sich die Straßenzüge verändert haben, ich bin jedes Jahr dort. Die vielen armen Menschen, die Suppenküchen, da kann von Gier nun wirklich keine Rede sein.

Was bekommen Ihre Verwandten in Griechenland eigentlich von der deutschen Berichterstattung mit?

Die „Bild“-Berichterstattung. Oft werden die Schlagzeilen in griechischen Zeitungen abgedruckt, also meistens die „Bild“-Titelseite mit der griechischen Übersetzung. Deswegen denken viele, dass nicht nur „Bild“, sondern alle deutschen Medien so über das Thema schreiben. Ich glaube, dadurch kommt auch dieser Unmut zustande gegenüber Deutschland und der deutschen Presse, und dann kontern griechische Zeitungen mit eigenen Titelseiten …

… die dann wieder in der „Bild“-Zeitung landen und für Unmut gegenüber Griechen sorgen. Oder sagen wir: gegenüber Menschen, die griechisch klingende Namen haben. In Ihrem Post erwähnen Sie noch die eventuelle Notwendigkeit, unter Pseudonym zu schreiben.

Ich hoffe nicht, dass es so schlimm wird. Aber wenn ich mal einen Artikel schreiben sollte, der irgendwas mit Griechenland zu tun hat, würde ich mir schon überlegen, das unter Pseudonym zu tun. Einfach um keine Angriffsfläche zu bieten, bloß aufgrund meines Namens. Damit sich die Leute auf das Wesentliche konzentrieren: den Inhalt meiner Artikel.