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Die antirussische Ente vom verbotenen Oktoberfest

Diese bekloppten Russen mal wieder!

Es hätte so schön sein können: Oktoberfest in Moskau. Aber nein, die Verwaltung der russischen Hauptstadt verwehrt einheimischen Bierfans die große Sause und verbietet die Gaudi einfach.

So schrieb es die „taz“ vor zwei Wochen. Aber das war noch lange nicht die ganze Geschichte. Bei der dpa (die die Story in Deutschland verbreitete) war nämlich zu lesen:

Moskauer Stadtverwaltung nennt Oktoberfest „antirussisch“

Moskau (dpa) – Die Verwaltung der russischen Hauptstadt Moskau hat einer ausschweifenden Bierparty nach dem Vorbild des Oktoberfestes in München eine Absage erteilt. Eine solche Veranstaltung mit großen Zelten, Trachtenkleidung und Gerstensaft vom Fass sei «antirussisch», sagte Behördensprecher Alexej Nemerjuk der Agentur Interfax.

Was in etwa so ausgesehen haben dürfte:

Gut, ob Nemerjuk auch eine Augenklappe trägt, ist nicht überliefert, aber bei diesen Irren weiß man ja nie.

Jedenfalls schreibt die dpa weiter:

„Für die Deutschen ist das Oktoberfest eine historische Realität, aber in Russland gibt es eine solche Tradition nicht.“ Nemerjuks Aussagen stehen im Widerspruch zum allgemeinen Trend in Russland. Bier wird in der Heimat des Wodkas seit Jahren immer beliebter. Der Gesundheitsbehörde zufolge stieg der jährliche Pro-Kopf-Konsum seit dem Jahr 2000 von 36 Liter auf mehr als 70 Liter.

Auch das noch. Das Volk will Bier, aber Moskau verwehrt es ihm. Russenpolitik. Typisch.

Ein klassischer Russland-Aufreger also mal wieder, und weil die Geschichte von der dpa kam, deren Meldungen von vielen Medien direkt übernommen werden, landete sie unter anderem in den Newstickern von Bild.de, „Focus Online“, FAZ.net, „Zeit Online“, Stern.de, N24, News.de, „Shortnews“, T-Online, auf den Seiten der „Siegener Zeitung“, des „Handelsblatts“, der „Schweriner Volkszeitung“, des „Kölner Stadt-Anzeigers“, der „Mittelbayerischen“, der „Kölnischen Rundschau“, der „Emder Zeitung“, des „Trierischen Volksfreunds“, der „Mitteldeutschen Zeitung“, der „Augsburger Allgemeinen“, der „Stuttgarter Nachrichten“, der „Berliner Morgenpost“, der „Welt“, der „Passauer Neuen Presse“, der „Westdeutschen Zeitung“, der „Abendzeitung“, der „Süddeutschen Zeitung“, der „Frankfurter Neuen Presse“, des „Berliner Kuriers“, der „Neuen Osnabrücker Zeitung“, der „Freien Presse“, der „Dattelner Morgenpost“, der „Frankfurter Rundschau“, der „Lübecker Nachrichten“, der „Stuttgarter Zeitung“, der „Ruhr Nachrichten“, der „Saarbrücker Zeitung“, des „Express“, der „Südwestpresse“, des „Greenpeace Magazins“, der „Münsterlandzeitung“, des „Merkur“, der „Hessisch/Niedersächsischen Allgemeinen“, des „Nordkuriers“, des „General Anzeigers“, des „Berchtesgadener Anzeigers“, der „Neuen Presse“, der „Schwäbischen“, der „Berliner Zeitung“ und vielen mehr:




Die Geschichte wurde auch gedruckt, unter anderem in der „Süddeutschen“, der „Berliner Morgenpost“ und der „Welt“ (Ausriss):

Und nun der große Haken.

Schaut man sich (mit entsprechenden Russischkenntnissen) die Originalmeldung der Agentur Interfax an, wird klar: Das Wort „antirussisch“ kommt dort überhaupt nicht vor. Auch sonst liest sich die Originalmeldung viel harm- und belangloser als das, was die dpa daraus gemacht hat.

Übersetzt lautet die Interfax-Meldung:

In Moskau ist eine Veranstaltung im Sinne des Oktoberfestes nicht geplant, teilte der Leiter der Moskauer Abteilung für Handel und Dienstleistungen, Alexei Nemerjuk, am Mittwoch mit.

„Sicher ist: Es gibt keine Pläne für ein Bierfestival“, betonte Nemerjuk. Das Oktoberfest sei eine „historische Gegebenheit“ für die Deutschen. In Russland gebe es solch eine Tradition nicht. „Es gab keine Anfrage von Seiten der Eventplaner Bierhersteller [korrigiert am 30.5.], und eine Tradition gibt es auch nicht“, so der Beamte.

Laut seiner Aussage startet im Sommer jedoch das Festival „Moskauer Konfitüre“, das bereits vergangenes Jahr durchgeführt wurde. Im Herbst erwarte die Bevölkerung das Festival „Goldener Herbst“ und Ende des Jahres die traditionelle Veranstaltung „die Reise zum Christfest“.

Von Verboten ist da keine Rede, von „antirussisch“ erst recht nicht. Der Beamte sagt bloß, dass kein Oktoberfest geplant sei und es für ein solches Fest keine Tradition in Russland gebe.

Wir haben sicherheitshalber auch noch bei Interfax nachgefragt. Hätte ja sein können, dass es eine weitere Meldung gab, in der tatsächlich das Wort „antirussisch“ auftaucht. Aber: Fehlanzeige.

Kurzum: „Antirussisch“ ist an dieser Geschichte allein die Tatsache, dass deutsche Journalisten einem Moskauer Beamten Worte in den Mund legen, die die russische Politik schlecht(er) dastehen lassen, die er in Wahrheit aber nie gesagt hat.

Selbst wenn es keine böse Absicht war, sondern nur die Schludrigkeit des übersetzenden Journalisten — bei Lesern, die die Originalmeldung gelesen haben, kommt es so an, als wollten die deutschen Medien Russland bewusst schaden:

Und man kann ihnen diese Interpretation (zumindest in diesem Fall) nicht mal übelnehmen.

So untergraben die Medien ihre eigene Glaubwürdigkeit und stellen sich — sei es nun mit Absicht oder aus schierer Doofheit — selbst in die russlandfeindliche Ecke. Und das Traurigste ist: Sie merken es nicht mal. Oder sie wollen es nicht merken. Der Leser-Kommentar (Screenshot) ist inzwischen über zwei Wochen alt, seither haben auch einige andere Leser auf den Fehler hingewiesen. Trotzdem steht die Quatschgeschichte bei allen Medien, die wir oben aufgelistet haben, auch heute noch unverändert online.

Mit Dank an Ben, Katha K. und Mascha B.!