Nichts dagegen tun

In jeder Stadt und in jeder kleinen Gemeinde gibt es Menschen, die man nicht so sympathisch, vielleicht auch etwas merkwürdig findet und neben denen man deshalb nicht wohnen möchte. Manchmal kann man sich das allerdings nicht aussuchen.

Dann ruft man einfach die „Bild“-Zeitung an. Und die schreibt daraufhin:

Horror-Nachbarn - ...und wir können nichts dagegen tun

So stand’s am 14. Mai in der Ausgabe Mainz/Wiesbaden. Außerdem wusste „Bild“:

„Sie sind wie Heuschrecken, die von Ort zu Ort ziehen und Verwüstung hinterlassen: Deutschlands Horror-Mieter. Eine dieser Familien lebt jetzt in Westhofen.“

Ein Nachbar erklärte „Bild“:

„Die übergeben sich aus dem Fenster, lassen ihre Hunde wild in den Garten, verwüsten hier alles.“

Und „Bild“-Autorin Pilar May hat nicht nur recherchiert, dass die „Müll-Mieter“ die Mietwohnung ihres letzten Wohnorts in Trümmern hinterlassen haben, sondern auch, dass die Familie eine „240-Quadratmeter-Edel-Wohnung“ nun „auf Kosten der Gemeinde“ bewohnt und zitiert Heiner Michel, Pressesprecher der Kreisverwaltung Alzey, der „zugibt“:

„Ja, die Familie bekommt von uns Arbeitslosengeld II, davon wird auch die Miete bezahlt.“

Darüber hat sich Michel ziemlich geärgert. Zum einen, weil natürlich nicht die Kreisverwaltung die Wohnung bezahlt, sondern die Agentur für Arbeit, wie er es der „Bild“-Reporterin gesagt hat, und zweitens, weil „Bild“ nicht erwähnt, dass die Wohnung laut Auskunft der Agentur für Arbeit für neun Personen angemessen teuer ist und deshalb den ALG-II-Vorschriften entsprechend bezahlt wird.

Forscht man ein bisschen weiter nach, erfährt man, dass die Großfamilie mit ihrem kleinen Zoo in Westhofen zwar nicht allzu beliebt ist, sich aber in ihrer neuen Wohnung bisher nichts zu schulden kommen ließ.

Das Veterinäramt, das laut „Bild“ in der vergangenen Woche „endlich einschreiten“ wollte, ist eingeschritten – und konnte keinen Verstoß gegen eine artgerechte Haltung der Haustiere feststellen. Den Hunden gehe es gut, versichert Michel.

Dem Ordnungsamt der Verbandsgemeinde Westhofen liegen keine konkreten Beschwerden vor, sagt Leiter Lothar Renz. Nicht über Leute, die sich aus dem Fenster übergeben und ebenso wenig über Wohnungen, die in Trümmer gelegt wurden. Auch für das Jugendamt gab es bisher keinen Anlass, aktiv zu werden.

Die „Bild“-Berichterstattung scheint dennoch gewirkt zu haben: Seit der Beitrag erschienen ist, haben sich die Nachbarn, die sich schon vorher nicht leiden konnten, offenbar gar nichts mehr zu sagen. Stattdessen müssen die in „Bild“ abgebildeten Wohnungsbesitzer nun wenig freundliche Kommentare der ungeliebten Nachbarn über sich ergehen lassen. Ein Sat.1-Team war auch schon in Westhofen. Manch einer spricht schon von einer „Hexenjagd“.

Bislang kam es zu keiner Auseinandersetzung, die so heftig war, dass die Polizei einschreiten musste. Hoffentlich bleibt das so.