Was macht eigentlich die „Bild-APO“?

Die Ansage war ziemlich eindeutig:


Das neu gewählte Parlament, schrieb Kai Diekmann in jener Ausgabe vor etwa einem halben Jahr, sei

zu schwach. Seine Opposition zu klein. Und zu links. Das ist nicht gut für Deutschland! […]

Deshalb geht BILD in die Opposition. Und wird Außerparlamentarische Opposition. APO!

Diekmann versprach:

BILD wird der neuen Regierung bei jeder Gelegenheit auf die Finger hauen! Hart. Schmerzvoll. Und ohne Gnade. Für Deutschland. Für seine Bürger.

(BILDblog berichtete.)

Die Arbeit der „Bild-APO“ bestand daraufhin größtenteils darin, anzukündigen, was die „Bild-APO“ in Zukunft so alles machen werde. Nämlich:

Ab heute haut BILD der Regierung munter auf die Finger

(17.12.2013, Seite 1)

Deshalb haut BILD der Großen Koalition von heute an ordentlich auf die Finger!

(17.12.2013, Seite 1)

Warum BILD der GroKo auf die Finger (sc)haut

(17.12.2013, Seite 4)

Deshalb macht BILD sich als Außerparlamentarische Opposition auf den langen Marsch durch mindestens vier Jahre GroKo.

VERSPROCHEN!

(17.12.2013, Seite 4)

BILD (sc)haut der Großen Koalition genau auf die Finger, wird z. B. Sogenannte „kleine Anfragen“ und „große Anfragen“ stellen – um Tricksereien, Steuergeld-Verschwendungen etc. aufzudecken! […] BILD schlägt Alarm, will von der Regierung wissen: Was hat der Stillstand bisher gekostet, wie hoch sind die monatlichen Ausgaben für Abgeordnetendiäten, Verwaltung, Büros etc.?

Die Antworten der Regierung – demnächst in BILD …

(18.12.2013)

BILD schaut der Großen Koalition genau auf die Finger, deckt Tricksereien, Steuergeld-Verschwendung etc. auf – und schlägt Alarm!

(19.12.2013)

Das Versprechen: Wir schauen der Regierung auf die Finger – und hauen notfalls kräftig drauf.

(30.12.2013)

Wir von BILD haben es uns auf die Fahne geschrieben: Wir werden der Großen Koalition auf die Finger gucken und kräftig draufhauen, wenn etwas schiefläuft. Als BILD-APO gegen die GroKo!

(30.12.2013)

Die BILD-APO (Außerparlamentarische Opposition) nimmt die Sorgen der Bevölkerung ernst […].

(9.1.2014)

Das Versprechen: Wir schauen der Regierung ganz genau auf die Finger – und hauen notfalls kräftig drauf.

(9.1.2014)

Die erste Haudrauf-Aktion inszenierte „Bild“ am 30. Dezember vergangenen Jahres:


„Bild“ überreichte die Anfrage noch am selben Tag persönlich:

Dass die Linke der Regierung ganz ähnliche Fragen schon einen Monat zuvor gestellt hatte, erwähnte das Blatt natürlich lieber nicht und präsentierte stattdessen ein paar Tage später stolz und unbeirrt — „Die Antwort“:

… mit zum Teil verblüffenden Erkenntnissen:

Im Klartext: Nichts Genaues weiß auch die Regierung nicht.

Äh, ja.

Jedenfalls:

Die BILD-APO bleibt weiter dran …

Und so folgte vier Tage später gleich die nächste „Große Anfrage“:

Das Übergabe-Fotoshooting musste diesmal allerdings ausfallen — denn am nächsten Tag hieß es plötzlich:

Statt Anfragen der BILD-APO wie erfolgt persönlich entgegenzunehmen, sollen sie künftig wie gewöhnliche Presseanfragen behandelt werden […].

Bereits am vergangenen Donnerstag hatte die stellvertretende Sprecherin der Bundesregierung, Christiane Wirtz (43), vor der BILD-APO gewarnt, erfuhr BILD aus Koalitionskreisen! […] Die Kollegen sollten „sich nicht vor den Karren der BILD-Zeitung spannen lassen“, sagte Wirtz nach Angaben von Teilnehmern.

Doch selbst diesen Rückschlag verkaufte „Bild“ — natürlich — als Erfolg:

Dennoch musste das Blatt den Karren fortan wieder alleine ziehen:

Wenn die Regierung die BILD-APO nicht entgegennehmen will, geht die BILD-APO zur Regierung!

Danach wurde es dann still um die „Bild-APO“. Zwei Wochen später verwurstete das Blatt noch die Antworten auf die zweite Anfrage als bemühte Titelgeschichte („Strom wird NOCH teurer!“ – oha!), kurz darauf empörte es sich über „Milliardenausgaben“, die in Wirklichkeit allerdings nur knapp eine Million betrugen, und zwischendurch kam noch der österreichische Außenminister zum Krawattenvergleich vorbei.

Die letzte Regung der „Bild-APO“ liegt inzwischen fast fünf Monate zurück. Damals kündigte das Blatt lauthals an, die Große Koalition wegen „Renten-Klaus“ verklagen zu wollen. Was daraus geworden ist? Keine Ahnung. Bis heute haben wir weder davon noch sonst von der „Bild-APO“ je wieder etwas gehört.

Dabei hatte sich „Bild“-Mann Dirk Hoeren damals noch kämpferisch gegeben:

Was weiterhin fehlt, ist die bürgerliche Opposition.

Gerade deshalb ist es so wichtig, dass BILD der Großen Koalition die Stirn bietet. Wir lassen uns nicht mit Geschäftsordnungstricks plattmachen. Die wahre Opposition ist die BILD-APO!

Bleibt die Frage: Was macht sie heute, die „wahre Opposition“?

Nun …

WIR SINGEN DER KANZLERIN EIN LIED!

Das Lied, so verriet es Angela Merkel im Mai in Stralsund, gehört zu ihren Lieblingsliedern. BILD meint: „Wir lieben die Stürme…“ passt perfekt zur Regierungschefin, die seit ihrem Amtsantritt einen Krisenherd nach dem anderen löschen musste – und dabei ihren Humor und ihre Zuversicht nie verloren hat.

Statt Kloppe gibt’s also jetzt Lieder, Bilder und Streicheleinheiten für die „Übermutti“.

Derweil berichtet „BILD-APO-Experte“ Ralf Schuler (der dem Wirtschaftsministerium vor einigen Monaten noch die zweite „APO“-Anfrage aufgenötigt hat) so über die China-Reise von Angela Merkel:

33 Grad Celsius, Smog, eine unsichtbare Sonne brütet über der Dunstglocke Pekings. Mein Hemd fühlt sich an wie ein nasses Handtuch.

Nur eine wirkt cool: Angela Merkel (59, CDU).

Ralf Schuler, Verzeihung, Lalf Schulel schaut der Kanzlerin jetzt nicht (mehr) auf die Finger, sondern auf die Klamotten:

Als die Kanzlerin kommt, wirkt sie unbeschwert in ihrem lindgrünen Blazer; Premier Li trägt ein Kurzarmhemd, keine Krawatte. Dafür, dass Angela Merkel tadellos aussieht, sorgt auch ihre Stylistin Petra Keller. Sie ist auf Reisen mit dabei, wohnt im Nachbarzimmer der Kanzlerin.

Und CSU-Mann Alexander Dobrindt darf heute im größten Nicht-Fußball-Artikel der gesamten Ausgabe hoch und heilig versprechen, dass seine ersehnte Pkw-Maut keinen Bundesbürger finanziell mehrbelasten werde:

Die „Bild“-Zeitung widmet dem „Maut-Macher“ und seinen Plänen fast die gesamte Politik-Seite und inszeniert sich selbst dabei als Beschützerin des Volkes. Klassische Win-Win-Situation. Und von „APO“ keine Spur.

Offenbar lebt es sich als außerparlamentarischer Verbündeter dann doch irgendwie besser.