Wie die BamS 1978 über die WM in Argentinien berichtete

(Dieser Text ist im März 2006 entstanden und erschien im damaligen Fußballblog „Fooligan“. Veröffentlichung hier mit freundlicher Genehmigung des Autoren. Die Zitate stammen aus dem Buch „Zeugen der Anklage“ von Günter Wallraff.)

Zwischen 1976 und 1983 verschwanden in Argentinien ca. 10000 Menschen, andere Quellen sprechen von bis zu 30000. Unter den desaparecidos befanden sich zahlreiche Studenten, Journalisten und andere, welche gegen die seit einem Putsch im Jahr 1976 regierende Militärjunta unter der Führung des Generals Jorge Rafael Videla opponierten. Diktator Videla hatte für sein hartes Durchgreifen gegen jegliche Opposition eine einfache Erklärung.

Im Dezember 1977 sagte er:

„Ein Terrorist ist nicht nur jemand mit einem Gewehr oder einer Bombe, sondern jemand, der Ideen verbreitet, die im Widerspruch zur westlichen und christlichen Zivilisation stehen“

Wie man sich vorstellen kann, fühlten sich die europäischen Fußballkorrespondenten während der WM 1978 verpflichtet, auf die Situation auch jenseits der Bühne hinzuweisen. Unter ihnen war der spätere „Tagesthemen“-Moderator Hanns-Joachim Friedrichs.

„Auch als Sportredakteur kann meine Aufgabe nicht nur darin bestehen, stupide die Tore zu zählen!

Die heile Berti-Vogts-Welt à la „Fußball-ist-unser-Leben-und-sonst-gar-nichts-auf-der-Welt“ gibt’s nämlich nicht mehr. Und das ist nicht meine Schuld.“

Ein Gedanke, dem angesichts einer Weltmeisterschaft in einem Land, das gerade von einer — wenn auch nicht vorbildlich funktionierenden — Demokratie in eine Diktatur umgewandelt wurde, eigentlich niemand widersprechen konnte.

Die „Bild am Sonntag“, die Zeitung, die ein späterer Kanzler in einem magischen Dreiklang mit „Bild“ und Glotze zum Regieren benötigen sollte, sah das jedoch völlig anders.

„GEHT DAS SO WEITER MIT DER AGITATION, HERR FRIEDRICHS?“

Die „BamS“ hatte zu dem Sportereignis ihren Chefreporter Michael Jeannée entsandt, der nun Friedrichs knallhart investigativ befragte:

„Ihre Zuschauer, Herr Friedrichs, und unsere Leser haben diese Art tendenziöser Interviews und Berichte, die sich nur am Rande mit Fußball beschäftigen, nämlich satt, Hunderte von Anrufen beweisen es….“

Aber natürlich hat die „BamS“ auch selbst recherchiert und kam zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass alles in Wirklichkeit ganz anders war, als es ZDF und ARD darstellten.

Jeannée zitiert einen Herrn Bellardi, der im Auftrag der Junta Unterkünfte für die akkreditierten Journalisten organisierte.

„Wichtig ist, dass die Welt zur Kenntnis nimmt, dass die Bajonette und MPs der Soldaten zum Schutz unserer Gäste da sind. Und nicht zur Unterdrückung und Knechtung des Volkes.“

Worte, die den „BamS“-Reporter nachdenklich stimmten.

„An diese Worte des Senors Bellardi musste ich denken, als ich eine Woche später auf dem Rhein-Main-Flughafen unsere waffenstarrenden Grenzschützer sah: War mir jemals der absurde Gedanke gekommen, dass diese Jungs zu meiner Unterjochung da sind???“

BamS-Reporter Michael Jeannée, heute Klatschreporter der Wiener Kronenzeitung, durfte sich auf Einladung des argentinischen Dikators Videla selbst ein Bild von den Zuständen in argentinischen Gefängnissen machen. Und — Überraschung — alles, was in Europa über Folter und Menschenrechtsverletzungen berichtet wurde, entpuppte sich als haltlose Propaganda.

„In Argentinien werden, wie überall, Terroristen, d.h. Gewalttäter, die politische Motive vorgeben, gefangengehalten. Sie wurden nicht gefoltert, dürfen Besuche ihrer Angehörigen und Anwälte empfangen, werden ausreichend ernährt, genießen mehr Menschenrechte als in allen sozialistischen Straflagern — und machen aus ihren Verbrechen keinen Hehl.“

Der „BamS“-Reise-Führer berichtet staunend von der Wunderwelt der Luxusherberge mit angeschlossenem Gourmettempel.

„Die Zellen sind sauber, in allen steht ein kleiner Ofen. Die Häftlinge können sich ihren Tee oder Kaffee selber kochen…

Jedem subversiven Verbrecher in ‚La Unidad 9‘ stehen pro Tag 450 Gramm Fleisch zu.“

Ein Bewohner des Ferienlagers erläutert dem Reporter die Annehmlichkeiten und Umstände seines Aufenthaltes:

„Was ich getan habe, habe ich getan. Dafür hat mich der Staat kassiert. Aber gefoltert oder mißhandelt bin ich nie worden. Auch geht mein Prozeß, soweit ich das beurteilen kann, in Ordnung. Nein, ich fühle mich in meinen Rechten nicht verletzt. Von den 880 hier einsitzenden… hat noch keiner konkrete Angaben (über Folterungen) machen können. Etwa, daß man ihm die Fingernägel gerupft habe.“

Winston Smith hätte es nicht schöner sagen können.

Gott allein weiß, ob der Terrorist wirklich existierte, dem Reporter ein Polarbär aufgebunden wurde, oder ein echter Häftling nur anfing zu glauben, dass zwei plus zwei fünf ergibt.

Etwas weniger begeistert vom Service in den argentinischen All-inclusive-Clubs zeigte sich die amerikanische Staatsbürgerin Gwenda Loken Lopez, die im April 1976 von Sicherheitskräften aus einem Bus gezerrt wurde, nachdem sie Flugblätter mit der Forderung nach Freilassung politischer Gefangener auf einer Parkbank zurückgelassen hatte.

“Mir wurden die Augen verbunden, meine Hände waren gefesselt, und ich wurde an eine Wand gestellt. Ein elektrisches Gerät berührte meine Hände. Im nächsten Augenblick lag ich am Boden…. Ich wurde geschlagen…. Meine Kleider wurden heruntergerissen. Dann lag ich, glaube ich, auf einem Tisch, wo ich von vier bis fünf Kerlen festgehalten wurde. Sie setzten die Picana ein [einen elektrischen Stab]. Dann banden sie mich fest und übergossen mich mit Wasser…. Sie stellten mir Fragen, aber vor allem hieß es: ‚Gib es ihr. Da. Da. Da. An den Genitalien…‘ Sie sagten, sie würden dafür sorgen, dass ich keine Kinder bekommen könnte.”

Die Axel Springer AG distanziert sich deutlich vom Nationalsozialismus und gibt sich als Freund und Förderer Israels. Aber was hätte Michael Jeannée wohl zum Fall Sophie Scholl geschrieben? Terroristin wird auf Staatskosten mit 450 Gramm Fleisch am Tag gefüttert!?

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Nicht nur Angehörige des Springer Konzerns verhielten sich wie die sprichwörtlichen drei Affen. Auch einige der Lieblinge der Nation, Spieler der deutschen Elf, die 1978 in Argentinien antrat, zeigten sich unbeeindruckt.

„Militär stört mich nicht. Ich hoffe, wir kommen weit.“

Klaus Fischer, Schalke 04

„Nein, belasten tut mich das nicht, dass dort gefoltert wird.“

Manfred Kaltz, Hamburger SV

„amnesty sollte lieber mal im STERN nachlesen, was da über russische Lager drinsteht.“

Berti Vogts, Borussia Mönchengladbach

Das Schicksal der desaparecidos ist mittlerweile bekannt: In Argentinien war es üblich, die zuvor oftmals heftigsten Folterungen ausgesetzten Opfer unter Drogen zu setzen und über dem Meer abzuwerfen.

Die Geschichte jedes Einzelnen wird man jedoch niemals erfahren.