„Bild“-Redakteurin war LKA-Informantin

„Ließ die Polizei die CDU von Journalisten bespitzeln?“ und „Arbeitete ein ‚Bild‘-Journalist für LKA oder Geheimdienst?“, fragte vor zwei Wochen die „Frankfurter Rundschau“ — und beantwortete die Frage eine Woche später unter der Überschrift:

‚Bild‘ Leipzig berichtet — fürs LKA

Hintergrund ist ein dreiseitiger Aktenvermerk, den der sächsische Landtag mit einer Kleinen Anfrage des CDU-Landtagsabgeordneten Volker Schimpff unlängst öffentlich machte.

Der faksimilierte Vermerk, nachzulesen auf der Internetseite des Sächsischen Landtags (Drucksache 4/14207, [pdf]), enthält zunächst die (geschwärzten) Namen damals hochrangiger Amts- und Würdenträger in Leipzig (darunter der Oberstaatsanwalt, der Justizminister, ein Ex-Innenminister sowie ein Ex-Präsident des Fußballvereins VfB Leipzig) und trägt die Überschrift:

[Ausriss] Mitteilung durch BILD Leipzig am 02.06.98

Nach Auskunft des sächsischen Innenministers Albrecht Buttolo stammt die „Mitteilung“ „aus der polizeilichen Ermittlungsakte des Landeskriminalamtes“ und „gibt ausschließlich die Äußerungen einer für die ‚Bild‘-Zeitung tätigen Person wieder“. Ihr Inhalt: schwerwiegende Verdächtigungen und Gerüchte, aufgelistet in über 50 Einzelpunkten – übler Klatsch und Tratsch, der tatsächlich genau so klingt, wie man sich vorstellt (oder weiß), dass es klingt, wenn „Bild“-Mitarbeiter geschwätzig werden. Also beispielsweise so:

  • die                 soll den                 kennen
  •                 soll ein ehemaliger Schulfreund des                 sein
  • die angeblich enga[g]ierte Staatsanwältin Frau                 (…) sei durch                 ‚kaltgestellt‘ worden
  • sie bearbeite jetzt, so gegenüber BILD, „Karnickeldiebstähle“
  • durch BILD wurde                 auf den Namen                 angesprochen, worauf                 kreidebleich geworden sein soll
  • angeblich gebe es Verstrickungen einiger Personen (auch                ) zu Kinderbordellen
  • es soll ein Video über sexuelle Praktiken des                 an Kindern existieren
  •                 und                 sollen den                 kennen, welcher auf der Merseburger Straße in Leipzig einst ein Kinderbordell betrieben haben soll
  • ein gewisser                 habe angeblich offiziell Selbstmord begangen, eventuell wurde dabei „nachgeholfen“
  • BILD habe                , welcher im Zusammenhang mit dem Verschwinden des                 steht, gefragt, wo denn                 sei. Es wurde entgegnet, dass sie abhauen sollen, sonst gehe es ihnen wie                , danach habe                 gelacht

Nach unseren Informationen handelt es sich bei dem „Bild“-Mitarbeiter (den die „Leipziger Volkszeitung“ am Mittwoch noch vorsichtig „einen Journalisten beziehungsweise eine Journalistin aus dem Bereich Boulevard aus Leipzig“ nannte) um die „Bild“-Redakteurin Angela Wittig.

Wenn Wittig nicht (wie neulich) einen offensichtlich Unschuldigen als „Kinderschänder“ vorverurteilt, schreibt sie Artikel, die „Bild“ anschließend so präsentiert:

  • Übler Scherz am Arbeitsplatz: Druckluftpistole am Po – Darm geplatzt!
  • Mutter zeigt Staatsanwalt an: Weil er den Vergewaltiger ihrer Tochter laufen ließ
  • Beim Frauenarzt wurde ich weggeschickt – Jetzt ist mein Baby tot
  • Straßenbahn-Prügler flennt vor Gericht: Plötzlich ist er ein kleiner Hosenscheißer
  • Sie haben ihr Kind ins Koma geprügelt… jetzt knutschen sie vor Gericht!
  • Todesspritze für die Killerhunde… es sei denn, Seppel, Mausi und Sternchen bestehen den Verhaltenstest
  • Skandal um angebliche Sex-Orgien im Leipziger Rathaus: BILD zeigt das geheime Bett im Büro des OB

„Focus“ vs. Wittig

Im Juni 2008 setzte Angela Wittig eine Gegendarstellung zu einem am 2.2.2008 unter der Überschrift „Schlamassel im Puff“ veröffentlichten „Focus“-Bericht durch (mehr dazu hier) und widersprach darin mehreren „Focus“-Behauptungen über sie. Der „Focus“ ergänzte den Abdruck der Gegendarstellung um die Anmerkung:

„Alle Ermittlungen zu einer angeblichen Justizverschwörung, über die Frau Wittig in ‚Bild‘ berichtete, sind von der Staatsanwaltschaft Dresden als ’substanzlos‘ eingestellt worden. Sie seien, so die Staatsanwaltschaft Dresden, Produkt ‚einer Verschwörungstheorie‘ gewesen.“

Angela Wittigs Name tauchte zudem im vergangen Jahr im Zusammenhang mit dem vermeintlichen „Sachsensumpf“ auf (grundsätzliches dazu hier, hier, hier, hier oder hier bzw. hier). Laut „Focus“ waren die vermeintlichen „Verstrickungen [sächsischer Justizbeamter] zu Kinderbordellen“, die bereits in der „Mitteilung durch BILD Leipzig“ aus der Polizeiakte kolportiert wurden, von Wittig auch via „Bild“-Zeitung „kräftig befeuert“ worden (was Wittig offenbar eine Strafanzeige wegen Verleumdung und dem „Focus“ eine Gegendarstellung Wittigs einbrachte, siehe Kasten).

Und so schreibt nun auch die „Frankfurter Rundschau“, die Beschuldigungen aus 1998 seien dem „Berg aus Gerüchten“ auffällig ähnlich, der „im Frühjahr 2007 als gewaltige Sumpf-Affäre über Sachsen schwappte“, sich aber „ein Jahr später und nach gründlichen Untersuchungen unabhängiger Ermittler und der Bundesanwaltschaft als gigantischer Humbug herausstellte“. Auch für die „Leipziger Volkszeitung“ liest sich die „Mitteilung durch BILD Leipzig“ „wie eine frühe Version dessen, was in der Aktenaffäre 2007 unter dem Codenamen Abseits III für Aufsehen sorgte“.

Ob „Bild“-Frau Wittig das journalistische Sakrileg beging, der Polizei als Informant ihre schmutzigen und zum Teil haltlosen Gerüchte anzuvertrauen (womöglich in der Hoffnung, im Gegenzug ebenfalls bevorzugt informiert zu werden) oder ob Wittigs Äußerungen ihren Weg anderweitig in die LKA-„Mitteilung“ fanden, ist noch ungeklärt – außer für „Bild“. Die „Morgenpost Sachsen“ zitiert „Bild“-Sprecher Tobias Fröhlich mit der Aussage:

„Kein Mitarbeiter von BILD Leipzig hat unseres Wissens nach als Informant für das LKA gearbeitet.“

Wir haben die Wörter „unseres Wissens“ mal gefettet, wundern uns aber nicht, dass Wittig nach wie vor für „Bild“-Leipzig arbeitet.