„Bild“-Leser Broder trifft „Bild“-Macher Diekmann

Kai Diekmann hat da schon ein Glas Wein getrunken, mit ehemaligen Außenministern geplaudert, mit Guido Westerwelle geschäkert und mit „Spiegel“-Chef Mathias Müller von Blumencron getuschelt. Kann sein, dass es daran liegt, aber anschließend sagt er:

„Ich behaupte, dass ich als ‚Bild‘-Chefredakteur einer der beliebtesten Journalisten Deutschlands bin, oder?“

Diekmanns Gesprächspartner, der Kolumnist Henryk M. Broder, überhört das kleine Fragezeichen und antwortet: „Solange die Leute die Zeitung nicht lesen.“ Diekmann lacht freundlich mit.

Die knapp einstündige Dokumentation, die Arte heute abend um 23.40 Uhr zeigt, heißt:

Durch die Nacht mit… Kai Diekmann und Henryk M. Broder

Aber eigentlich sehen wir: Henryk M. Broder durch die Nacht mit Kai Diekmann.



Diekmann lässt sich von Broder in der „Bild“-Redaktion abholen, lässt ihn dort aber zunächst in seinem Büro warten, führt ihn anschließend durch die Redaktion (Broder: „Wo werden hier die Sklaven ausgepeitscht?“), zeigt Broder ein ehemaliges Lieblingsrestaurant, das Atelier eines mittellosen Malers und die „Bild“-Druckerei. Im Gegenzug lässt er sich von Broder auf einen Polit-Promi-Empfang, in ein InternetCafé, zum Asia-Imbiss, in die U-Bahn mitnehmen. Die Nacht mit Broder nennt er „ein Experiment“, auf das er sich eingelassen habe.

Arte nennt die jüngste Folge der Doku-Reihe „Durch die Nacht mit…“:

Ein Treffen zwei der streitbarsten und meinungsfreudigsten Männer des Landes.

Doch während man von dem einen, Broder, erfährt, was man eh schon weiß, weil er sich häufig in Szene setzt, erfährt man über den anderen, Diekmann, den Talkshow-Verweigerer, nichts: immer im Dienst, verlegen und verlegen um Antworten (zumindest solange ihm ein Mikro am Hemd klemmt und die Kamera läuft).

Okay, Diekmann sagt „Doppelstandard“, wenn er „Doppelmoral“ meint; er ist besorgt, ob er nicht vielleicht doch eine Krawatte tragen soll. Zuhause in Potsdam werde der Müll getrennt – und während Broder sich den Abend freigenommen hat und irgendwann von seiner Tochter („Ah, die Tochter!“) angerufen wird, greift Diekmann wieder und wieder selbst zum roten „Bild“-Handy, um bei „Bild“ anzurufen. Und die zurechtgelegt wirkenden Koketterien Broders über „Bild“ lässt er ebenso über sich ergehen wie dessen Erörterungs- und Verbrüderungsversuche. „Was Broder für den ‚Spiegel‘ ist, ist Franz Josef Wagner für uns‘, sagt er.

Es ist also, wie es kommen musste: Kolumnist trifft Chefredakteur, Selbstdarsteller trifft Macher. Und „Durch die Nacht…“-Autor Hasko Baumann filmt dankenswerterweise mit:

Broder: Ich finde übrigens die ganze RAF-Debatte unerträglich.
Diekmann: Ja.

Broder: Wissen Sie, was toll ist an Berlin? Man kann hier nicht auffallen.
Diekmann: Ja.



Diekmann nickt, wenn Broder in der U-Bahn seine Sicht auf den Antisemitismus in Deutschland ausbreitet. Wenn Broder lang und breit von einer Reise in die Geburtsstadt seiner Mutter erzählt, fragt Beckmann Diekmann in einer Sprechpause: „Wie war das emotional?“

Sagt aber Diekmann dann doch mal einfach so, er finde Claudia Roth „in Ordnung“ („Irgendwie hat die was.“), dann witzelt Broder („Ja, Übergewicht.“) und redet weiter, irgendwas.

Es gibt zahllose solcher Miniaturen in der Doku, aufwändig und schlau und unaufgeregt mitgedreht, immer nur dabei mit der Kamera. Das muss reichen. Und immer ein wenig zu nah dran an den Gesichtern dieser beiden Journalisten, die sich – das merkt man – nur im Grad ihrer Beliebtheit ähneln. Eine Männerfreundschaft wird das jedenfalls, auch wenn Arte Gegenteiliges behauptet, nicht.

Am Anfang der Doku sehen wir Broder in einer schwarzen Limousine zum Berliner Springer-Hochhaus fahren („Vor 30, 40 Jahren wollte ich Springer noch enteignen, jetzt finde ich aber so eine Fahrt in der Luxuslimousine doch ganz angenehm.“). Am Ende fährt Diekmann mit der schwarzen Limousine in die Nacht („So. Ham‘ wir’s.“). Broder bleibt zurück. Abspann.

  • heute, 23.40 Uhr, Arte

Siehe auch „taz“, „Süddeutsche Zeitung“, „Westfälische Rundschau“, „Berliner Zeitung“, „Frankfurter Rundschau“ und „Spreeblick“.

Nachtrag, 23.1.2009: Eine Woche lang kann man die Doku in voller länge und kostenlos auch auf arte.tv anschauen.