Neulich am Grab des Prometheus

Der „Goldene Prometheus“ ist auch kein schöner Preis. Er zeichnet seit einigen Jahren Journalisten Menschen aus, die von der „Prometheus“-Jury zu „Journalisten des Jahres“ erklärt werden. Anders gesagt: Der „Prometheus“ bzw. die „Verleihungszeremonie“ („eingebettet in ein Drei-Gänge-Menü, unterbrochen von musikalischen Darbietungen und inhaltlich gewürzt mit interessanten Laudatoren, unterhaltsamen MAZ-Einspielern und eindrucksvollen Gastrednern und Überraschungsgästen“ nebst anschließender „Medienparty“, „die in ausgelassener Atmosphäre neue Möglichkeiten des Community-Building erschließt“) hat den Ruf, „ein wenig korrupt zu sein“ und wird „diesem Ruf, so darf sagen, wer dabei war, […] voll gerecht“ (Quelle: Claudius Seidl auf FAZ.net).

Wer nicht dabei war*, durfte bereits gestern lauter interessante Dinge über Lobbying, „Prometheus“-Chefjuror Hajo Schumacher und BILD über die Verleihung des V.I.S.D.P.- bzw. VISDP-Preises "Prometheus" an zwei BILD-Redakteureseinen „fragwürdigen Schaulauf der Eitelkeiten“ (Quelle: Tom Schimmek in der „Süddeutschen Zeitung“) lesen bzw. in der „Bild“-Zeitung auf Seite 1 und heute abermals erfahren, dass unter den Preisträgern auch zwei „Bild“-Redakteure sind – ausgezeichnet als „Zeitungsjournalisten des Jahres“. Denn:

Auf dem Höhepunkt der Bankenkrise [haben] die verantwortlichen Redakteure Thomas Drechsler und Oliver Santen […] sachlich und vor allem verständlich berichtet.

So steht es in der Begründung der „Prometheus“-Jury. Wir hingegen würden ja das, was die beiden „Bild“-Redakteure offenbar zu „Zeitungsjournalisten des Jahres“ macht, kurz als journalistische Selbstverständlichkeiten zusammenfassen. Aber geschenkt, zumal „Bild“ in Wirtschaftsdingen sowieso gern zu devoten Gesten neigt.

Prometheische Freude:

„BILD wird gern wegen angeblicher Fehler wahrgenommen. Wenn wir heute ausgezeichnet werden, weil wir etwas richtig gemacht haben, erfüllt mich das mit besonderer Genugtuung.“

(„Bild“-Politikchef Thomas Drechsler)

Die Laudatio auf Drechsler und Santen hielt übrigens Ex-Commerzbank-Chef Klaus Peter Müller, der „Bild“ tatsächlich dafür loben zu müssen glaubte, „der Versuchung reißerischer Schlagzeilen widerstanden“ zu haben. Doch schwergefallen sein dürfte Müller das Lob der „Bild“-Finanzberichterstattung ohnehin nicht – nicht nur, weil Müller von Berufs wegen davon profitiert, sondern auch, weil er sogar selbst sein Teil dazu beitragen durfte.

Lesen Sie daher in unserer allseits beliebten Reihe „Meilensteine des Zeitungsjournalismus“ aus aktuellem Anlass: Der ehemalige Pressesprecher Oliver Santen, Ressortleiter Wirtschaft bei der „Bild“-Zeitung und „Zeitungsjournalist des Jahres“, im Gespräch mit dem Präsidenten des Bundesverbandes deutscher Banken und Aufsichtsratsvorsitzenden der Commerzbank, Klaus Peter Müller.

BILD: Haben Banker komplett versagt?
Müller: Keine Frage, wir haben Fehler gemacht, das gestehe ich freimütig ein. Aber von Pauschalverurteilungen halte ich gar nichts. Die große Mehrheit der Banker macht gute Arbeit und hat sich nichts vorzuwerfen.
BILD: Stichwort US-Immobilienkrise, IKB-Skandal, KfW-Desaster: Sind viele Banker gewissenlose Zocker?
Müller: Auch das ist ein Pauschalurteil, das nicht einfach so stehen bleiben sollte. Es gibt überall schwarze Schafe. Aber wenn Einzelne Fehler machen, darf man nicht einen ganzen Berufsstand in Misskredit bringen.
BILD: Haben Sie keinen Grund zur Selbstkritik?
Müller: Doch natürlich. Wie schon gesagt, es wurden Fehler gemacht. Wir hätten nicht zulassen dürfen, dass Finanzprodukte so kompliziert werden, dass der Kunde sie nicht mehr versteht. Und: In der Immobilienkrise in den USA wurde vieles nicht richtig geprüft und bewertet. Wir haben uns zu sehr auf das Urteil der Rating-Agenturen verlassen.
BILD: Können Sie verstehen, dass viele Kunden den Banken nicht mehr trauen?
Müller: Diese Erfahrung machen wir bei der Commerzbank mit unseren Millionen Kunden nicht. Es ist vielmehr so, dass … usw. usf.

*) Hinweis: BILDblog war 2005 selbst (kurzzeitig) für den „Goldenen Prometheus“ nominiert.