Wenn Sprache die Wirklichkeit besiegt

Am Montag haben wir gezeigt, dass die Ansprache „Herr Professorin“, die angeblich an der Uni Leipzig eingeführt werden soll, einzig und allein eine Erfindung von „Spiegel Online“ ist – und nichts mit der tatsächlichen Entscheidung der Uni zu tun hat.

Einige Medien haben es aber immer noch nicht kapiert.

Die „Aachener Zeitung“ schrieb am Mittwoch unter der Überschrift „Guten Tag, Herr Bürgermeisterin“:

An der Universität Leipzig müssen sich männliche Dozenten künftig „Herr Professorin“ schimpfen. Kein Scherz.

Auch kein Scherz: Im ZDF-morgenmagazin wurde am Dienstag im „richtig oder falsch“-Gewinnspiel die Frage gestellt, ob sich die Ansprache an der Uni Leipzig in „Herr Professorin“ ändern werde. Die „moma“-Tassen gab es dann für die Antwort „richtig“.

Und in einem Blogeintrag der „Leipziger Volkszeitung“ findet sich dieser schöne Schlusssatz:

Putzende Jungs wären auf jeden Fall ein stärkeres Zeichen für Geschlechtergerechtigkeit im Alltag als ein Wissenschaftler, der sich mit „Herr Professorin“ ansprechen lassen muss.

Und so gibt es immer noch Journalisten (und Journalistinnen), die sich über etwas lustig machen, das niemand (!) jemals (!) in Erwägung gezogen hat.

Besonders bescheuert aber sind jene Geschichten, in denen die Journalisten das Kunststück vollbringen, den Sachverhalt sowohl richtig als auch falsch wiederzugeben.

So heißt es im Feuilleton der aktuellen „Zeit“:

[…] das generische Femininum soll in der neuen Verfassung der Alma Mater verankert werden. Damit seien, so versichern Fußnoten, alle gemeint, Frauen wie Männer.

Das stimmt. Endlich mal. Und doch schafft es die „Zeit“, noch im selben Satz wieder alles kaputt zu machen:

In Leipzig wird es bald „Herr Professorin“ heißen […].

Ein paar Sätze später heißt es:

In Leipzig etwa, wo es bald „Herr Professorin“ heißt […].

Die „Rheinische Post“ machte es nicht besser und schrieb am Montag:

[…] in der Grundordnung der Universität soll künftig nur noch die weibliche Personenbezeichnung stehen. Eine Fußnote ergänzt, dass diese Bezeichnung sowohl für Personen männlichen als auch weiblichen Geschlechts gilt.

Das ist korrekt. Im Gegensatz zu dem Unsinn, der im nächsten Satz folgt:

In Leipzig lehrt also der Herr Professorin den Herrn Studentin demnächst die Germanistik.

Die „Bunte“ hat derweil mal richtig auf den Putz:DIE SPINNEN, DIE SACHSEN! - Die Uni Leipzig hat die Einführung der einhitlichen Bezeichnung für Professoren beider Geschlechter beschlossen - und die neue Hochschulverfassung sieht nur noch weibliche Bezeichnungen vor! "Herr Professorin" heißen dann offiziell auch Männer. Die Leipziger Hochschuldirektorin Beate Schücking geht aber davon aus, dass Studenten ihren Professor auch in Zukunft mit "Herr Professor" anreden. Ja, was soll das Ganze dann?

Und auch die „Stuttgarter Zeitung“ schafft es in einer verschwurbelten Kolumne, Realität und Fiktion bedenkenlos zu verquicken:

[An der Leipziger Universität] hat ein Senatsbeschluss für die neue Verfassung den Professoren männlichen Geschlechts zumindest sprachlich den Garaus gemacht. Sie werden nun alle als Professorinnen geführt, auch wenn das, wie die Rektorin jetzt verkündet, keine Auswirkung im alltäglichen Umgang haben wird. Trotzdem gilt: So besiegt man mit Sprache die Wirklichkeit.

Die Kolumne trägt den Titel: „Grüß Gott, Herr Professorin“. Tja – so besiegt man mit Sprache die Wirklichkeit.

Wir haben am Donnerstag bei „Spiegel Online“ nachgefragt, warum die irreführende Überschrift, auf der dieser ganze „Herr Professorin“-Quatsch beruht, immer noch nicht geändert wurde.

„Spiegel Online“ antwortete uns:

[…] die Zeile „Guten Tag, Herr Professorin“ ist keine Nachrichtenüberschrift, sondern lediglich unser Versuch, humorvoll mit dem Thema der verweiblichten Grundordnung der Universität Leipzig umzugehen. Als Überschrift ist sie eine Anspielung auf die häufig verwendete Formulierung „Frau Professor“. Ähnlich wie die Uni Leipzig in ihrer neuen Grundordnung haben wir die Geschlechterrollen für die Überschrift spielerisch vertauscht und eine Zeile gewählt, die leider mehrfach missverstanden und abgeschrieben wurde. Ein Grund, die Überschrift zu ändern, ist das nicht. Darüber hinaus wurde im Text sowohl das Verfahren als auch die künftige Verwendung der Begriffe genau beschrieben.

Soso.

Die ganze Aufregung um die Entscheidung der Leipziger Uni wirkt noch viel absurder, wenn man sieht, dass an der Universität Karlsruhe schon vor einigen Jahren das generische Femininum eingeführt wurde. Dort ist seither nicht von „Studenten“ die Rede, sondern ausschließlich von „Studentinnen“. Zumindest in der Studien- und Prüfungsordnung (PDF) des Studiengangs Maschinenbau.

Übrigens: Auch die Entscheidung aus Leipzig ist eigentlich keine Neuigkeit mehr. Schon im Dezember 2011 berichteten die „Leipziger Volkszeitung“ (PDF) und die Leipziger Hochschulzeitung „student!“ über die Pläne des Senats. Einen Aufschrei gab es damals nicht.

Mit Dank auch an die vielen Hinweisgeber.

Nachtrag, 16. Juni: Wie uns einige Leser mitgeteilt haben, hat das „Morgenmagazin“ seinen Fehler am nächsten Tag richtiggestellt. Und „Spiegel Online“ hat den Teaser schon vor der Veröffentlichung unseres Eintrags geändert. Statt „setzt [die Uni Leipzig] nur noch auf weibliche Bezeichnungen“ heißt es jetzt: „setzt [die Uni Leipzig] in ihrer Grundordnung nur noch auf weibliche Bezeichnungen“.

Manche haben es aber immer noch nicht kapiert.

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