Überall Blut

Früher konnten Eltern ihren Kindern noch die Augen zuhalten, wenn in der „Tagesschau“ Beiträge über den Bürgerkrieg in Jugoslawien, Anschläge der IRA oder ähnliche, mutmaßlich blutige Themen angesagt wurden. Heute surfen die Kinder im Internet rum und auch wenn die wenigsten von ihnen freiwillig auf Nachrichtenseiten gehen dürften, ist die Chance, auf verstörende (Bewegt-)Bilder zu stoßen, allgegenwärtig.

Nachdem es am Montag an der Ziellinie des Boston Marathons zu zwei Explosionen gekommen war, tauchten innerhalb kürzester Zeit im Internet Fotos und Videos auf, bei denen sich viele sicherlich die schützende Hand der Eltern zurückgewünscht haben — und das nicht nur bei Facebook, Twitter & Co. (vgl. „6 vor 9“ von heute), sondern auch auf mehr oder weniger seriösen Nachrichtenseiten.

Bild.de zeigte (natürlich) Bilder, die mit „Blutüberströmt wird diese verletzte Frau in einem Rollstuhl zum Krankenwagen gefahren“, „Eine junge Frau wird vor Ort am Boden verarztet“, „Ein verletzter Mann liegt mit schmerzverzerrtem Gesicht auf einer Trage“, „Auch dieser schwer verletzte Mann muss im Rollstuhl zum Krankenwagen gebracht werden“ und „Eine Frau mit einem verwundeten Bein wird auf eine Trage verlagert“ einigermaßen treffend umschrieben sind. „Focus Online“ präsentierte eine Bildergalerie unter der Überschrift „Terror auf der Ziellinie – Schreckens-Bilder aus Boston“, stern.de zeigte Fotos, auf denen „deutlich […] die Blutflecken zu erkennen“ waren, oder sich Menschen „schreiend auf der Erde wälzen“, und „RP Online“ betextete seine Bildergalerie durchaus treffend mit: „Diese Läuferin läuft weinend durch die Gegend“ und „Überall waren Blutlachen zu sehen“. Auf amerikanischen Nachrichtenseiten waren mitunter noch heftigere Fotos zu sehen, noch mehr Blut — teils ohne jede Vorwarnung direkt auf der Startseite.

Auf sueddeutsche.de erschien gestern ein Artikel über die „Macht der Bilder“, in dem es heißt:

Egal, wer für den Anschlag verantwortlich ist, die Täter haben ein erschreckendes Gespür für die Symbolik eines Terroranschlags gezeigt. Nirgendwo waren mehr Kameras, nirgendwo haben mehr Menschen das Ereignis verfolgt. Und an keiner anderen Stelle wäre die unmittelbare Aufmerksamkeit höher gewesen, als an der Ziellinie. Jede Sekunde des Anschlags ist in zahllosen Clips aus allen nur denkbaren Einstellungen zu sehen. Jedes kleinste Detail wurde mit Smartphones festgehalten und hat sich innerhalb weniger Minuten auf der ganzen Welt verbreitet. Ungefiltert, nahezu in Echtzeit. Wer will, kann das Grauen mit all seinen Facetten ansehen. Und genau das ist es, was die Terroristen bezwecken.

Das ist sicher richtig.

Insofern ist es konsequent und lobenswert, dass sueddeutsche.de diesem und anderen Artikeln einen Kommentar hinzugefügt hat:

Im Zuge der Berichterstattung über den Anschlag in Boston verzichtet Süddeutsche.de bewusst auf die Veröffentlichung von Fotostrecken und Videos mit blutigen Bildern der Opfer. Uns ist bewusst, dass andere News-Seiten, auf die wir – nach sorgfältiger Prüfung – in unseren Texten verlinken, derartige Fotos möglicherweise zeigen. Wir glauben jedoch, dass in diesen Fällen der Informationsgehalt der verlinkten Artikel so hoch ist, dass Verweise dennoch gerechtfertigt sind.