Nicht vergewaltigt! Märchen zu einem Foto

– Von Wilhelm Genazino –

Déjà Vu?


Im August 1970 erschien das Satiremagazin „Pardon“ mit einem 12-seitigen „Extra“ zur „Bild“-Zeitung. Den „Pardon“-Machern (darunter Eckhard Henscheid, Wilhelm Genazino, Peter Knorr – und der spätere „Stern“-Redakteur Gerhard Kromschröder, der wie Günter Wallraff u.a. mit Undercover-Reportagen für Aufsehen und Skandale sorgte und dem wir es verdanken, überhaupt von diesem „Pardon Extra“ erfahren zu haben) ging es in ihrem „Sonderdruck“ vorrangig darum, humorvoll und doch ernsthaft „Bild“ auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und „BILD-Lügen“ zu entlarven; ungefähr das also, was – knapp 40 Jahre später – auch wir versuchen…

Wir dokumentieren (mit herzlichem Dank an Kromschröder!) jeden Tag eine der „BILD-Lügen“ aus dem „Pardon“ von damals.

Es scheint, als hätte sich über die Jahre bei „Bild“ nicht wirklich viel geändert…

Wahr an der wüsten Vergewaltigungsgeschichte [oben] sind nur ihre ersten beiden Sätze:

Eine Frau liegt nackt zwischen Büschen und Bäumen auf dem Boden eines Parks im Hamburger Villenvorort Othmarschen. Polizeibeamte haben sie notdürftig mit einem Mantel zugedeckt.

Diese beiden Sätze allerdings sind nichts weiter als eine schlichte Fotobeschreibung. Eine Vergewaltigung läßt sich daraus nicht ableiten. Trotzdem heißt es in dem BILD-Artikel weiter:

Vor Scham wagt die Frau nicht ihre Augen zu öffnen: Drei Männer haben sie kurz vorher vergewaltigt!

Haben sie das?

Harry Benze, Kriminalbeamter in der Pressestelle der Hamburger Polizei: Die Frau war, als die Polizei sie im Park liegend antraf, zunächst einmal „restlos voll“ (Benze). Sie war zusammen mit einer anderen Frau und drei Männern auf St. Pauli gewesen. Die fünf müssen dort „ganz schon reingeblasen haben“ (Benze).

Und dann?

Noch immer ist keine Vergewaltigung in Sicht. Die Wahrheit sieht friedlicher und sogar lustvoller aus; denn „Liebesgelüste“ (Benze) überkamen die fünf fröhlichen Zecher. Also zogen sie – durchaus in „gegenseitigem Einvernehmen“ – in einen Park in Othmarschen und verzogen sich ins Gebüsch.

Kripomann Harry Benze: „Die Frau hat sich selbst ausgezogen“ und sei dann, als das St. Pauli-Abenteuer endgültig in dem Gebüsch sein Ende gefunden habe, einfach liegen geblieben und eingeschlafen. „Als unsere Beamten in den Park zu ihr kamen, sagte sie nur: ‚Laßt mich doch liegen…'“

Aber der Kripomann wollte selbst erfahren, wie die BILD-Zeitung zu ihrer groß aufgemachten Vergewaltigungs-Version gekommen war. „Ich habe bei BILD angerufen und mich erkundigt. Da haben die mir gesagt: Das ist doch so ein herrliches Foto, das müssen wir doch irgendwie verkaufen…“
 
Lesen Sie morgen: Wie „Bild“ für eine Leichenfledderei sorgte. Die BILDblogger sind derweil – wie üblich – noch im Winterschlaf.