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Beim Abschreiben erwischt

Die neue niedersächsische Landesregierung möchte das sogenannte Sitzenbleiben, also die Wiederholung eines Schuljahrs wegen schlechter Leistungen, abschaffen. So stand es vor einer Woche in „Bild“.

Dekoriert war die Meldung mit einer Galerie berühmter Sitzenbleiber. Auf der Liste befanden sich unter anderem der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann, der frühere Reichskanzler Otto von Bismarck, der Ex-Fußballprofi Mehmet Scholl und Johannes B. Kerner — also Menschen, die sonst nicht allzu viel gemein haben.

Diese und ähnliche Listen, die sitzengebliebenen Kindern womöglich als Trost dienen sollen, finden sich immer wieder in den Medien, wenn es um schlechte Schulleistungen geht.

Auch diese beiden sind häufig dabei — auch bei „Bild“:

Klaus Wowereit, Guido Westerwelle

Allein: Weder Klaus Wowereit noch Guido Westerwelle haben je eine „Ehrenrunde“ gedreht.

Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin erklärte uns auf Anfrage, dass der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit mit 6 Jahren und 9 Monaten eingeschult worden sei und seine Schullaufbahn nach den regulären 13 Jahren mit dem Abitur abgeschlossen habe. Auch Guido Westerwelle, der sein Abitur mit nicht einmal 19 Jahren abgelegt hat, ist ganz normal 13 Jahre zur Schule gegangen, wie uns aus seinem Umfeld bestätigt wurde.

Aber woher stammen dann die Geschichten von den beiden vermeintlichen prominenten Sitzenbleibern? Die Suche nach dem Ursprung dieser Gerüchte gleicht einem Ausflug ins Spiegellabyrinth: Irgendjemand muss mal eine Liste veröffentlicht haben, von der seitdem alle anderen abschreiben. Bei t-online.de, das in der Wikipedia teilweise als Quelle fürs Sitzenbleiben angegeben ist, wird eine 2008 veröffentlichte Bildergalerie offenbar ständig überarbeitet (der im Oktober 2012 verstorbene Dirk Bach wird dort als „der erst kürzlich verstorbene Dirk Bach“ anmoderiert).

Die Namen Wowereit und Westerwelle finden sich etwa beim „Westen“ (Juli 2011), in aktuellen Texten bei den „Lübecker Nachrichten“ und auf n-tv.de.

Westerwelle gilt bei der „Berliner Zeitung“ und wdr2.de als Sitzenbleiber, Wowereit bei der „Welt“ und gemeinsam schmücken sie eine Klickstrecke bei „Spiegel Online“.

Beim Presse- und Informationsamt des Landes Berlin konnte sich niemand so recht erklären, wie Klaus Wowereit auf diesen Listen gelandet sei. Man wolle jetzt aber gegen dieses Gerücht vorgehen. In der Online-Version des „Bild“-Artikels fehlt Wowereit inzwischen. Offenbar ein erster Erfolg auf einem langen Weg.

Mit großem Dank an Markus B.