Die Jagd nach der nackten Wahrheit

Als die Österreicherin Natascha Kampusch im Sommer 2006 nach achtjähriger Gefangenschaft plötzlich wieder auftauchte, begann im deutschsprachigen Journalismus eine Jagd. Eine völlig groteske Jagd, die nur ein einziges Ziel hat: Die Antwort auf die Frage, ob Natascha Kampusch Sex mit ihrem Entführer hatte.

Die Jagd beginnt im Jahr 2006. Am 23. August erfährt die Welt, dass das Mädchen wieder aufgetaucht ist. Acht Jahre lang war sie verschwunden, gefangengehalten von Wolfgang Priklopil, der sich noch am Tag ihrer Flucht das Leben nimmt. Jetzt ist sie frei und wohlauf, es ist eine Sensation. Überall auf der Welt berichten Medien über den spektakulären Fall aus Österreich. Und bereits zwei Tage später wird deutlich, was einige daran am allermeisten interessiert:

(…) Vielleicht hat er das Mädchen zu seiner Sex-Sklavin gemacht, vermuten österreichische Medien.

"Bild", 25.08.2006

***

(…) HAT DER KIDNAPPER SEIN OPFER SEXUELL MISSBRAUCHT?

"Aus meiner Sicht, ja", meint die Polizistin. "Aber Natascha ist das noch nicht bewusst. Sie sagt, sie hat immer alles freiwillig gemacht."

"Bild", 25.08.2006

***

(…) Die Beamtin geht auch davon aus, dass das Mädchen sexuell missbraucht worden ist — "doch das ist ihr nicht bewusst, sie ist der Meinung, es freiwillig gemacht zu haben". Natascha schilderte auch den Tagesablauf in Gefangenschaft: Sie frühstückte mit der Sex-Bestie, musste im Haushalt helfen.

"Kronen Zeitung", 26.08.2006

***

Seine Sklavin — Sie musste für ihn putzen. Er forderte auch Sex von ihr

(…) Was spielte sich im Keller ab? Eine Polizistin sagt, sie glaube, dass Priklopil Natascha zum Sex zwang: "Aber sie sagt, sie habe das immer freiwillig gemacht."

"Express", 26.08.2006

***

Zum Sex gezwungen? Natascha und ihr Entführer hatten intime Kontakte

Die mehr als acht Jahre gefangen gehaltene Österreicherin Natascha Kampusch hatte der Polizei zufolge sexuellen Kontakt zu ihrem Entführer.

"Nürnberger Nachrichten", 28.08.2006

Nun, bis hierher unterscheidet sich dieser Fall nicht wesentlich von anderen, in denen entführte Kinder wieder aufgetaucht sind. Die Selbstverständlichkeit, mit der hier über den "sexuellen Kontakt" zwischen Opfer und Entführer spekuliert wird, ist im heutigen BoulevardJournalismus nichts Ungewöhnliches und zum Teil sicherlich unserem eigenen Voyeurismus geschuldet. Detaillierte Schilderungen der durchlebten Qualen sind zum Pflichtprogramm in der Berichterstattung geworden; wer über ein entführtes Kind berichtet, berichtet im selben Atemzug auch über das, was es durchmachen musste. Es scheint, als gehöre das dazu.

Und wenn heutzutage deutsche Journalisten – so wie im Fall von Stephanie R. vor ein paar Jahren geschehen – in einer großen Magazingeschichte die Leiden eines 13-jährigen Mädchens nachzeichnen, das "mehr als 100-mal" missbraucht wurde, gehört es offenbar auch dazu, dass geschildert wird, wo und wann und wie der Entführer das Mädchen vergewaltigt hat – und woran es dachte, "während er in ihr" war. Der "Spiegel" jedenfalls hatte 2006 kein Problem damit, solche Details zu veröffentlichen.

Natascha Kampusch aber stellt eine Besonderheit dar, was diese Einzelheiten angeht. Sie ist seit dem Tag ihrer Flucht die einzige Person, die weiß, ob es zwischen ihr und ihrem Entführer sexuelle Kontakte gab – und dieses Wissen hat sie konsequent für sich behalten.

Bereits wenige Tage nach ihrem Wiederauftauchen schreibt sie in einem offenen Brief:

(…) Ich möchte Ihnen im Voraus jedoch versichern, dass ich keinerlei Fragen über intime oder persönliche Details beantworten will und werde. Ich werde persönliche Grenzüberschreitungen, von wem auch immer voyeuristisch Grenzen überschritten werden, ahnden. Wer das versucht, kann sich auf etwas gefasst machen.

(…) Botschaft an die Medien: Das einzige, wovor die Presse mich verschonen soll, sind die ewigen Verleumdungen meiner selbst, die Fehlinterpretationen, die Besserwisserei und der mangelnde Respekt mir gegenüber.

(Hervorhebung im Original.)

Die Leute von Bild.de lassen diese Absätze, als sie den Brief veröffentlichen, einfach raus, zitieren aber immerhin eine andere Passage, die sie anschließend weitgehend ignorieren:

Intimfragen: Alle wollen immer intime Fragen stellen, die gehen niemanden etwas an. Vielleicht erzähle ich das einmal einer Therapeutin oder dann jemanden, wenn ich das Bedürfnis habe oder aber auch vielleicht niemals. Die Intimität gehört mir alleine.

In einem Gastbeitrag im österreichischen "Standard" schreibt ein Professor der Uni Innsbruck als Reaktion auf den offenen Brief:

(…) Die Betreuer Natascha Kampuschs tun gut daran, diese junge Frau — falls sie es nicht ohnehin selbst kann — vor der latenten pädophilen Geilheit, mit der das Interesse am Schicksal dieses Mädchens und ähnlicher Fälle heutzutage durchsetzt ist, zu schützen und den von der sensationslüsternen Bevölkerung beauftragten Medien eine radikale Abfuhr zu verpassen.

Wahrscheinlich hat der Autor nicht geahnt, welches Ausmaß diese latente pädophile Geilheit in den kommenden Jahren noch annehmen sollte.

Der Boulevard stochert derweil, frustriert ob der fehlenden Intimgeschichten, weiter im Gerüchtesumpf und verbeißt sich hartnäckig in jedem schlüpfrigen Detail, das sich (er-)finden lässt:

Die ganze Wahrheit über Natascha — So war es wirklich im Horror-Keller

(…) Natascha will über vieles, was ihr Priklopil angetan hat, noch nicht sprechen. Trotzdem nimmt sie ihren Entführer in Schutz: "Wolfi ist keine Sexbestie gewesen und ich auch nicht. Wir haben eine zärtliche Beziehung geführt."

Tatsache allerdings: Spuren am Tatort weisen darauf hin, dass das Mädchen auch neben Wolfi im Buchenholz-Doppelbett geschlafen hat.

"Bild", 31.08.2006

***

Natascha und ihr Entführer — Lebten sie wie Mann und Frau?

(…) Da ist noch ein merkwürdiger Satz: "Wolfi ist keine Sexbestie gewesen und ich auch nicht." Psychologen schließen daraus, dass der Entführer Natascha erst zur Frau und später zu "seiner" Frau gemacht hat. Der erste Mann, ein bleibendes Erlebnis.

Sie hat keine Geheimnisse vor ihm haben können. Auch nicht die erste Periode, mögliche sexuelle Wünsche.

(…) Er hat sie gefügig gemacht. Und ihr geschmeichelt, wohl auch von Liebe gesprochen, ihr vielleicht zärtlich übers Haar gestrichen.

(…)Nur so ist es zu verstehen, dass Natascha ihrem Entführer wie eine treue Frau gefolgt ist: zum Bäcker, zum Supermarkt – und ins Doppelbett. Die Spuren, die Polizisten sicherten, deuten auf Sex hin. War es erst Körperwärme, dann Kuscheln, später sogar Gefühl. Natascha Kampusch will später über die verlorenen Jahre in ihrer unterirdischen Zelle (und oben im Haus) erzählen.

"Bild", 01.09.2006

***

(…) Und er verlangte Sex von Natascha — in seinem Buchenholz-Doppelbett. Rätselhaft, was sie darüber sagt: ,,Er war keine Bestie. Wir haben eine zärtliche Beziehung geführt." Eine Beziehung, deren Folgen man ihr bei ihrer Befreiung ansah. Weiß und fleckig war ihre Haut.

Express, 07.09.2006

***

Natascha spricht auch nicht darüber, ob Priklopil sie als Kind sexuell missbrauchte, was sehr wahrscheinlich ist.

Bild.de, 09.09.2006

***

Was wurde Natascha angetan? — Beängstigende Andeutungen in ihrem neuesten Interview

(…) und sie spricht von der "absolut paranoiden Welt meines Peinigers".

Pein also. Aber welche? Mehr als Andeutungen bringt Natascha Kampusch nicht über die Lippen. Der Kriminalpsychologe Thomas Müller hat ein Profil von Priklopils Seele erstellt. (…) In der Regel nimmt erzwungener Sex eine zentrale Position in so einem sadistischen Wunschgebäude ein. Die Polizistin, die Natascha nach ihrer Flucht als erste vernommen hatte, sprach von Vergewaltigungen, die Natascha nicht als solche erkenne: "Sie sagt, sie hätte alles freiwillig gemacht."

"Berliner Kurier", 12.09.2006

Nach einem Bericht des "Stern" nehmen die Spekulationen ein neues Ausmaß an:

Achteinhalb Jahre war Natascha Kampusch (18) in der Hand von Wolfgang Priklopil († 44). Heute berichtet das Magazin "Stern" von Hinweisen, Priklopil habe Natascha zum Sex in Sadomaso-Kreisen gezwungen.

"Bild", 05.10.2006

***

Fall Natascha – Neue Spur führt in Sado-Maso-Szene

Ein neuer Schock in diesem erschütternden und bizarren Entführungs-Fall!

Offenbar gibt es mehrere Hinweise, wonach Priklopil in der Wiener Sado-Maso-Szene unterwegs gewesen ist. Und er soll Natascha zum Mitmachen gezwungen haben.

Bild.de, 04.10.2006

***

Missbrauchsvorwürfe in Skandalbuch

(…) Deren Mutmaßung: Natascha sei von ihrer Mutter, die ständig neue Liebhaber hatte, als Kind geschlagen worden. Womöglich sei sie sogar schon vor ihrer Entführung im März 1998 sexuell missbraucht worden – in den eigenen vier Wänden.

Bild.de, 02.12.2006

Da wirken Sätze wie diese natürlich wie blanker Hohn:

Vor einem Jahr, am 23. August 2006, gelang Natascha die Flucht aus diesem Haus, ihrem Gefängnis. Es folgte ein anstrengendes Jahr für die junge Frau, ein ständiger Kampf um Normalität und Privatsphäre, um die Rückkehr in ein geregeltes Leben.

"Bild", 18.08.2007

Die österreichische Gratiszeitung "Heute" leistet dazu ihren ganz eigenen Beitrag. Das Blatt veröffentlicht, wie der "Standard" es später formulieren wird, "unter der Titel-Kaskade 'Akte Kampusch. Die Wahrheit. Was die Polizei bisher alles verheimlicht hat. Ihre seltsame Aussage über mögliche Mittäter. Protokoll zu Gewalt und Schwangerschaft' vier Seiten voll mit ein paar Tatsachenfetzen und vielen Spekulationen. Das Beinahe-Gratisblatt Österreich behauptet in einem Titel 'Geheimakte Natascha', es seien 'Sex-Videos und Fotos aufgetaucht'." In beiden Fällen sei die Berichtertattung "damit bemäntelt" worden, "dass die Polizei Akten zu diesem spektakulären Entführungsfall unterschlagen hätte."

Dass es also absolut vertrauliche Dokumente sind, aus denen die Zeitungen da zitieren, hält deutsche Medien nicht davon ab, die "Sex-Details" ebefalls in die Öffentlichkeit zu streuen:

Sado-Maso-Fotos im Verlies?
Dunkles Geheimnis um Natascha Kampusch

Neue Enthüllungen: Der Entführer von Natascha Kampusch stand offenbar auf Sado-Maso-Sex und soll perverse Fotos von seinem Opfer gemacht haben. Wurden die Ermittlungen behindert?

Bild.de, 18.4.2008

***

Wurde Natascha als Sex-Sklavin missbraucht?

Wurde Natascha von ihrem Entführer wirklich als Sex-Sklavin missbraucht und dabei fotografiert, wie österreichische und britische Medien berichten? Laut "Heute" hatte Entführer Priklopil eine Vorliebe für Sex-Sklavinnen in Uniform. Polizisten fanden bei ihm zu Hause eindeutige Fotos. War dort auch seine Geisel Natascha zu sehen?

"Bild”, 18.4.2008

***

Freiwilliger Sex und Sado-Maso? Neue Spekulationen im Fall Kampusch

(…) Auf die Frage, ob sie mit ihrem Entführer Geschlechtsverkehr gehabt habe, soll Kampusch bejahend geantwortet haben. Der Sex soll auf freiwilliger Basis stattgefunden haben.(…) Weitere Enthüllungen und Spekulationen scheinen in naher Zukunft nicht ausgeschlossen.

tz-online, 18.04.2008

***

Die ganze Wahrheit — Die Geheimakte Kampusch

Was hat dieses Mädchen tatsächlich ertragen müssen? (…) Der österreichischen U-Bahnzeitung "Heute" liegen die Ermittlungsakten vor. Der Inhalt: brisant.

(…) Und es wird noch unheimlicher. "Auch durfte sie in den letzten Jahren in seinem Bett schlafen." Sie hätte auch Geschlechtsverkehr mit ihrem Entführer gehabt – freiwillig. All das ist den ehemals geheimen Ermittlungsakten laut "Heute" zu entnehmen.

Bild.de, 18.04.2008

***

Wurde Natascha für Sex-Fotos missbraucht?

Schockierende Meldung der österreichischen Zeitung "Heute". Entführer Wolfgang Priklopil (+ 44, Foto) soll perverse Bilder von seinem Opfer Natascha Kampusch (20) gemacht haben.

"B.Z.", 18.04.2008

***

Natascha Kampusch: Rätsel um geheime Sex-Fotos aus dem Verlies

Die Wiener Tageszeitung "Heute" berichtet, dass Fotos, die Priklopil beim Sado-Maso-Sex (SMS) mit einer Frau zeigen und die er auf einen Datenträger gespeichert hat, auf Befehl "von oben" nicht ausgewertet worden seien. Britische Medien behaupten sogar, dass auf diesen Fotos auch Natascha zu sehen ist.

"Hamburger Abendblatt", 18.04.2008

***

Natascha Kampusch als Sex-Sklavin missbraucht?

(…) Jetzt sollen Sex-Fotos und eindeutige Videos aus der Zeit ihrer Entführung aufgetaucht sein. (…) Wurde die kleine Natascha, die als Zehnjährige entführt und acht Jahre in den Händen von ihrem Peinigers in einem Keller gefangen gehalten wurde, als Sex-Sklavin missbraucht? (…) Auch andere österreichische Medien berichten von Bildern, auf denen sie Handschellen trage, geschlagen und gedemütigt werde.

"Die Welt", 18.04.08

***

Ex-Familienrichter erhebt schwere Vorwürfe: "Natascha wurde schon als Kind missbraucht"

(…) Seit Jahren ermittelt der Akademiker auf eigene Faust. [Martin] Wabl zu BamS: "Ich gehe davon aus, dass Natascha schon vor ihrer Entführung im heimischen Umfeld sexuell missbraucht wurde. (…)”

Bild.de, 19.04.2008

***

Wie freiwillig war der Sex mit ihrem Peiniger?

(…) Am Freitag zitierte die österreichische Zeitung "Heute" nun aus geheimen Ermittlungs-Protokollen. (…) Der spektakuläre Inhalt: Natascha habe ausgesagt, freiwillig Geschlechtsverkehr mit ihrem Entführer gehabt zu haben. Doch wie freiwillig können diese sexuellen Kontakte wirklich stattgefunden haben?

Bild.de, 19.04.2008

***

Die geheime Polizei-Akte Riesen-Wirbel um Veröffentlichung von Verhör-Protokollen — Es geht um Sex, Schwangerschaft und Komplizen

(…) Das zweite Protokoll beinhaltet die Aussage des Arztes (…), der Natascha nach ihrer Flucht untersuchte.

[Zitat aus dem Protokoll]

Sollte Natascha tatsächlich schwanger gewesen sein – was geschah dann mit dem Baby? Wurde es je geboren, wo ist es heute?

"Bild", 19.04.2008

***

(…) Natascha Kampusch hatte offenbar Sex mit ihrem Peiniger — "freiwillig". Alles ist möglich, sagt ein Schweizer Fachmann.

"Blick", 21.04.2008

***

(…) Auf Nachfrage einer Polizistin gab Kampusch an, freiwillig Sex mit ihrem Entführer gehabt zu haben. Als sie gefragt wird, ob es einen weiteren Täter gab, antwortet Kampusch: "Ich weiß keine Namen." Damit bestreitet sie nicht die Existenz eines Mittäters. (…) Ob Kampusch schwanger war, ob sie eine Fehlgeburt erlitt, das Kind in eine Babyklappe legte oder umbrachte, bleibt offen.

"Abendzeitung", 21.4.2008

***

Details aus dem gesperrten Teil der Ermittlungsakten gelangen an die Öffentlichkeit

(…) Sodann führte die Beamtin laut Notiz aus, Frau Kampusch habe ihr gegenüber bemerkt, zwischen dem Entführer Wolfgang Priklopil — er brachte sich am Tag der Selbstbefreiung seines Opfers um — und ihr habe ein "freiwilliges Verhältnis" bestanden. Andererseits soll er es jedoch zu sexuellen Handlungen gezwungen haben. (…) Nachgegangen sind die Ermittler allerdings der wohl brisantesten Frage, die sich aus der jetzigen Veröffentlichung ergibt: War die Entführte von ihrem Peiniger schwanger? In der Akte Kampusch gibt es dazu einen Vermerk des Arztes, wonach sie gefragt habe, "wie lange danach eine Schwangerschaft nachzuweisen" sei.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.04.2008

***

Akte Kampusch: Sensationsgier und Entsetzen über Sex-Details

(…) Wie sehr die ihrer Kindheit beraubte junge Frau mit teils abartigen Phantasien konfrontiert ist, zeigt auch ein Beispiel wenige Wochen nach ihrer Befreiung. Da tauchte auf einer deutschen Internet-Seite ein "Porno-Foto" auf, angeblich aufgenommen von Entführer Wolfgang Priklopil. Das Bilddokument war freilich gefälscht, der Kopf von Natascha Kampusch einfach dazugefügt.

Nun aber soll ein deutsches Reporterteam einem angeblich diesmal auf einem US-Internetserver veröffentlichten "Natascha-Sexfoto" hinterherjagen.

"Kronen Zeitung", 23.04.2008

***

Was wirklich in den Akten steht: Die zehn brennenden Fragen im Kriminalfall Kampusch: Mitwisser? Schwanger? Sex und Sadomaso? Natascha spricht: Die zehn Antworten des Entführungsopfers in NEWS

"News", 24.04.2008

Kaum ist mal ein wenig Ruhe eingekehrt, ergötzen sich die Journalisten an den nächsten schmuddeligen Gerüchten:

Polizei entdeckte hunderte verdächtige Fotos — War Kampusch-Entführer in Kinderporno-Szene verstrickt?

Der Fall Natascha Kampusch (21) wird immer bizarrer: Angeblich existieren zwei Mini-DVDs mit Fotos, auf denen junge Mädchen nackt und gefesselt zu sehen sein sollen!

Bild.de, 08.05.2009

***

Natascha: Sie weinte um ihren Entführer

(…) Radio darf Natascha regelmäßig hören, selten auch eine ausgewählte TV-Sendung sehen – für all diese "perverse Zuwendung", sicher auch sexueller Art, muss Natascha ihren Peiniger jahrelang mit "mein Gebieter" anreden.

Bild.de, 19.06.2009

***

Rückkehr ins Horror-Haus

(…) Hatten Täter und Opfer miteinander Sex? Wolfgang Priklopil schaffte es auf perfideste Art, sich sein Opfer nach und nach – auch – zur Verbündeten zu machen. (…) Nein, Priklopil hat das Mädchen niemals vergewaltigt. Er wollte eine "Beziehung" – mit einem "reinen" Mädchen. (…) Immer öfter hielt sich Natascha schließlich in Priklopils Wohnbereich auf, (…) sie nächtigte in seinem Bett.

"News", 23.07.2009

***

"Fall Kampusch": Gerüchte und Verschwörungstheorien

Sex, Lügen, Videos — kein Ende der wilden Gerüchte im Entführungsfall Natascha Kampusch. Die heute 21-jährige junge Frau sieht sich wieder einmal mit Verschwörungstheorien konfrontiert. Ihr Anwalt: "Unsinn!"

Alle Monate wieder werden vermeintliche "Polizei"- oder "Justizinsider" mit angeblich ganz neuen Enthüllungen zitiert. Im spektakulären Entführungsfall gebe es zumindest Mitwisser, auch von angeblich Dutzenden Sex-Fotos — gemacht von ihrem Peiniger während der achtjährigen Gefangenschaft — ist die Rede.

"Kronen Zeitung", 09.05.2009

***

Die Spur führt nach Deutschland — Ermittler durchsuchen Wohnung von geheimnisvollem Zeugen

Thomas V. will zudem zwei Tage nach der Flucht Kampuschs aus ihrem Kellerverlies im August 2006 im Internet ein pornografisches Video von ihr und ihrem Entführer († 44) gesehen haben.

Bild.de, 10.11.2009

***

Filmte ihr Peiniger den Missbrauch?

(…) aber noch heute gibt es unbeantwortete Fragen, furchtbare Vermutungen. Filmte Priklopil den Missbrauch des jungen Mädchens? Hatte er bei seinen perversen Taten einen Komplizen?

Bild.de, 16.11.2009

Die Jagd wird fortgesetzt, als Natascha Kampusch ein Buch veröffentlichen will und der "Bild"-Zeitung gestattet, vorab Auszüge daraus zu drucken. Auf eine Passage warten sie dort besonders gespannt:

So machte der Täter mich zur Sklavin

(…) Lesen Sie Morgen: Im Bett mit dem Entführer

"Bild", 08.09.2010

Die Boulevardblättern beißen an. Folgendes Zitat findet man mehr oder weniger wortgleich in den Online-Ausgaben von gleich vier Springer-Blättern; in "Bild", dem "Hamburger Abendblatt", der "Welt kompakt" und der "Berliner Morgenpost":

Kampuschs Kidnapper wollte kuscheln — und viel mehr

(…) Als sie 14 war, nahm er sie erstmals mit in sein Bett. Sexuelle Übergriffe seien Teil seiner täglichen Misshandlungen gewesen, mehr wolle sie dazu nicht sagen, sagt Kampusch, aber in diesen Nächten in seinem Schlafzimmer sei es nicht um Sex gegangen. "Der Mann, der mich schlug, in den Keller sperrte und hungern ließ, wollte kuscheln." Damit sie nicht fliehen konnte, während er schlief, fesselte er sie mit Kabelbindern an sich.

morgenpost.de, 06.09.2010

Auch andere Medien interessieren sich vor allem für die pikanten Stellen:

(…) Es kommt zu sexuellen Übergriffen — als Teil der täglichen Pein. Natascha Kampusch verzichtet auf genaue Beschreibungen: "Es ist der letzte Rest an Privatsphäre, den ich mir noch bewahren möchte", schreibt sie in dem 284 Seiten langen Buch.(…) Mit 14 Jahren verbrachte sie ihre erste Nacht oben, im Schlafzimmer, neben ihrem Peiniger. Die Handgelenke mit Handschellen gefesselt. Es ging ihm nicht um Sex, schreibt sie. Er wollte kuscheln.

"B.Z.", 07.09.2010

***

(…) Als Natascha 14 Jahre war, holte sie Priklopil zu sich ins Bett. Über die sexuellen Übergriffe will Natascha Kampusch nichts sagen. "Es ist der letzte Rest an Privatsphäre, den ich mir noch bewahren möchte." In den Nächten band er sie mit Kabelbinder an den Handgelenken an sich. Doch wenn er Natascha an sich fesselte, ging es nicht um Sex. "Der Mann, der mich schlug, in den Keller sperrte und hungern ließ, wollte kuscheln. Ich hätte schreien können."

"Berliner Kurier", 08.09.2010

***

Alice im Horrorland
Kampusch-Biografie. Keine neuen Antworten, aber viele Einsichten.

(…) Antworten, die sie nicht geben will, bleiben ausgespart — etwa zu sexuellem Missbrauch: "Ich werde über diesen Teil meiner Gefangenschaft nicht schreiben — es ist der letzte Rest an Privatsphäre, den ich mir noch bewahren möchte", schreibt sie. Nur soviel: Kleine sexuelle Übergriffe habe es gegeben, aber in den Nächten, die sie gefesselt neben dem Entführer verbringen musste, "ging es nicht um Sex". Lieber wollte er "kuscheln."

"Die Presse", 09.09.2010

***

Kuscheln mit dem Kidnapper

(…) "Nichts ist nur schwarz und nur weiß. Und niemand ist nur gut und nur böse. Das gilt auch für den Entführer", sagte Kampusch. Und schwieg fortan. Kein Wort zur erlebten Gewalt, zum möglichen sexuellen Missbrauch. Das sei ihre Intimsphäre, beharrte sie. Das letzte Stück, das ihr verblieben sei.

(…) Ein Pädophiler scheint Prikolpil dagegen nicht gewesen zu sein: Zu Anfang musste sich das Mädchen noch im Verlies mit einer Flasche im Waschbecken abduschen – der Entführer half ihr dabei. (…) Erst als Kampusch 14 Jahre alt ist, nähert sich Priklopil ihr. "Ich lag starr vor Angst im Bett des Täters", erinnert sich Kampusch. " (…) Dann legte er sich zu mir und fesselte mich an den Handgelenken mit Kabelbindern an sich." Und dann geschieht das Überraschende: "Der Mann, der mich schlug, in den Keller sperrte und hungern ließ, wollte kuscheln." Kampusch stellt klar: "Der Täter war in vieler Hinsicht eine Bestie und grausamer, als man es sich überhaupt ausmalen mag – aber in dieser war er es nicht. Natürlich setzte er mich auch kleinen sexuellen Übergriffen aus, wie die Knüffe, die Fausthiebe, die Tritte im Vorbeigehen gegen das Schienbein. Doch wenn er mich in den Nächten, die ich oben verbringen musste, an sich fesselte, ging es nicht um Sex."

Mehr will Natascha Kampusch über diesen Teil ihrer Gefangenschaft nicht sagen. "Es ist der letzte Rest an Privatsphäre, den ich mir noch bewahren möchte, nachdem mein Leben in unzähligen Berichten, Verhören, Fotos zerpflückt wurde. Doch soviel will ich sagen: In ihrer Sensationsgier lagen die Boulevardjournalisten weit daneben."

focus.de, 08.09.2010

Der Zeitung "Österreich" ist inzwischen auch das letzte bisschen Taktgefühl abhanden gekommen.

(…) Ein letztes Geheimnis bewahrt sich Natascha: Ob sie Sex mit Priklopil hatte. Sie schreibt, dass sie in seinem Bett lag, dass er kuscheln wollte, aber hier bricht sie ab. "Es ist der letzte Rest Privatsphäre, den ich mir noch bewahren will."

Nächste Seite: Die erste Nacht im Bett von Priklopil

oe24.at, 7.9.2010

Und so stürzen sich die Medien – und zwar längst nicht nur die des Boulevard – verzweifelt auf jedes bisschen Nacktheit, das sie finden können:

Ich musste halb nackt für ihn putzen

(…) Über die Zeit in den Fängen ihres Entführers Wolfgang Priklopil (verstorben 44) hat sie jetzt ein Buch* geschrieben.

Heute: Wie Priklopil sie zur Hausarbeit zwang und in sein Bett holte.

"Bild", 09.09.2010

***

Halb nackt als Sklavin, im Bett mit dem Peiniger

(…) 200 Schläge pro Woche musste sie ertragen. Natascha musste mit ihrem Peiniger in einem Bett schlafen, ihre Haare rasieren, halb nackt wie eine Heimsklavin vor ihm arbeiten, der blanke Horror.

oe24.at, 06.09.2010

***

Kampusch musste halbnackt für Entführer putzen

(…) "Im Haus musste ich immer halb nackt arbeiten und im Garten durfte ich keine Unterwäsche tragen", wird sie in der Bild zitiert. Als Natascha Kampusch 14 Jahre alt war, holte Priklopil sie zum ersten Mal zu sich ins Bett. Mit Kabelbindern fesselte er sie, wie es in den Auszügen zu lesen ist, an den Handgelenken an sich. Doch dabei sei es ihm nicht um Sex gegangen. "Der Mann, der mich schlug, in den Keller sperrte und hungern ließ, wollte kuscheln", zitiert die Boulevardzeitung aus dem Buch.

***

(…) Er will, dass sie sich fügt, sich an ihn bindet, wie er sich an sie bindet, nachts sogar mit Kabelbindern. Mit 13 wird das Kind zur Haussklavin, sie putzt halb nackt.

"Die Zeit", 16.09.2010
***

"Er hielt mich als seine SKLAVIN"

(…) Sie musste halb nackt für ihn putzen und kochen, bekleidet nur mit Unterhose und einer Kappe.Mit 14 musste sie die erste Nacht in seinem Bett verbringen — mit Kabelbindern an den Handgelenken an ihren Peiniger gefesselt. Damit sie nicht fliehen konnte, während er schlief.

"Bunte", 09.09.2010

Mittlerweile – die Jagd dauert bereits über vier Jahre – schrecken die Journalisten selbst vor den bizarrsten Gerüchten nicht mehr zurück. Es geht um Kinderpornoringe, vertuschte Schwangerschaften, Liebes-Beziehungen – das meiste wird auch von deutschen Medien bedenkenlos abgesondert:

Geheimakte Kampusch — Entführer hatte Komplizen — Selbstmord-Theorie wackelt — War Natascha schwanger?

(…) "20 Minuten online" berichtet auch über einen Aktenvermerk, wonach das Schlafzimmer im Obergeschoss der hauptsächliche Aufenthaltsort von Natascha war. In einem Bericht heißt es: "Auch durfte sie in den letzten Jahren in seinem Bett schlafen." In einer Kammer war eine Reisetasche mit Damenbekleidung in Größe 34–36 und ein Bikini — wahrscheinlich Kleidung von Natascha. (…) Die Beziehung von Natascha und Wolfgang Priklopil bleibt mysteriös. Warum ließ sie die Fluchtmöglichkeiten verstreichen? Lebten sie wie ein Paar? Einer Polizistin soll Kampusch nach der Flucht gesagt haben, sie habe Sex mit Priklopil gehabt — freiwillig. Immer wieder taucht auch der Verdacht auf, Natascha hätte während ihrer Gefangenschaft ein Kind bekommen.

"Hamburger Morgenpost", 27.02.2012

***

Hütet Natascha Kampusch ein grausames Geheimnis?
Österreichische Politikerin: Sie hatte ein Baby mit ihrem Peiniger, das womöglich im Garten vergraben wurde — oder sogar noch lebt

"B.Z.", 02.12.2011

***

"Geheimbund" sucht nach Nataschas Tochter

3096 Tage war Natascha Kampusch gefangen in einem Kellerloch. Brachte sie dort vor acht Jahren eine Tochter zur Welt? Ein Kind, das sie zusammen mit Ernst H., dem Freund ihres Entführers Wolfgang Priklopil († 44), zeugte?

Bild.de, 02.03.2012

Als im April 2012 angekündigt wird, dass Natascha Kampuschs Geschichte verfilmt werden soll, ist es keine Überraschung, dass es eine Sache gibt, die am gierigsten erwartet wird:

Es wird auch um den Sex zwischen dem Entführer Wolfgang Priklopil und Kampusch gehen. Natascha Kampusch hatte davon ihrer Auto-Biografie nichts erwähnt.

"B.Z.", 16.04.2012

***

Natascha-Film mit Sex-Szene

(…) Was viele überrascht: Im Film wird es auch Sexszenen geben. Doch Natascha Kampusch hatte weder in Interviews noch in ihrer Biografie (3.096 Tage) bisher jemals über sexuelle Übergriffe gesprochen. Peter Reichard, der mit Bernd Eichinger zwei Drittel des Drehbuchs schrieb, erklärt: "Natascha und Bernd Eichinger waren sich darüber einig, dass auch intime Annäherungen im Film gezeigt werden sollen. Der Film kann das nicht ausklammern, wenn er glaubwürdig sein will." (…) Was aber genau gezeigt wird, bleibt derzeit noch offen.

oe24.at, 17.04.2012

***

Neuer Natascha-Film Trailer von "3096 Tage" schildert Love-Story.

(…) Bereits Eichingers Witwe Katja erwähnte in ihrem Buch "dass Natascha stärker wurde als Priklopil und wie sie sich genommen hat, was sie zum Überleben brauchte – einschließlich Sex". Der Natascha-Film kommt im Februar 2013 in die Kinos.

oe24.at, 16.11.2012

***

Angriff auf Natascha Kampusch — Autorin [Witwe von Bernd Eichinger] schimpft sie eine "cholerische Diva"

(…) Und die Autorin geht noch einen Schritt weiter: "Sie hat ja immer nur einen Teil erzählt, nämlich den Teil ihrer Opfergeschichte." Doch laut der Journalistin gab es noch einen anderen Teil, "nämlich die Geschichte, wie sie stärker wurde als P. (Entführer Wolfgang Priklopil, Anm.) und wie sie sich genommen hat, was sie zum Überleben brauchte (einschließlich Sex)".

oe24.at, 06.09.2012

Bei Bild.de fabuliert die österreichische Kolumnistin Marga Swoboda, die von sich behaupten kann und das auch tut, schon mal eine "reale Begegnung" mit Natascha Kampusch gehabt zu haben:

Wie erträgt sie die Schreckensszenen aus ihrem Film?

(…) Einmal saß ich mit Natascha Kampusch am Küchentisch, sie malte plötzlich nackte Frauen im Stil der Vargas-Girls aus dem "Playboy". Ich habe keine Ahnung, was sie damit erzählen wollte. Einmal war ich zu ihrem Geburtstag, dem ersten in Freiheit, geladen. Sie kam als Geisha. Ich weiß nicht, warum. Es wurde in einem Keller gefeiert. Ich weiß nicht, warum.

Bild.de, 18.11.2012

Frau Swoboda erwähnt ausgerechnet diese Szenen. Man weiß nicht, warum. Jedenfalls zeugt es doch von einer gewissen, sagen wir, moralischen Flexibilität, wenn man zuerst solche sonderbaren Andeutungen macht und sich dann über jene Menschen aufregt, "die sich an Sex-Fantasien zu Nataschas Gefangenschaft erhitzen."

Mittlerweile ist es für manche Medien nahezu üblich geworden, bei jedem öffentlichen Auftritt von Natascha Kampusch nochmal das runterzubeten, was man bislang über den sexuellen Missbrauch in Erfahrung bringen konnte:

Aktenzeichen XY Spezial "Wo ist mein Kind?" — Natascha Kampusch: "Es ist wichtig, die Suche nie aufzugeben"

(…) Natascha verschwand für Jahre im Kerker des Entführers. Nur manchmal holte er sie aus dem Verlies nach oben. Dann musste sie halbnackt die Wohnung putzen oder völlig unbekleidet im Garten arbeiten. (…) In manchen Nächten holte der Entführer sein Opfer zu sich ins Bett, fesselte das Mädchen an sich. "In den Nächten ging es nicht um Sex. Der Mann, der mich schlug, in den Keller sperrte und hungern ließ, wollte kuscheln", schreibt Kampusch in ihrer Autobiografie "3096 Tage".

Bild.de, 28.11.2012

Auch der Auftritt in Günther Jauchs ARD-Talkshow am vergangenen Wochenende war für Bild.de Anlass genug, nochmal die bekannten Sex-Fakten zusammenzufassen:

Fernsehauftritt an ihrem 25. Geburtstag — Natascha Kampusch heute bei Jauch

(…) Das Mädchen wird gezwungen, halbnackt die Wohnung zu putzen oder völlig unbekleidet im Garten zu arbeiten. In manchen Nächten holte der Entführer sein Opfer zu sich ins Bett. Er fesselte das Mädchen an sich. "In den Nächten ging es nicht um Sex. Der Mann, der mich schlug, in den Keller sperrte und hungern ließ, wollte kuscheln", schreibt Kampusch in ihrer Autobiografie. Ein Liebesverhältnis, ein heimliches Kind, ein Pädophilenring – Gerüchte gibt es viele, teils abstruse.

Bild.de, 17.02.2013

Natascha Kampusch hatte die Talkshow unter anderem deswegen besucht, um den bald erscheinenden Film zu bewerben, der die Geschichte ihrer Gefangenschaft erzählt. Auf welche Szenen die Medien es dabei am meisten abgesehen haben, können Sie sich jetzt denken:

Im Film haben sie auch Sex

"Kronen Zeitung", 18.02.2013

Auch für "Bild"-Mann Norbert Körzförfer gab es am Dienstag, als er Natascha Kampusch interviewte, vor allem ein Thema:

(…) Ihr Lebens– und Leidensfilm "3096 Tage" (Kinostart: 25. Februar) beginnt mit der Sehnsucht nach Licht. ABER: Er bricht auch mit einem Tabu – erzwungener Sex mit dem Monster?!?

► Der Film zeigt seltsame Kuschel-Szenen. Aber es gibt auch schmerzliche, verdeckte Momente, die zur ohnmächtigen Vergewaltigung werden.

► Verdunkeltes Schlafzimmer, gefesseltes, ausgehungertes Mädchen. Kondome. Ein stöhnender Psychopath. Und das stumme leidende Kindergesicht mit schreienden Augen.

BILD: Wir sehen Sex-Szenen, die in Ihrem Buch tabu waren. Der Täter fesselt seine und Ihre Hand mit einem Kabelbinder zusammen – und zieht Sie ins Bett.

Kampusch: "Er fesselte mich beim Sex, damit ich ihn im Schlaf nicht überwältigen konnte!"

Sie hat früher einmal gesagt: "Ich wurde nicht vergewaltigt!" Das würde sie heute so nicht mehr wiederholen!

Jetzt haben die Medien endlich das, worauf sie seit Jahren gewartet haben: Schmutzige Details.

Und eine Bestätigung dessen, was sie schon von Anfang an vermutet hatten. "Bild" titelt: "Zum 1. Mal spricht Kampusch über die Vergewaltigung durch ihren Peiniger". Die Dachzeile "Endlich!" konnten sie sich wohl gerade noch verkneifen.

Und diese vermeintliche Nachricht wird von anderen Journalisten tatsächlich als solche wahrgenommen:

Kampusch bestätigt erstmals Vergewaltigung

Die Österreicherin Natascha Kampusch (25), die 2006 nach achteinhalb Jahren Gefangenschaft aus einem Kellerverlies flüchtete, hat in der ARD-Talkshow "Günther Jauch" erstmals eingestanden, dass sie von ihrem Entführer und Peiniger schwer sexuell missbraucht wurde.

"Märkische Allgemeine", 19.02.2013

"Erstmals eingestanden". Das klingt, als hätte sie ein Geständnis abgelegt. Für ein Verbrechen, das an ihr begangen wurde. An ihr!

Doch auch wenn sich Natascha Kampusch jetzt, ja, ergeben hat, auch wenn sie ihr letztes "Geheimnis", wie es die Medien vorwurfsvoll nannten, schließlich doch noch gelüftet hat, ist es dennoch nicht das Ende der Jagd.

Sie geht von jetzt an nur in eine andere Richtung. Denn jetzt ist klar, ob es einen sexuellen Missbrauch gegeben hat. Nun geht es darum, wie er abgelaufen sein könnte. Ausgesehen haben könnte. Und dank des Kinofilms muss man sich für die Beantwortung dieser Fragen nicht mal die Hände schmutzig machen, denn immerhin geht es ja "nur" um eine Filmszene:

(…) Auch der Entführer im Film bindet in seinem Schlafzimmer ein Handgelenk seines Opfers an sein eigenes. Doch es bleibt nicht beim Kuscheln. Der Täter liegt auf seinem Opfer, er stöhnt, sie rührt sich nicht. Die Kamera zeigt dabei das Gesicht der Darstellerin Antonia Campbell-Hughes in Großaufnahme, regungslos und doch sichtbar entschlossen, auch diese Tortur zu überstehen.

"Der Spiegel", 18.02.2013

***

Neue Details — Natascha-Film zeigt ganze Wahrheit

(…) Darüber hatte sie bisher immer geschwiegen: Ob es Sex zwischen ihr und Entführer Wolfgang Priklopil gegeben habe, sei alleine ihre Sache. Niemanden gehe das etwas an.

Im Zuge der PR zum Film über ihre Leben (3096 Tage, ab kommendem Donnerstag in den Kinos) macht Natascha Kampusch nun doch eine Ausnahme. Ja, sie sei von ihrem Peiniger zum Geschlechtsverkehr gezwungen worden. (…) Genau diese brutale Realität wird auch im Film gezeigt: Natascha liegt im Bett. Ihr Peiniger über ihr. Natascha leidet stumm, und trotzdem wird der Schrecken auf unglaubliche Weise transportiert.

oe24.at, 19.2.2013

***

Diese Bett-Szenen konnte sie nicht verhindern

(…) Im Film sieht man, wie Entführer Wolfgang Priklopil sie mit Kabelbindern an sich fesselt, sie zum Sex zwingt. Er liegt auf seinem Opfer und stöhnt, sie rührt sich nicht.

(…) der Film zeigt Darstellerin Antonia Campbell-Hughes als Natascha Kampusch in einer Sexszene – sie liegt mit versteinerter Miene unter ihrem Peiniger, die Augen von ihm abgewendet.

Bild.de, 18.02.2013

Aber all das reicht noch nicht.

Es reicht nicht, dass die Journalisten die Bitte — das gottverdammte Recht — Natascha Kampuschs, sie doch endlich in Ruhe zu lassen mit diesen "Sex-Details", über Jahre hinweg einfach ignorieren. Es reicht nicht, dass sie es ihr sogar zum Vorwurf machen, wenn sie nicht auch noch die letzten intimen Geheimnisse ihrer Gefangenschaft vor der Weltöffentlichkeit ausbreiten will. Es reicht nicht, dass die Medien in ihrer Gier nach schlüpfrigen Einzelheiten selbst den bizarrsten Gerüchten hinterhecheln und dass sie es für absolut selbstverständlich erachten, über das Sexualleben des Mädchens zu spekulieren, irgendwelche perversen Szenarien nachzuzeichnen und Dinge schlichtweg zu erfinden. Es reicht nicht, dass die Journalisten jene spärlichen Details, die das Mädchen — auf welchem Weg auch immer — dennoch preisgibt, bis ins Letzte ausschlachten und selbst Jahre später in jedem Artikel die Qualen des sexuellen Missbrauchs so beiläufig runterbeten als wären es die Stationen einer akademischen Laufbahn. Es reicht auch nicht, dass die Medien es als große Nachricht verkaufen, dass Natascha Kampusch jetzt zum ersten Mal über ihre Vergewaltigung spricht und auch nicht, dass die Sex-Szenen des Kinofilms Einstellung für Einstellung nacherzählt werden. Nein.

Jetzt wird die Vergewaltigung sogar bebildert:

Zum 1. Mal spricht Kampusch über die Vergewaltigung durch ihren Peiniger

"Bild", 19.02.2013

"ER FESSELTE MICH BEIM SEX, DAMIT ICH IHN IM SCHLAF NICHT ÜBERWÄLTIGEN KONNTE

Bild.de, 19.02.2013

Im Film "3096" Tage über Natascha Kampusch wird auch diese harte Filmszene mit der Vergewaltigung durch ihren Peiniger gezeigt. Klicken Sie sich durch weitere Filmszenen in der Galerie

Bild.de, 19.02.2013

In der Talkshow von Günther Jauch wird diese Szene auch gezeigt — die nachempfundene Vergewaltigung eines Mädchens. Zur besten Sendezeit. In Großaufnahme. 15 Sekunden lang. Während das vergewaltigte Mädchen live im Studio sitzt.

Unfassbar.

Und so arbeiten die Journalisten weiter daran, unter dem Deckmantel des öffentlichen Informationsinteresses die Sensationsgier, die Lust auf intime Details, die "latente pädophile Geilheit" ihrer Leser, ihrer Zuschauer und ihrer selbst zu befriedigen.

Aber das Schlimmste ist: Offensichtlich haben wir uns daran gewöhnt.

Anzeige

Anzeige